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Warum scheitern wir?

Bild: shutterstock

Eine Selbstkritik in fünf Punkten.

15.08.16, 12:34 21.08.16, 15:16


Kürzlich fragte mich eine Leserin per Message, warum wir eigentlich oft nicht unser ganzes Potential ausschöpfen. Dies geschah, nachdem ich vor Kurzem darüber geschrieben hatte,dass es okay ist, zu scheitern und dass es heilsam sein kann, zu seinen Unzulänglichkeiten zu stehen.

Die junge Frau schrieb: «Ich traue mich mittlerweile erst gar nicht mehr, Dinge zu wagen, mit denen ich scheitern könnte. Dabei wäre es doch sinnvoller, Dinge zu wagen, und dann zu analysieren, was mich letztendlich scheitern lässt.»

Diese Worte hallten in mir nach und ich merkte, dass ich mir immer wieder Gedanken dazu machte. Denn es ist nicht nur wichtig, zu erkennen, dass wir alle keine Superhelden sind und auch mal auf der Nase landen, sondern auch, was uns ins Stolpern bringt.

Da man nicht pauschal das Seelenleben aller Menschen über einen Kamm scheren kann, habe ich mir mein eigenes Verhalten vorgenommen und analysiert, wo ich mir in der Vergangenheit selber das Bein gestellt habe. Und das kam öfter vor.

Warum scheiterte ich?

1. Der Foifer und das Weggli

Oft wollte ich Dinge, ohne die Einschränkungen und den Aufwand in Kauf nehmen zu müssen, die sie mit sich brachten. Ich wollte die damit verbundenen Vorteile geniessen, jedoch keine Nachteile in Kauf nehmen müssen.

Das sehe ich auch immer wieder bei Menschen, die vom Schreiben leben wollen, und mich deshalb um Rat fragen. Die Situationsbeschreibung ist meist ähnlich: Ich möchte kreativ sein und davon gut leben können. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass das (zumindest anfangs) sehr selten gleichzeitig möglich ist. Wenn man den Sprung in die Selbständigkeit wagen will, dann bedeutet das oft, dass für eine gute Weile Budget Spaghetti auf den Tisch kommen und weder Ferien noch sonst grosse Sprünge drin sind.

Memo to me: Persönliche Wagnisse brauchen Mut und soviel Überzeugung, dass man auch die eine oder andere Durststrecke – sei sie finanziell oder anderer Art – in Kauf nimmt. Ansonsten lohnt es sich, den Wunsch als auch dessen Umsetzung noch einmal zu überdenken.  

2. Externe Attribution

Die Psychologie kennt die Attributionstheorien. Sie beschäftigen sich damit, auf welche Ursachen wir unser eigenes und das Verhalten anderer zurückführen.

Innerhalb dieser Theorien gibt es diejenige der «Selbstwertdienlichen Attributionen»: Wir attribuieren positiven Outcome gerne auf interne Faktoren (weil wir eben so grossartig und unfassbar klug sind) und negative Outcomes eher auf externe (wie Schicksal, Zufall, Unglück), weil dies unseren Selbstwert aufrecht erhält, denn wir waren ja nicht Schuld, sondern der allmächtige Karmaziegenbock auf dem heiligen Berg in Sumatra.

Und genau das tat ich, wenn meine Vorhaben nicht ganz nach meinem Gusto abliefen. Das Schicksal war's. Oder der Moment. Oder die Wirtschaft. Oder der Nerv der Zeit. Einfach alles andere – ausser ich.

Memo to me: Das ist natürlich Blödsinn. Wer wirklich überzeugt und bereit ist, sich in ein Abenteuer zu stürzen, der weist bei Holpersteinen nicht Schuld zu, sondern übernimmt Verantwortung, re-evaluiert und rappelt sich wieder auf.

3. «Ich lass’ mir nichts sagen»

Immer wieder kam mir in den Weg, dass ich gute Tipps von aussen als Kritik oder Angriff interpretierte und mir alle Mühe gab, dagegen zu argumentieren, anstatt mir den Input anzuhören, ihn zu verdauen und das, was an Wahrem dran war, in meine Pläne zu implementieren. Und: Es gab mehrfach Momente, wo ich später dachte: «Hätt’ ich mal auf ihn gehört ...»

Memo to me: Klar, wenn man Leidenschaft für etwas empfindet, dann ist man sensibel. Man tendiert manchmal gar dazu, zu denken, man sei der einzige Mensch mit wirklicher, wahrer Passion fürs Thema und wenn einem dann jemand dreinredet, irritiert einen das. Aufgabe ist es dann, Tipps wirklich als Tipps und eben nicht als Angriff zu erkennen und davon auszugehen, dass andere Menschen durchaus auch ihre Erfahrungen zum Thema gesammelt haben. Ob man diese Tipps auch umsetzt, kann man dann noch immer entscheiden. Zuhören aber tut keinem weh.  

4. Everybody’s perfect

Es gab Momente, in denen ich gewisse Vorhaben aufgab, weil um mich herum alle, die ähnliche Pläne verfolgten, ohne Probleme voranzukommen schienen, während ich immer wieder haderte, stolperte und mich aufrappeln musste. Davon leitete ich ab, dass ich für ein solches Unterfangen weniger gut geeignet war als alle anderen.

Memo to me: Erzählte ich jedoch jemandem von meinen Schwierigkeiten? Nein. Und das taten all diejenigen, mit deren vordergründig brillanter Leistung ich mich verglich, eben auch nicht. Man tut sich gut daran, vielleicht mal aus der Komfortzone rauszukommen und bei den vermeintlichen Wunderkindern nachzufragen. Einerseits wird man dann wohl zu hören bekommen, dass bei denen auch nicht alles immer eitel Sonnenschein ist – andererseits bekommt man vielleicht sogar den einen oder anderen Tipp, wie man gewisse Baustellen beseitigen kann. Von Punkt Nummer 3 wissen wir ja nun: Wir müssen dann nur noch richtig zuhören.  

5. «Ich kann das nicht»

Und letztlich glaube ich, dass die Worte der jungen Frau vom Anfang auch auf mich zutreffen: Einer der Hauptgründe, warum ich Dinge im Verlauf meines Lebens nicht erreicht habe, ist, dass ich sie gar nicht erst angegangen bin.

«Ich kann das nicht», «Ich bin nicht gut genug», «Ich weiss zu wenig», «Ich überschätze mich».  

Gerade, wenn es um wirkliche Lebenswagnisse geht, sieht man sich anfangs oft mit einer Art Mount Everest an Herausforderungen konfrontiert, die einen als Gesamtheit beinahe erschlagen.

Memo to me: Baby Steps. Wenn man am Fuss eines Berges steht und jeder Schritt, den man nimmt, in irgendeiner Form bergauf geht, landet man irgendwann zwangsweise beim Gipfel. Manchmal lohnt es sich, nicht nach oben zu schauen und einfach einen Fuss vor den andern zu setzen. Und es wird Momente geben, wo man irgendwo auf einem Stück Felsen hockt, noch nicht mal die Hälfte des Weges hinter sich hat und mit in die Hände gestütztem Gesicht sagt: «Bin ich eigentlich völlig verrückt?»

Und auch das braucht's. Lebensabenteuer brauchen ein kleines Stück Wahnsinn. Wie wir von Steve Jobs selig gelernt haben:  

«The people who are crazy enough to think they can change the world are the ones who do.»

Yonnihof Yonni Meyer

Yonni Meyer

Yonni Meyer (34) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.

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22Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • JThie 21.08.2016 13:13
    Highlight Danke für den schönen Artikel!
    2 0 Melden
  • lilie 16.08.2016 16:10
    Highlight Vielen Dank, liebe Yonni, für den sehr persönlichen Artikel. Ich empfinde das als eine grosse Stärke, dass du deine eigenen Erfahrungen sprechen lässt.

    Sehr sympathisch, entwaffnend charmant. ☺
    13 0 Melden
  • Bruno Wüthrich 16.08.2016 08:41
    Highlight Weiter unten wurde geschrieben, die Gesellschaft akzeptiere kein Scheitern. Dies ist nur bedingt richtig. Fakt ist viel mehr, dass wir selbst unser Scheitern nicht akzeptieren, und uns danach entsprechend verhalten. Wer sich nach seinem Scheitern schämt, muss sich nicht wundern, dass er dabei ein Verhalten an den Tag legt, das negativ auf seine Umwelt wirkt.

    Wer trotz seines Scheiterns nicht den Mut verliert, und abgesehen von den Veränderungen, die das Scheitern selbst mit sich bringt, der bleibt, der er vorher war, hat von der Gesellschaft viel weniger negative Reaktionen zu befürchten.
    5 5 Melden
  • rodolofo 16.08.2016 07:54
    Highlight Dazu fällt mir ein Beispiel aus der traditionellen Ostafrikanischen Xylophon-Musik ein, die früher an Königshöfen in Uganda gespielt wurde und vom Musik-Ethnologen Kubik mitspielend untersucht wurde:
    In dieser Xylophon-Musik sitzen einander zwei Spieler gegenüber und spielen ineinandergreifend melorhytmische Muster in wiederkehrenden Zyklen von z.B. 22 Schlägen.
    Jeder Spieler denkt sich seine eigenen Schläge "auf dem Beat" und empfindet die Zwischenschläge des gegenüber sitzenden Spielers im "Offbeat".
    Würden einer den Beat gleich denken, wie der andere Spieler, würde er sofort "rausfallen".
    5 1 Melden
  • Spooky 15.08.2016 18:21
    Highlight Ich habe in meinem Leben Leute gekannt, die haben immer hart gearbeitet und waren unternehmungslustig und so, aber sie haben trotzdem nie etwas auf die Reihe gekriegt, sie haben irgendwann trotz allen Anstrengungen wieder alles verloren. Und am Ende ihres Lebens waren sie arm und verbittert.

    Andererseits habe ich Leute gekannt, die haben sich überhaupt nicht angestrengt, und denen ist der Erfolg nur so zugeflogen. Zum Beispiel bei Models.

    Meine These: Es gibt Leute, die haben Glück, und es gibt Leute, die haben Pech. Mehr sollte man nicht in ein Schicksal hineinlesen.
    9 20 Melden
  • Bruno Wüthrich 15.08.2016 17:55
    Highlight Explosive Mischung: Den Föifer und s'Weggli wollen, die Schuld aufs Schicksal schieben, wenn man nicht beides erhält, beratungsresistent, ja, sogar in sich gekehrt sein, (sich nicht getrauen, andere zu fragen, weshalb sie denn erfolgreich sind), und sich schliesslich sagen, dass man das, was man sich vorgenommen hat, gar nicht kann...

    ...also bei so einer dramatischen Konstellation ist ein Scheitern nicht verwunderlich. Frau Meyer hat jedoch die Sache analysiert, und ändert sich - was schwierig ist - gerade in jeder Beziehung.

    Frage an Frau Meyer: Bei welchem Vorhaben scheiterten Sie denn?
    2 5 Melden
    • rodolofo 16.08.2016 08:05
      Highlight Wenn wir den Erfolg ins Zentrum unserer Bemühungen stellen, werden wir scheitern, denn dann werden unsere Bemühungen allzu berechnend. Uns fehlt dann die Leidenschaft und damit auch die gefühlte Überzeugung, dass der eingeschlagene Weg richtig ist.
      Nicht nur wir sind dann unsicher, sondern alle Anderen um uns herum, die einen Reiz verspüren, uns das Bein zu stellen, so dass wir stolpern und "Mee Dräkk" erleben!
      Für mich waren solche Stürze sehr schmerzhaft und verunsichernd. Nachdem ich mich wieder aufgerappelt hatte, öffnete sich aber ein neuer Weg, der besser zu meinem Charakter passte!
      2 1 Melden
  • Eman Kcin 15.08.2016 16:58
    Highlight Hmm,
    Ich denke etwas fehlt: Pech. Genau so, wie man Glück haben kann (Glück ist oft einfach auch Timing. Wie viele Videoplattformen gab es vor Youtube) kann man alles richtig machen und trotzdem scheitern.

    Und die das ganze mit Bergsteigen vergleichen: Sorry, aber je nach Berg ist scheitern kein Prozess von dem man wieder aufsteht, sondern das letzte, was ich im Leben getan habe (wäre ein anderes Posting wert, warum ich trotzdem in die Berge gehe)

    Was ich wirklich spannend finde: woran erkenne ich, dass ich am Scheitern bin? Was kann ich daran ändern? Abbruchkriterien?
    8 2 Melden
    • rodolofo 16.08.2016 08:11
      Highlight Vielleicht so:
      Sich durchbeissen, bzw. "den inneren Schweinehund überwinden" ist zwischendurch überall nötig.
      Wenn ich aber ständig beissen muss und nicht zwischendurch Zeit finde, auch mal locker zu lassen und zu lachen, bekomme ich einen Krampf im Kiefer und muss zum Arzt.
      Der Arzt würde wird mir dann vielleicht empfehlen:
      "Wenn Sie je wieder normal kauen wollen, dann suchen Sie sich eine andere Beschäftigung!"
      2 1 Melden
  • Zeit_Genosse 15.08.2016 16:32
    Highlight Vielleicht mache ich es mir zu einfach. Ich sehe das Scheitern nicht als Endpunkt sondern als unerwünschtes Resultat in einem Prozess, der sich analysieren und damit verändern lässt. So sind Fehler auch nur Abweichungen, die einem dem Ziel nicht näher bringen und meist korrigierbar sind. Ist etwas irreversibel, dann ist das wie eine Sackgasse aus der man Rückwärts wieder herauskommen kann/muss. Ja, mit Aufwand und manchmal mit viel Schweiss oder Frust verbunden. Das gehört dann dazu. Der Blick vom Berg bedingt das Erklimmen des Bergs und das Durchqueren von Tälern. Wichtig: In Bewegung bleiben
    16 0 Melden
  • Menel 15.08.2016 15:53
    Highlight Für mich ist ein wichtiger Punkt, dass ich scheitern nicht persönlich nehme. Klar ist es Mist, wenn etwas nicht klappt, in was man Zeit und Energie investiert hat. Aber es sagt doch nichts über die Persönlichkeit eines Menschen, über meine, etwas aus.
    Ich mag Herausforderungen und ein Ziel, auf das ich hinarbeite. Aber ich fixiere das Ziel dabei nie zu stark, denn zu oft habe ich erlebt, dass einem auf dem Weg zum Ziel, noch viele andere, faszinierende und spannende Dinge begegnen, sich neue Wege auftun können. Fokusiert man etwas zu stark, dann bleibt einem der Blick für anderes verwehrt.
    13 1 Melden
  • Matthias Studer 15.08.2016 14:37
    Highlight Ich glaube der wichtigste Punkt ist: wir leben in einer Gesellschaft, die keine Fehler zulässt.

    Wir wissen zwar genau, dass Fehler (Versagen) normal ist, trotzdem ist unsere Gesellschaft auf 0 Fehler programmiert.

    Das kann finanziell sein (alle Schulden werden über Jahrzehnte abbezahlt, wenn das überhaupt geht) oder eben Versagen als Geschäftsführer. Dieser findet in Europa kaum mehr eine Stelle.

    Wir müssen von dem Weg kommen. Den es bremst mehr als es was bringt. Persönlich wie wirtschaftlich.
    27 0 Melden
  • pamayer 15.08.2016 14:00
    Highlight Schöne überlegungen. Danke.
    Ich sehe mich natürlich 1:1 gespiegelt.
    Vor allem, wenn's gelungen ist, ist's weil ich so genial bin - wenn nicht gelungen kann ich wunderbar über alle möglichen und unmöglichen gründe referieren.
    7 1 Melden

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