Unvergessen
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Zwei grosse Sportler, zwei noch grössere Charakteren: Djokovic und Federer am US Open 2011. Bild: AP

Ein Return für die Ewigkeit – diesen Schlag von Djokovic wird Federer leider nie vergessen

10. September 2011: Mit einem unglaublichen Return wehrt Novak Djokovic im Halbfinal des US Open 2011 gegen Roger Federer einen Matchball ab. Es ist ein Wendepunkt in der Karriere beider Sportler.

10.09.16, 00:01 12.09.16, 08:36

Solltet ihr euch jemals in einem Seminar für mentale Stärke befinden, in einem stickigen Gruppenraum mit 15 anderen mehr oder minder motivierten Teilnehmern, und solltet ihr vom Kursleiter gefragt werden, ob ihr euch denn an ein Beispiel für Nervenstärke erinnern könnt, dann sagt wie aus der Pistole geschossen: «Djokovic, Halbfinal gegen Federer, US Open 2011.»

«Einer der grössten Schläge aller Zeiten.»

John McEnroe zu Djokovics Return

Es ist, in der Tenniswelt mit Garantie, aber wohl über alle Sportarten gesehen, der Moment, der aufzeigt, zu was die menschliche Psyche fähig ist. Über drei Stunden sind im epischen Halbfinal des US Open 2011 bereits gespielt. Roger Federer hat gegen Novak Djokovic beim Stand von 7:6, 6:4, 3:6, 2:6, 5:3 zwei Matchbälle, er liegt bei eigenem Aufschlag mit 40:15 vorne, muss lediglich einen der beiden auf dem Silbertablett bereitliegenden Punkte buchen.

Soweit kommt es aber nicht – die Schweizer Fans im Arthur Ashe Stadium in Flushing Meadows sind der Verzweiflung verständlicherweise nahe. 

Der Wendepunkt

Djokovic retourniert Federers Aufschlag mit vollem Risiko und holt sich so einen spektakulären Winner. Nicht nur der Schweizer schüttelt auf dem Platz ungläubig den Kopf. John McEnroe bezeichnet die Aktion als: «Einer der grössten Schläge aller Zeiten.» So viel Risiko bei so einem wichtigen Ball – das macht sonst niemand. «Mit einem einzigen Schlag hat alles gewechselt. Es ist seltsam, wie es manchmal geht», wird Federer nach der Partie sagen. 

Ein Return, der jeden jubeln lässt, der dabei war. Video: streamable

Ob der Return Glück, Risiko oder Selbstvertrauen war, wird der Schweizer danach auch gefragt. Dieser ist ziemlich angesäuert und hat für Djokovic keine guten Worte übrig. Offen wie selten äussert er seine Gefühle für die Spielweise des Serben: 

«Selbstvertrauen? Machen Sie einen Witz? Einige Spieler wachsen auf und spielen so. Ich habe auch schon bei den Junioren solche Spiele verloren. Wenn der Gegner 2:5 im dritten Satz hinten ist und einfach plötzlich draufhaut. Ich habe nie so gespielt, weil ich mehr daran glaube, dass sich harte Arbeit ausbezahlt. Für mich ist es sehr schwierig zu begreifen, wie man beim Matchball einen solchen Ball spielen kann. Aber vielleicht macht er dies schon zwanzig Jahre so, und es ist für ihn normal. Da müssen Sie ihn fragen.»

Doch zurück zum Spiel. Beim zweiten Matchball kommt dem Serben die Netzkante zu Gute, kurze Zeit später ist das Break perfekt. Danach gleicht der damals 24-Jährige bei eigenem Service zum 5:5 aus, breakt Federer gleich noch einmal und setzt sich mit 7:5 im fünften Satz durch. 

Roger Federer: So enttäuscht war er nach einer Niederlage selten. Bild: AP

Federer bleibt erstmals seit 2003 ohne Grand-Slam-Titel

Sein drittes Finale am US Open nach 2007 und 2010 ist Tatsache, er wird in New York zwei Tage später den persönlich vierten Major-Titel holen und eine grosse Karriere so richtig lancieren. So sitzt der Maestro wenig später vor der versammelten Presse und sagt: «Noch kurz vor Matchende glaubte ich mich vor dem Sieg; nun sitze ich hier und erkläre, warum ich verloren habe.»

In der Karriere von Roger Federer bedeutet diese bittere Halbfinal-Niederlage so etwas wie ein Knick. Erstmals seit 2003 beendet er ein Jahr ohne Major-Erfolg. Nach zuvor 16 Grand-Slam-Titeln kommt nach diesem Ausscheiden bis heute nur gerade ein weiterer Major-Erfolg hinzu, 2012 gewinnt der Schweizer in Wimbledon. Zwar schafft es der Baselbieter – nach dem er bereits insgesamt über fünf Jahre die Nummer 1 war – nochmals an die Spitze der Weltrangliste, ganz der Alte ist er aber bis heute nicht.

Djokovic jubelt nach der Entscheidung ... Bild: AP

... während Federer tief enttäuscht den Court verlässt. Bild: AP

Jahre der Dominanz

Doch zurück zu Novak Djokovic. Der Serbe gewinnt wie erwähnt das US Open 2011 – im Finale schlägt er Rafael Nadal in vier Sätzen und revanchiert sich so für die Niederlage ein Jahr zuvor an gleicher Stätte. Djokovic entscheidet im Kalenderjahr 2011 nach dem Australian Open und Wimbledon sein drittes Major-Turnier für sich.

Der 1,88 Meter grosse Rechtshänder entwickelt sich in den folgenden Jahren zum grossen Dominator auf der Tour. Er führt seine Gegner regelrecht vor, mutiert zum übermächtigen Gegner und vor allem sammelt er Titel wie andere Briefmarken. Bis heute gesellen sich 38 weitere Turniere dazu, acht davon sind Grand Slams.

Wir verneigen uns: Eine Sammlung Djokovics unfassbarer Returns. Video: YouTube/Stefan Dimov 1.99

Seine Nervenstärke kommt dabei immer wieder zum Vorschein und mündet regelmässig in unglaublichen Returns. Tennisexperte Heinz Günthardt sagt denn auch anerkennend: «Djokovic ist der beste Return-Spieler der Welt.»

Kein Golden- dafür den Karriere-Slam

Bei solch einer Vielzahl an Erfolgen neigt der Sportler dazu, sich stets höhere Ziele zu setzen. Bei Novak Djokovic ist der angestrebte Grand Slam eines, bis heute hat er es jedoch nicht geschafft, alle vier Grand Slams in einem Kalenderjahr zu gewinnen. Der Australier Rod Laver bleibt bei den Männern der vorerst letzte Tennisspieler, dem dies gelang (1962 und 1969).

«Jetzt hat er alle vier Grand Slams am Stück gewonnen. Das ist Weltklasse. Er hat das ohne Glück geschafft.»

Roger Federer nach Djokovics Karriere-Slam 2016

Den Karriere-Slam – alle vier Grand Slams in Folge zu gewinnen – hat Novak Djokovic jedoch erreicht. Im Juni dieses Jahres war der Serbe nach zuvor drei Finalniederlagen am French Open erstmals erfolgreich und so gleichzeitig Besitzer aller vier Trophäen. Roger Federer, als grosser Sportsmann bekannt, war einer der ersten Gratulanten: «Jetzt hat er alle vier Grand Slams am Stück gewonnen. Das ist weltklasse. Er hat das ohne Glück geschafft.»

Der 10. September 2011 – ein Datum für jedes Mental-Seminar und ein Wendepunkt zweier Karrieren.

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.
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    Alle Leser-Kommentare
  • ETH1995 14.09.2016 10:25
    Highlight Ein ganz ähnliches Szenario hat sich beim Sieg von Roger in Roland Garros ereignet. In seinem Spiel gegen Tommy Haas war er zwei Sätze hinten und Tommy hat Breakball in dritten... da haut er einen unglaublichen Inside out.



    Kann mich noch gut an das US Open erinnern. Sehr bitter.
    0 0 Melden
  • sven 13.09.2016 16:43
    Highlight =)
    0 0 Melden
  • lilie 10.09.2016 09:45
    Highlight Danke für diese "Unvergessen"-Artikel, ich lese die sehr gerne! 😃

    Kleine Korrektur: Der "Golden Slam" ist nicht der Gewinn aller Grand Slam-Turniere in einem Jahr (der heisst nämlich einfach "Grand Slam"), sondern der Gewinn aller GS-Titel sowie zusätzlich dem Gewinn der Goldmedaille an den olympischen Spielen.

    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Grand_Slam_(Tennis)#Golden_Slam

    6 4 Melden
    • Kian 10.09.2016 14:16
      Highlight Danke lilie!
      6 2 Melden
    • lilie 10.09.2016 14:18
      Highlight @Kian: Jetzt habe ich mich selber geblitzt, als ich deinen Kommentar liken wollte... *facepalm* - Gerne! ☺
      2 1 Melden

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