Sport

Miro Zryd (l.) wechselt wohl nach Zug. Bild: KEYSTONE

Einst bewarb sich der Verteidiger per Email, jetzt endet sein Hockey-Märchen in Langnau 

Langnau verliert per Ende Saison mit Miro Zryd seinen talentiertesten Verteidiger und hofft nun auf HCD-Verteidiger Noah Schneeberger.

18.11.17, 12:24 18.11.17, 14:27

Er ist Langnaus talentiertester und statistisch bester Schweizer Verteidiger. Mit einer Bilanz von +3 steht er sogar besser da als Verteidigungsminister Ville Koistinen (+1).

Nun steht fest, dass die SCL Tigers ab nächster Saison auf Miro Zryd (23) verzichten müssen. Sportchef Jörg Reber sagt: «Er hat uns mitgeteilt, dass er seinen Vertrag nicht verlängert und geht. Ich vermute, sein neuer Arbeitgeber heisst Zug.»

Jörg Reber sieht seinen Schützling schon fast in Zug. Bild: KEYSTONE

Tatsächlich bestätigt Zugs Sportchef Reto Kläy: «Er ist bei uns ein Thema und wenn er tatsächlich zu uns kommt, werden wir das zu gegebener Zeit bestätigen.» Der Transfer würde ja für Zug Sinn machen: Reto Kläy muss Nationalverteidiger Robin Grossmann (30) ersetzen. Er verlässt Zug Ende Saison des Geldes wegen Richtung Lausanne.

Unkonventionell vom unbekannten Junior zum NLA-Verteidiger

Für Jörg Reber ist der Abgang von Miro Zryd bitter. Es ist so etwas wie das bittere Ende eines Hockey-Märchens. Denn die Geschichte des Adelbodners ist eine ganz besondere.

Niemand hatte einst sein Talent erkannt und er musste sich selbst um ein Probetraining in Langnau bewerben. Wahrscheinlich ist in der Neuzeit noch nie einer auf so unkonventionelle Art und Weise vom unbekannten Junior zum respektierten NLA-Verteidiger aufgestiegen.

Zryd und Koistinen: Ein starkes Duo. Bild: KEYSTONE/TI-PRESS


Im Herbst 2012 bekommt Ivan Brägger, damals Nachwuchschef der SCL Tigers, eine Anfrage per E-Mail. Ein bereits 18-jähriger Berner Oberländer fragt an, ob er nicht mal zum Training der Elitejunioren kommen dürfe. Er heisst Miro Zryd und spielt in Adelboden bei den Junioren und in der 1. Liga.

Hätte Brägger das Mail gelöscht ...

Ein Talent? Ivan Brägger weiss es nicht. Kann es nicht wissen. Alles Kramen und Nuschen in Unterlagen und Nachforschungen im Internet bringen keine Antwort. Miro Zryds Name taucht in keinem Aufgebot für Junioren-Nationalmannschaften auf. Ganz offensichtlich ist er unter allen Radarschirmen der Scouts hindurchgeflogen.

Eine Karriere kann zu Ende sein, bevor sie begonnen hat. Hätte Ivan Brägger das E-Mail von Miro Zryd ignoriert oder ihn nicht zum Training eingeladen, dann wäre Langnaus bester Schweizer Verteidiger heute ein Architekturstudent und «namenloser» Spieler in der 1. Liga beim EHC Adelboden.

Miro Zryd: Räumt nicht nur hinten auf, sondern punktet auch vorne. Bild: KEYSTONE

Miro Zryd darf also im Herbst 2012 mit Langnaus Elite-Junioren üben. Aber nach ein paar Trainings ist er noch lange nicht am Ziel. «Ich bin nach ein paar Trainings wieder gegangen. Da in Adelboden der Meisterschaftsbetrieb weiterging. Am Ende der Saison durfte ich nochmals ins Training und erhielt das Okay, dass ich nächste Saison im Team bin.»

In der Saison 2013/14 verteidigt Miro Zryd bei Langnaus Elitejunioren. Der Zufall hilft noch einmal. Jörg Reber hilft als Assistent bei den Elitejunioren aus. Ihm ist der unbekannte Junior aus Adelboden bei den Trainings aufgefallen. Im Frühjahr 2014 steigt Jörg Reber zum Sportchef auf und schickt Miro Zryd eine Einladung zum Sommertraining mit der ersten Mannschaft. «Ich war überrascht, dass ich diese Chance bekam, ich hatte mich schon damit abgefunden, dass es nichts wird mit der grossen Hockey-Karriere.» Der Nonkonformist hatte die Maturitätsprüfung bestanden und hätte, wenn die Offerte aus Langnau nicht gekommen wäre, mit dem Studium begonnen.

Ein Aufstieg wie sonst wohl noch keiner machte

Nun aber wird Miro Zryd im Sommer 2014 Hockeyprofi. Er bekommt seinen Platz im NLB-Team und steigt im Frühjahr 2015 mit den Langnauern in die NLA auf. So wie Miro Zryd dürfte in der scheinbar durchorganisierten helvetischen Hockeywelt noch keiner den Aufstieg in ein NLA-Team geschafft haben. Das ist wahrlich erstaunlich: Miro Zryd war tatsächlich von allen Scouts übersehen worden. Er musste sich schliesslich selber in Langnau anbieten. «Nur einmal bin ich zu einem U14-Camp in Thun aufgeboten worden. Aber da waren rund 50 Spieler.»

Miro Zryd ging einen unkonventionellen Weg. Bild: KEYSTONE

Von Miro Zryd nahm keiner Notiz. Er erinnert sich an drei Teilnehmer dieses Camps, die damals schon als grosse Talente galten: Dario Kummer (heute Langenthal), Anthony Rouiller (Olten) und Julian Schmutz (Biel). «Ich kann mich noch gut an die Drei erinnern, weil sie schon damals sehr talentiert waren.» Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass Miro Zryd den Mut hatte, sich per E-Mail in Langnau selber um einen Trainingsbesuch zu bewerben. Ungewöhnliche Wege zu gehen, liegt ihm. Er stammt aus einer Künstlerfamilie.

Sein Vater Björn hat den Stall seines Bauernhauses in eine Galerie umgebaut. Der Absolvent der weltberühmten Brienzer Holzbildhauerschule ist auch ein begabter Maler. Seine Kuh- und Ziegenportraits bringen zwischen 2000 und 3000 Franken ein (www.bjoernzryd.ch). Aber auch der Sport hat im weitverzweigten Familienclan der Zryds eine grosse Bedeutung. Seine Brüder Che (21) und Rui (17) spielen beim EHC Adelboden in der 1. Liga.

Die Grosstante ist eine der ganz Grossen im Schweizer Skirennsport: Annerösli Zryd gewinnt 1970 in Val Gardena, im Tal der Holzschnitzer, die Abfahrts-WM. Bei der gleichen WM ging der Stern von Bernhard Russi auf. Er wurde Abfahrts-Weltmeister. Und Grossvater Bruno war derjenige Stuntman, welcher im James-Bond-Film «Im Dienste ihrer Majestät» bei der wilden Skiverfolgungsjagd im Grätschsprung in der Tanne landet.

Miros Grossvater Bruno springt auf der Jagd nach James Bond in die Tanne (ab 3:10 Minuten). Video: YouTube/MI5MI6GCHQ

Suche nach Ersatz läuft

Auch Annerösli Zryd musste einen Umweg gehen: Sie war wegen einer Verletzung für die WM gar nicht vorgesehen, rutschte dann aber als Ersatzfahrerin nach. Nun verlässt Miro Zryd per Ende Saison den Klub, der ihm die Chance gegeben hat eigentlich vor der Zeit. Jörg Reber – ihm verdankt der Berner Oberländer letztlich seine Karriere – ist traurig, aber nicht böse. Und er macht sich auch ein wenig Sorgen. «Wir respektieren seinen Entscheid. Aber ich denke, es wäre für Miro besser gewesen, noch eine weitere Saison bei uns zu bleiben. Es ist fraglich, ob er sich jetzt schon bei einem Grossklub durchsetzen kann.»

Kommt Noah Schneeberger von Davos nach Langnau? Bild: KEYSTONE

Langnaus Sportchef ist bereits auf der Suche nach Ersatz. Im Zentrum der Bemühungen steht HCD-Verteidiger Noah Schneeberger (29). Sein Vertrag läuft aus und Arno Del Curto ist nicht sicher, ob es zu einer Verlängerung kommt. «Wir haben nächste Woche noch einmal ein Gespräch.»

Ein Wechsel nach Langnau wäre eigentlich auch eine schöne Geschichte: 2008 hat Noah Schneeberger Langnaus Junioren-Abteilung Richtung Biel verlassen und kam schliesslich nach einem Welschlandjahr bei Servette im Sommer 2012 nach Davos. Bereits sein Vater Jürg spielte in den 1970er Jahren für Langnau und vertritt heute die Interessen seines Buben als Agent.

NLA-Trikotnummern, die nicht mehr vergeben werden

Despacito mit Eishockey-Spielern

2m 44s

Despacito mit Eishockey-Spielern

Video: watson/Laurent Aeberli, Reto Fehr, Lea Senn

Unvergessene Eishockey-Geschichten

04.01.1987: Als nach der grössten Prügelei aller Zeiten die Lichter ausgingen und ein Spiel die Eishockey-Welt veränderte

16.01.1905: Nach 23 Tagen Anreise werden die Dawson City Nuggets im Stanley-Cup-Final mit 2:23 vermöbelt

19.10.1996: Del Curto klärt seine Spieler auf: «Zum Schiri nüma ‹Fuck you› sägä, äs git zwei Minuta, hä!»

24.02.2006: Neunmal das F-Wort in einer Minute – Greg Holst macht sich mit legendärem Ausraster-Interview unsterblich

14.05.2008: Philippe Furrer schiesst das kurioseste Eigentor der Schweizer Hockey-Geschichte

10.10.1979: Ein gewisser Wayne Gretzky bestreitet sein erstes Spiel in der NHL – er wird sämtliche Rekorde pulverisieren

02.05.2000: In St. Petersburg schreibt ein SMS Hockeygeschichte

18.02.2006: Die «Eisgenossen» spielen kanadischer als die Kanadier und rächen sich für eine uralte Schmach

11.03.1979: NHL-Haudegen Randy Holt prügelt sich zu einem bis heute gültigen Rekord – 67 Strafminuten in einem einzigen Spiel

08.04.1980: Sie wissen nicht, was sie tun, als sich zwei Schweden als erste Hockeyspieler einen Playoff-Bart wachsen lassen

28.01.2009: Die Zürcher Löwen krönen sich zu Europas Eishockey-Königen

24.03.1936: Im längsten Hockey-Spiel aller Zeiten fällt das goldene Tor erst im 9. Drittel – um 2.35 Uhr nachts

28.12.1999: «La Montanara» erklingt in Berlin – Ambri krönt sich zum europäischen Champion

31.03.2009: Nie haben wir uns mehr über ein Tor gegen die Schweizer Nati gefreut als bei Omarks Penalty-Trick

22.09.2012: Rick Nash meldet sich mit einem Blitz-Hattrick in der Schweiz zurück

30.12.1981: Wayne Gretzky schafft den verrücktesten seiner Rekorde: 50 Tore in 39 NHL-Spielen

26.12.1993: Dank Chomutow und Bykow träumt Aufsteiger Davos vom ersten Spengler-Cup-Titel seit 35 Jahren

Amerikas College-Boys erlegen den russischen Bären

Alle Artikel anzeigen

Hol dir die App!

Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
13
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
13Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • WhoRanZone 20.11.2017 11:21
    Highlight Schöne Story! Mehr davon!
    6 1 Melden
  • Brunti 19.11.2017 00:37
    Highlight Schade schade! Wirft aber leider einmal mehr ein schlechtes Licht auf die sportliche Führung!! Dieser Vertrag hätte spätestens im SOMMER verlängert werden müssen!! Amateurhaft!!!!
    Aber immerhin konnte mit dem stark umworbenen Perspektivspieler Nüssli verlängert werden!! BRAVO!!!😤
    5 3 Melden
  • Eingestein 18.11.2017 18:59
    Highlight Einer wie der Miro, der beim SCL sein Weg gemacht hat, ist bestimmt in Zug willkommen. Soviel ich weiss darf man in Zug im Gegensatz zu einem anderen Berner Grossclub auch ohne Cravate zum Training erscheinen.
    7 5 Melden
    • chara 18.11.2017 22:08
      Highlight Cravate...5 plus 20 min Spieldauer😂
      12 2 Melden
    • Eingestein 19.11.2017 10:41
      Highlight Danke chara, Deutsch ist nicht meine Muttersprache. Die einen Tragen eine Krawatte und andere eben eine Cravatta oder Cravate.
      3 0 Melden
  • Aareschwumm 18.11.2017 13:59
    Highlight Danke Herr Zaugg, dies ist mal eine coole Geschichte.

    Und erst noch frei von jeglicher Polemik und allen anderen Standardsätzen.
    68 1 Melden
  • Thurgauo 18.11.2017 13:22
    Highlight "Langnau verliert per Ende mit Miro Zryd seinen talentiertesten Verteidiger und hofft nun auf HCD-Verteidiger Noah Schneeberger." - Da ist glaube ich ein "Saison" vergessen gegangen. #Tüpflischisser
    11 4 Melden
  • Tikkanen 18.11.2017 13:00
    Highlight ...zu früher Wechsel für Zryd😳Unter dem nervösen Kreis wird der kaum TOI erhalten und in spätestens 2 Jahren in der Nati B rumkurven👎🏻
    Besser hätte der Oberländer noch 2 Saison bei den Chäsli verteidigt und seine Skills verbessert😞
    Jänu, hinäch ist wieder mal Derby im Tempel der europäischen Hockeyhauptstadt🤗Gegen die mudrigen Fribourger um Plagöri Brust wird die Hockeymaschine🐻 im Standgas zum Kantersieg kommen, sodass ich mich genüsslich spannenden Gesprächen, einem feinen Bärezipfu und dem einen oder anderen Schümli mit ausreichend Pflümli widmen werde, ach so herrliche Zeiten😎😂🍷
    31 69 Melden
    • stubi 18.11.2017 16:43
      Highlight Das mit Zryd sehe ich genau so, er lernte in Langnau beim rückwärtsfahren auf beide Seiten zu übersetzen.
      Er hätte unbedingt noch zwei Jahre bei den Tigers bleiben sollen.
      Er möchte ja einmal Schweizermeister werden, da hätte er in die Hocheihauptstadt wechseln sollen.
      In Zug wird das nicht mehr passieren.
      10 22 Melden
    • stubi 18.11.2017 16:47
      Highlight Wenn es Zryd in Zug nicht reicht, kann er ja in die NLB zu Pappi wechseln.
      11 3 Melden
    • General Kraken 19.11.2017 21:31
      Highlight Vor lauter schwadronieren über den SCB wohl nicht mit bekommen, das Brust in Fribourg seit vier Spielen nicht mehr eingesetzt wurde..
      4 2 Melden
  • Hayek1902 18.11.2017 12:37
    Highlight Schöne Geschichte, merci Eismeister. Da stört es mich auch nicht, dass es natürlich wieder um die Langnauer geht ;)
    40 2 Melden
    • Wisegoat 18.11.2017 21:09
      Highlight Es geht ja nicht um Langnau sondern um Zryd
      7 2 Melden

Martin Plüss beendet seine Karriere: «The best is always yet to come»

Wenige Wochen nach Mark Streit tritt mit Martin Plüss ein weiterer Spieler zurück, der das Schweizer Eishockey in den vergangenen zwei Jahrzehnten geprägt hat. Der 40-jährige Stürmer war bis im Frühling Captain beim SC Bern, mit dem er insgesamt vier Mal Meister wurde, zuletzt 2016 und 2017.

Mit der Nationalmannschaft feierte Plüss seinen grössten Erfolg mit dem Gewinn von WM-Silber 2013 in Stockholm. Bei jenem Exploit war der smarte, nur 1,74 m grosse Center eine der Schlüsselfiguren im Team …

Artikel lesen