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Pariser Klimaabkommen in Gefahr – Zeitfenster für 1,5-Grad-Ziel schliesst sich

08.08.17, 12:58

Das Zeitfenster für das 1.5-Grad-Ziel schliesst sich, was das Abstoppen der Klimaerwärmung der Erde betrifft. Selbst beim sofortigen Aufhören aller klimarelevanten Emissionen würde sich die Erde allein in diesem Jahrhundert um etwa 1.1 Grad erwärmen. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie von deutschen und US-Meteorologen.

Die wissenschaftliche Untersuchung von Thorsten Mauritsen, Leiter einer Forschungsgruppe am Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie, und seinem Kollegen Robert Pincus, Wissenschaftler der University of Colorado (USA), zeigt demnach: Zur bisherigen Erwärmung von 0.8 Grad Celsius kämen auch im Fall der Verhinderung aller weiterer Emissionen allein bis Ende des Jahrhunderts noch etwa 0.3 Grad Celsius hinzu.

Der Grund dafür ist die grosse Trägheit des Klimasystems der Erde. «Die überschüssige Energie, die derzeit ins Erdsystem hineinfliesst, wird hauptsächlich von den Ozeanen aufgenommen», wurde Mauritsen in einer Aussendung des Max-Planck-Instituts zitiert. Die gewaltigen Wassermassen in den Weltmeeren brauchen lange, um sich aufzuwärmen.

Wie gross diese schon jetzt vorbestimmte Erwärmung ist - also die Erwärmung, die durch die bisherigen Emissionen bereits verursacht wurde, aber erst in Zukunft eintreten wird - haben Mauritsen und sein Kollege Robert Pincus von der University of Colorado jetzt mit einer einfachen Methode ermittelt. Die Ergebnisse stellten sie kürzlich in der Fachzeitschrift «Nature Climate Change» vor.

43 Vorher-nachher-Bilder, die zeigen, wie krass sich die Erde verändert hat

Auf Beobachtungsdaten gestützt

Im Gegensatz zu bisherigen Studien verzichteten sie auf den Einsatz komplexer Klimamodelle und nutzten stattdessen ausschliesslich Beobachtungsdaten. Damit berechneten sie, wie empfindlich das Klima auf das Treibhausgas CO2 reagiert.

Da CO2 nicht das einzige Gas ist, das bei der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas freigesetzt wird, bezogen Mauritsen und Pincus auch weitere Emissionen mit in ihre Untersuchung ein, und zwar Aerosolpartikel und andere Treibhausgase wie Methan, Stickoxide und Kohlenmonoxid.

Während CO2 viele Jahrtausende in der Atmosphäre überdauert und in dieser gesamten Zeit seine wärmende Wirkung ausübt, verschwinden Aerosole bereits nach wenigen Tagen wieder aus der Luft. Methan, Stickoxide und Kohlenmonoxid sind ebenfalls recht kurzlebig, ihre Lebensdauer in der Atmosphäre beträgt weniger als zehn Jahre. Die Wirkung der Luftschadstoffe ist aber unterschiedlich und muss ebenfalls einberechnet werden.

Nach dem völligen Emissionsstopp

Für ihre Studie nahmen Mauritsen und Pincus an, dass alle Emissionen im Jahr 2017 schlagartig aufhören. In diesem Fall, so das Ergebnis, würde sich das Erdklima langfristig - also nach einigen Jahrtausenden - bei einer Temperatur einpendeln, die 1.5 Grad Celsius über dem Niveau des Jahres 1850 liegt.

Bisher hat sich die Erde gegenüber der Durchschnittstemperatur vor Beginn der Industrialisierung bereits um 0.8 Grad erwärmt. «Zu diesem Wert würden also noch einige Zehntel hinzukommen», erläuterte der deutsche Wissenschaftler. Bis Ende des 21. Jahrhunderts läge die Erwärmung der Studie zufolge bei 1.3 Grad Celsius im Vergleich zu vorindustriellen Zeiten.

Den grössten Teil des Weges bis zum Gleichgewicht würde das Klima demnach bereits in diesem Jahrhundert zurücklegen. Das ist aber nicht zu erwarten, weil der radikale Ausstieg aus der herkömmlichen Energiegewinnung fehlt.

59s

Das Eis auf dem Rhonegletscher schmilzt im Rekordtempo

Video: srf

Noch ist das 1.5 Grad-Ziel erreichbar

Der Wert der Studie liegt den Autoren zufolge darin, dass sich auf ihrer Grundlage ermitteln lässt, wie realistisch bestimmte Temperaturziele sind - etwa das im Pariser Klimaabkommen vereinbarte Ziel, die Erderwärmung auf 1.5 Grad Celsius zu begrenzen. Mauritsen und Pincus zufolge besteht eine Wahrscheinlichkeit von 13 Prozent, dass die bisher ausgestossenen Emissionen schon ausreichen, um die Erde auf Dauer mehr als 1.5 Grad zu erwärmen - dass das Pariser Ziel also bereits verfehlt ist.

Daher sei es noch möglich, dieses Ziel zu erreichen. Das Zeitfenster dafür schliesst sich allerdings schnell: «Bei der derzeitigen Emissionsrate dauert es noch etwa 15 bis 30 Jahre, bis das Risiko, das 1.5-Grad-Ziel zu überschreiten, fünfzig Prozent erreicht», berichtete Mauritsen. (sda/apa)

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Brikne, 20.7.2017
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    Alle Leser-Kommentare
  • m. benedetti 09.08.2017 14:53
    Highlight So ein Müll. In welcher Kristallkugel wird die Erwärmung um 1.5 Grad prognostiziert? Seit über 30 Jahren wird nun versucht uns eine diffuse Zukunftsangst unterzujubeln und zu welchem Zweck? Überleged si mal. Die meisten Voraussagen und Modell liegen nämlich komplett daneben.
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    • Luzi Fair 09.08.2017 16:26
      Highlight In der Volkswirtschaftslehre gibt es die Klausel "ceteris paribus", welche besagt, dass alles andere gleich bleibt, nur eine Variabel geändert wird. Da dies in der Realität nie eintrifft sind sich Modelle und Voraussagen immer mehr oder weniger daneben.
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  • sheshe 09.08.2017 12:20
    Highlight Letzten Freitag kam auf SF1 die Doku "Tomorrow". Ihr könnt sie noch bis nächsten Freitag auf der Homepage anschauen und ich rate euch, tut das. Gönnt euch die 2h, die ihr sonst mit irgendwelchem sonstigen Einheitsbrei vergeuden würdet. Die Doku zeigt mögliche Lösungen auf, aber letztendlich ist es jedem übertragen, selbst innovativ zu sein und seinen Beitrag zu leisten.

    http://www.srf.ch/sendungen/ch-filmszene/dokumentarfilmsommer-2017/tomorrow-die-welt-ist-voller-loesungen
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  • blaubar 09.08.2017 09:27
    Highlight Vielleicht beschliessen sie dann mal, dass sich die Sonne abkühlen soll. Aber vielleicht ist das "Zeitfenster" auch bald zu. Und trotzdem sollten wir nicht weiter Erdöl verpuffen und nachhaltiger leben.
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  • Vachereine 09.08.2017 08:56
    Highlight Selbverständlich können wir die Klimaziele nicht erreichen. Denn das Klima wird nicht vom Menschen beeinflusst.
    Klimakonferenzen und Co. lassen mich schmunzeln, weil sie an die Regentänze von Medizinmännern erinnern: beides wirkungslose Rituale, die den dümmsten 20 % der Sippe Hoffnung machen sollen.
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    • Lami23 12.08.2017 23:36
      Highlight Von wem dann?
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    • Vachereine 13.08.2017 14:50
      Highlight @Lami: Von Niemandem.
      Die einzig entscheidende Einflussgrösse ist offensichtlich (im wahrsten Sinne des Wortes) die Sonne. Ist nichts Neues und lange schon unbestritten.
      Die Sonnaktivität ist nicht konstant und weist wiederkehrende Zyklen auf, die sich in klimahistorischen Daten wiederfinden.

      Falls Du an den Treibhauseffekt glaubst: Warum wird in der Glut die mit Alufolie umwickelte Kartoffel gleich heiss, wie die nackte Kartoffel? Die Alufolie reflektiert ja alle Wärmestralung zurück zur Kartoffel. Dann müsste doch die aluminiumumwickelte Kartoffel heisser werden als die nackte Kartoffel.
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    • Lami23 13.08.2017 23:55
      Highlight An den muss ich nicht glauben. Er ist wissenschaftlich bewiesen. Ohne diesen Effekt würden auf der Erde Temperaturen um -18 herrschen. Und an dieser Stelle klinke ich mich gleich wieder aus. Keine Lust/Zeit/Energie auf eine endlose Disskussion die dann doch nichts bringt und sich ev sogar noch auf eine Verschwörungstheorie begründet.
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    • Vachereine 14.08.2017 09:07
      Highlight @Lami: Der Treibhauseffekt wurde beteits vor rund 100 Jahren bereits widerlegt. Der Treibhauseffekt wurde nie nachgewiesen.
      Ohne sog. Treibhausgase betrüge die Temperatur ca. 14 °C, genau so warm ist es. Die immer wieder kolportierten -18 °C sind ein ganz blöder Rechnungsfehler.
      Siehe Stefan-Boltzmann-Gesetz.
      Offenbar willst Du glauben und nicht wissen.
      Andernfalls hättest Du auf die Kartoffelfrage zu antworten versucht.
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    • Lami23 14.08.2017 13:18
      Highlight Wenn du meinst....;-)
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  • Der Tom 09.08.2017 08:54
    Highlight Wir können eine Trennwand zwischen Erde und Sonne schweben lassen. Damit könnten wir die Temperatur regulieren.
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    • Vachereine 10.08.2017 13:32
      Highlight Ein planetarer Sonnnschirm.
      Coole Idee. Und würde funktionieren. Bis er von Verbrechern gekapert wird und die uns mit einer Eiszeit erpressen.
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  • Tom B. 08.08.2017 15:06
    Highlight Merke: Menschliches Leben ist dem Planeten abträglich...😉
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  • IMaki 08.08.2017 14:52
    Highlight Aber nicht, dass jetzt verlangt, wir sollten unseren Lebensstil ändern. Nicht, dass wir brüsk aus dem Traum vom ewigen Wachstum herausgerissen werden. Im Gegenteil: sorgen wir dafür, dass die restlichen sechs Milliarden auf diesem Planeten, den exakt gleichen Wahnsinn betreiben wie wir. Das führt zum Gleichgewicht des Schreckens. Und überhaupt. Alles halb so schlimm. Die Elektro-Autos stehen schon vor der Tür. Und die neuen AKWs ebenso.
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  • marcog 08.08.2017 14:35
    Highlight Solange ein Flug mit easyjet 50.- kostet, wird sich kaum jemand die Ferien am Mittelmeer nehmen lassen, auch wenn alle genau wissen, dass wir bald ein gewalltiges Problem haben werden. Die Menschheit schaufelt gerade ihr eigenes Grab und alle schauen zu.
    31 3 Melden
  • Ebou Loum 08.08.2017 13:33
    Highlight Klimaziel, dass ich nicht lache. Der grösste Bullshit, der uns jemals verkauft werden sollte.
    35 48 Melden
    • Army Neilstrong 08.08.2017 15:42
      Highlight Trump bist es du?
      37 14 Melden
    • Juliet Bravo 08.08.2017 16:00
      Highlight Und wieso?
      13 12 Melden

Ganz ohne Plastiksäckli: In Zürich öffnet der erste Zero-Waste-Laden der Deutschschweiz

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