Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Pflichtlagersortiment des Bundes. Bild: BWL

Notvorrat in der Schweiz

13'500 Tonnen Kaffee, aber keinen Tropfen Milch – diese Waren hortet der Bund für den Krisenfall

Armeechef André Blattmann rät der Bevölkerung, Notvorräte anzulegen. Dabei unterhalten Firmen im Auftrag des Bundes Pflichtlager mit Waren im Wert von fast fünf Milliarden Franken.

«Kluger Rat – Notvorrat». Für viele Menschen in der Schweiz ist dieser Slogan eine ferne Erinnerung an den Kalten Krieg. Umso mehr Aufsehen und Spott erregte die Aussage von Armeechef André Blattmann, er lagere für den Notfall Mineralwasser und Cheminéeholz im Keller. Paranoia oder Realitätssinn? Tatsache ist: Das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) sorgt noch heute dafür, dass lebenswichtige Waren gehortet werden.

Die Vorratshaltung begann mit der Nahrungsmittelknappheit im Ersten Weltkrieg. Heute ist sie nicht mehr in erster Linie auf eine militärische Bedrohung ausgerichtet, sondern auf Konflikte im Ausland, Naturkatastrophen oder Ernteausfälle. Seit dem Kalten Krieg wurden die Pflichtlager abgebaut: Früher mussten Vorräte für ein Jahr vorhanden sein, nun sollen sie drei bis vier Monate überbrücken. Bei den Waren kam es zu Umschichtungen: Seife und Waschmittel gehören nicht mehr dazu, dafür werden mehr Medikamente gebunkert.

Entgegen vielen Klischees befindet sich die Ware nicht in Bunkern oder Kavernen. Die Pflichtlager werden im Auftrag des Bundes von den Firmen unterhalten, die die Waren produzieren oder importieren. Das grösste Pflichtlager für Nahrungsmittel befindet sich im Basler Rheinhafen, dem wichtigsten Güterumschlagplatz der Schweiz, das grösste Tanklager in der Aargauer Gemeinde Mellingen. Dort lagern rund 750 Millionen Liter Benzin, Heizöl und Diesel. Auch die beiden Grossverteiler Coop und Migros gehören zu den grössten Lagerhaltern der Schweiz.

Welche Waren aber unterstehen der Lagerpflicht? Eine Auswahl, basierend auf dem aktuellen «Bericht zur Vorratshaltung» des BWL:

425'000 Tonnen Getreide

Ein Mitarbeiter der Getreidemuehle Swissmill in Zuerich kontrolliert am 28. April 2010 unter einem Gueterwagen die Qualitaet von angeliefertem Getreide. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Bild: KEYSTONE

Für die menschliche Ernährung werden 155'000 Tonnen Weich- und Hartweizen an Lager gehalten. Der grosse Rest fällt auf weitere Getreidearten, die auch als Tierfutter verwendet werden können. Ausschliesslich für Tiere gedacht sind die 47'000 Tonnen «Proteinträger» – überwiegend Soja –, die für zwei Monate reichen sollen. Zum Pflichtlager gehören auch 13'200 Tonnen importierter Reis, nicht aber Kartoffelprodukte.

13'500 Tonnen Kaffee

Diese Kaffeetasse, aufgenommen am 18. Februar 1997, wird massiv teurer. Zwischen 3,50 und 4 Franken mehr muessen die Einkaeufer ab dem Fruehjahr 1997 pro Kilogramm bezahlen. Ob auch die Tasse Kaffee im Restaurant aufschlaegt, ist allerdings noch nicht sicher, da sich die Gaststaetten-Inhaber in der aktuellen wirtschaftlichen Lage nicht getrauen, den Preisaufschlag auf die Gaeste abzuwaelzen. (KEYSTONE/Christoph Ruckstuhl)

Bild: KEYSTONE

Viele können nicht ohne Kaffee leben – aber niemand braucht ihn zum Überleben. Trotzdem gibt es ein Pflichtlager für drei Monate – laut BWL-Bericht ist dies «aus volkswirtschaftlicher Sicht und mit Blick auf die Konsumgewohnheiten auch in Zukunft wichtig». Für Tee und Kakao gilt dies nicht mehr, sie wurden von der Lagerpflicht «befreit». Der oft kolportierte staatliche Zigarrettenvorrat gehört ins Reich der modernen Mythen. Auch Alkohol ist aus Gründen der Volksgesundheit kein Thema.

Zucker hingegen ist vorhanden – 69'000 Tonnen sind eingelagert. Wer Milch im Kaffee will, muss im Krisenfall selber dafür sorgen. Milchpulver untersteht eher überraschend und anders als etwa in Deutschland nicht der Lagerpflicht. Der Bund begründet dies mit der grossen Milchproduktion und den vorhandenen Lagerbeständen in der Schweiz.

1,7 Milliarden Liter Benzin

Die Tankanlage Ruemlang AG bei Ruemlang in der Naehe des Flughafens Zuerich-Kloten, am 20. September 2007. Die Tankanlage Ruemlang AG und die Unterflurbetankungsanlage Zuerich Flughafen AG bilden zusammen das Unternehmen TARUBAG. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Bild: KEYSTONE

Autofahrer müssen im Krisenfall nicht darben, zumindest nicht in den ersten viereinhalb Monaten. Um die Versorgung zu sichern, befinden sich in den Tanklagern fast 1,7 Milliarden Liter Benzin. Hinzu kommen rund 400 Millionen Liter Flugpetrol (reicht für drei Monate), knapp 900 Millionen Liter Diesel und fast zwei Milliarden Liter Heizöl. Diese Menge nimmt wie auch jene des Benzins wegen des sinkenden Verbrauchs tendenziell ab.

Erdgaslager in Untertagspeichern sind «aufgrund bisheriger Kenntnisse der geologischen Gegebenheiten in der Schweiz nicht möglich», schreibt das BWL. Als «Ersatz» werden rund 500 Millionen Liter Heizöl extra leicht gelagert.



Uran-Brennelemente

Nuclear power plant Goesgen in the canton of Solothurn, Switzerland, pictured on June 29, 2011, during yearly maintenance works. For 26 days, the nuclear power plant is turned off to carry out maintenance and to change the fuel elements. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Kernkraftwerk Goesgen im Kanton Solothurn, aufgenommen am 29. Juni 2011 waehrend der Jahresrevision. 26 Tagen lang bleibt das AKW ausgeschaltet, um die Revisionsarbeiten durchzufuehren und die Brennelement zu wechseln. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Bild: KEYSTONE

«Freiwillig» werden genügend Brennelemente gelagert, um den Bedarf der Schweizer Atomkraftwerke für ein Jahr zu decken. Gesichert sind derzeit Nachladungen für drei Reaktoren. Ziel ist laut dem Bericht eine Ausdehnung auf alle fünf Reaktoren. Alternative Energien haben hingegen – noch – keinen Platz in der Pflichtlagerung des Bundes. Bei Bio-Ethanol und Holzpellets wird eine künftige Vorratshaltung immerhin geprüft.

27 Millionen Kapseln Tamiflu

File photo of Tamiflu tablets displayed at Health Consult in Vienna April 28, 2009. Researchers who have fought for years to get full data on Roche's flu medicine Tamiflu said April 10, 2014, that governments who stockpile it are wasting billions of dollars on a drug whose effectiveness is in doubt.  REUTERS/Leonhard Foeger/Files  (AUSTRIA - Tags: DRUGS SOCIETY HEALTH)

Bild: X00360

Der Bereich Medikamente hat wie erwähnt an Bedeutung gewonnen. Derzeit werden rund 12'000 Kilogramm Antibiotika für die Humanmedizin und 13'500 Kilo für den Veterinärbereich aufbewahrt. Auffallend ist die grosse Menge des umstrittenen Grippemittels Tamiflu. Rund 27 Millionen Kapseln und knapp 150'000 Packungen sollen die Versorgung von 25 Prozent der Bevölkerung (zwei Millionen Menschen) sicherstellen. Dies gilt als Worst-Case-Szenario im Fall einer Pandemie.

Die Schweiz ist das einzige Land weltweit mit einem Tamiflu-Pflichtlager. Es wird vom Pharmakonzern Roche in Eigenregie geführt. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) will die letzte Woche in einer Studie geäusserten Zweifel an der Wirksamkeit von Tamiflu zusammen mit Experten genau prüfen. Eine Änderung der Pflichtlagerhaltung ist jedoch kein Thema.

186'800 Atemschutzmasken

A woman with a pandemic protective mask poses on August 18, 2009 in Zurich, Switzerland. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Eine Frau mit Pandemie-Schutzmaske posiert am 18. August 2009 in Zuerich. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Bild: KEYSTONE

Einige Güter unterstehen nicht der obligatorischen Lagerpflicht, sie werden auf freiwilliger Basis gehortet. Dazu gehören medizinische Produkte wie Atemschutzmasken (186'800 Stück), Blutbeutel (36'400) sowie Untersuchungs- und Operationshandschuhe (rund fünf Millionen). Auch Produkte aus dem Technologie- und Industrie-Bereich werden gelagert: Das betrifft in erster Linie Kunststoffe und Rohstoffe zur Produktion von Hefe.

Der Warenwert der obligatorischen und freiwilligen Pflichtlager beträgt fast fünf Milliarden Franken. Der grösste Anteil entfällt auf den Bereich Energie mit 4,3 Milliarden. Die jährlichen Lagerkosten beliefen sich 2010 auf 116 Millionen Franken oder 15 Franken pro Kopf der Bevölkerung. 15 Jahre zuvor waren es noch mehr als 300 Millionen. Der Rückgang ist eine Folge der reduzierten Menge und des gestrafften Sortiments. 

Die Kosten tragen wir alle – nicht über die Steuern, sondern als Konsumenten durch einen Zuschlag auf die Verkaufspreise. Beim Benzin etwa bezahlen wir weniger als einen halben Rappen zusätzlich pro Liter – «als eine Art Versicherungsprämie für Krisenfälle», wie das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung auf seiner Website betont.

Abonniere unseren Newsletter

4
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
4Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Donald 14.04.2014 18:37
    Highlight Highlight Spot und Aufsehen hat das nur bei Armee-Gegnern erregt. Diese sind wohl zu dumm, um sich vorstellen zu können, wie einfach unsere Versorgung kollabieren kann. Lustigerweise sind dies grösstenteils Menschen aus Grossstädten. Offensichtlich sind diese tatsächlich überzeugt, dass Essen im Supermarkt wächst.
  • M. Etter 14.04.2014 17:56
    Highlight Highlight Unglaublich clever! Erzähle in einem Interview etwas von 300 l Mineral und schon macht sich die Schweiz mehr Gedanken über die Bedrohungslage als nach jeder Terrorwarnung. Super platziert, Herr Blattmann. Der Abstimmungskampf läuft nun ganz von selber...
  • papparazzi 14.04.2014 16:15
    Highlight Highlight Wieso soll die Äusserung von Herr Blattmann Spott erregen? Ich finde solche Überlegungen naheliegend, denn wenn die Gripeninitiative nicht mit JA angenommen wird, müssen wir in Zukunft dann halt unterirdisch weiterleben:-) Noch ein Tipp für alle Vorsorglichen: "Ein Fässchen Dinkel im Keller hält am längsten". ut (dp)
    • Nicoscore 14.04.2014 17:22
      Highlight Highlight Ich finde nicht nur, dass duese Überlegungen naheliegend sind und deshalb keinen Spott erregen sollten. Als Armeechef setzt er sich ja wohl oft mit solchen Kriesengedanken auseinander. Er wird es auf Grund seiner Überlegungen dazu, fpr richtig halten, sich einen Notvorrat anzulegen.

Bald könnte die 5. Initiative gegen Tierversuche kommen

Das Schweizer Stimmvolk dürfte erneut über ein Tierversuchsverbot entscheiden können. Eine entsprechende Volksinitiative ist auf der Zielgeraden.

Das Komitee der Initiative «Ja zum Tier- und Menschenversuchsverbot – Ja zu Forschungswegen mit Impulsen für Sicherheit und Fortschritt» sammelte bereits über 111'000 Unterschriften, wie dessen Website zu entnehmen ist. 100'000 sind für das Zustandekommen nötig.

Die Sammlung soll indessen weitergehen, wie die Westschweizer Zeitung «Le Matin Dimanche» …

Artikel lesen
Link to Article