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Die Polen haben sich in der Gruppenphase gegen Deutschland wacker geschlagen.
Bild: EPA

Polens Trainer Nawalka glaubt an den Viertelfinal: «Wir können Geschichte schreiben»

Die Polen und die Schweizer gehen mit ähnlichen Voraussetzungen in den EM-Achtelfinal vom Samstag in Saint-Etienne. Auch für die Osteuropäer wäre es der grösste Erfolg seit Jahrzehnten.

Publiziert: 25.06.16, 08:57 Aktualisiert: 25.06.16, 09:45

Polen und die Schweiz weisen vor ihrem Duell in den EM-Achtelfinals einige frappante Parallelen auf. Beide kassierten in der Vorrunde kaum Tore, obwohl die Defensive als Schwachpunkt galt. Beide schossen dafür in zwei Spielen nur zwei Tore, obwohl der Star des Teams ein Stürmer ist. Beide stehen vor dem grössten internationalen Erfolg seit Jahrzehnten.

Lewandowski lauert auf seinen ersten Treffer.
Bild: JASON CAIRNDUFF/REUTERS

Lange Durststrecke

Die Polen bestreiten ihr erstes K.o.-Spiel bei einer WM- oder EM-Endrunde seit dem 0:4 bei der WM 1986 in Mexiko gegen Brasilien. Mit dieser Partie endete damals die Zeit der Generation um den heutigen Verbandspräsidenten Zbigniew Boniek, die vier Jahre zuvor WM-Dritter geworden war.

Nationaltrainer Adam Nawalka zieht vor dem Achtelfinal gegen die Schweiz keinen Vergleich mit der polnischen Mannschaft der Siebziger- und Achtzigerjahre. «Wir wollen unser Potenzial abrufen und arbeiten hart für unseren Erfolg. Wir können Geschichte schreiben, aber es geht doch in erster Linie um das Hier und Jetzt.»

Das erstarkte Selbstvertrauen

Geschichte schreiben! So tönt es bei den Polen wie bei den Schweizern. Die polnischen Medien berichten seit Tagen über das wichtigste Spiel des Jahrhunderts. Auch sie haben Träume, auch sie sehen sich in der leichteren Tableauhälfte. «Der Gedanke ist aufregend, unter die besten Europas vorstossen zu können», sagte der Aussenläufer Kamil Grosicki, der vor acht Jahren ein kurzes und erfolgloses Gastspiel beim FC Sion gegeben hatte.

Flügel Kamil Grosicki denkt über das Achtelfinale hinaus. Bild: PETER POWELL/EPA/KEYSTONE

Die Polen gehen selbstbewusst in das Spiel gegen die Schweiz. Wer den Weltmeister Deutschland in der Qualifikation 2:0 geschlagen hat und gegen ihn beim 0:0 auch an der Endrunde ungeschlagen und ohne Gegentor geblieben ist, hat gute Argumente. «Wir haben gegen Deutschland bewiesen, dass wir auch schwierige Momente meistern können», so Grosicki.

Im Spiel gegen die Deutschen war Topskorer Robert Lewandowski kein Faktor. Der Torschützenkönig der Bundesliga wartet noch auf sein erstes EM-Tor. Vereinzelt haben sich in den Medien die Kritiker formiert. Nicht so im Team. «Es gibt kein Problem Lewandowski», erklärte Nawalka. «Das Wohl der Mannschaft steht an erster Stelle.» Der enttäuschende Output des Bayern-Stürmers steht trotzdem im eklatanten Gegensatz zu den Erwartungen vor dem Turnier.

Die Schweiz als machbare Hürde

Gleich verhält es sich mit der Abwehr – bloss umgekehrt. Der Verbund um den Torino-Professional Kamil Glik kassierte als eines von nur zwei Teams (nebst Deutschland) in Frankreich noch keinen Gegentreffer, galt vor der EM aber als Schwachpunkt. «Wir haben an dieser Schwäche in der Vorbereitung gezielt gearbeitet», so Nawalka. In sechs von sieben Länderspielen des Jahres kassierte Polen kein Tor.

Polens Torhüter Fabianski hielt seinen Kasten bisher sauber.
Bild: John Sibley/REUTERS

Bleiben Glik und Co. auch gegen die Schweiz ohne Fehl und Tadel, ist der erste Vorstoss unter die Top 8 einer WM oder EM seit 1982 wohl Tatsache. Vor vier Jahre stolperte Polen bei diesem Schritt an der Heim-EM wegen einer überraschenden Niederlage im letzten Gruppenspiel an Tschechien. Diesmal wollen sie nicht noch einmal an einem Gegner scheitern, mit dem sie sich (mindestens) auf Augenhöhe wähnen. Deshalb sagte Nawalka: «Die Spieler wissen, dass sie eine tolle Chance haben.» (sda)

Das sind die besten Statistiken zur EM-Vorrunde

Portugal hat sich mit drei Unentschieden ins Achtelfinale gerettet. Dass es so eng wurde, lag aber nicht an fehlenden Torversuchen. Die Portugiesen haben in der Vorrunde für die meisten Abschlüsse gesorgt (69). 28 dieser Schüsse verfehlten das Tor jedoch, 19 wurden geblockt und nur vier landeten im Tor. Hinter Portugal hatten England (65) sowie Belgien und Deutschland (je 59) die meisten Torversuche. EPA/MTI / TIBOR ILLYES
Allein Cristiano Ronaldo gab in den drei bisherigen Spielen 33 Torschüsse, aber nur acht davon gingen aufs Tor, zwei davon hinein. Der Waliser Gareth Bale, Ronaldos Mitspieler bei Real Madrid, war da schon treffsicherer. Von seinen 16 Abschlüssen gingen elf aufs Tor, dreimal hat Bale bisher getroffen. X01095 / Kai Pfaffenbach
Eine perfekte Torschussquote haben bisher gleich sechs Spieler erreicht. Für Shkodran Mustafi, Bastian Schweinsteiger (beide Deutschland), Hal Robson-Kanu (Wales), Zoltán Stieber (Ungarn), Niall McGinn (Nordirland) und Arnor Ingvi Traustason (Island) gilt allesamt: Ein Schuss, ein Treffer. Traustasson brauchte für sein EM-Tor sogar nur elf Minuten, dann machte er mit dem 2:1 gegen Österreich den Einzug ins Achtelfinale perfekt. AP/AP / Darko Vojinovic
In der Gruppenphase sorgte Nordirland für die wenigsten Abschlüsse: Nur 17-mal schossen die Nordiren aufs Tor. Dennoch haben die Nordiren ebenfalls mit drei Punkten das Achtelfinale erreicht – sie erzielten dabei zwei Tore weniger als die Portugiesen. AP/AP / Laurent Cipriani
Für die einseitigste Partie der Vorrunde sorgte Deutschland: Gegen Nordirland hatte das DFB-Team den höchsten Ballbesitzwert des Turniers (71:29 Prozent). Auch im Vorrundendurchschnitt hatte Deutschland insgesamt den meisten Ballbesitz aller Teams (66 Prozent). X01095 / Christian Hartmann
Auch bei der Anzahl der Pässe sowie bei der Passquote stellt jeweils Nordirland den Tiefstwert. Von den insgesamt 635 nordirischen Zuspielen landeten nur 68 Prozent beim Teamkollegen. Und trotz der vielen Negativrekorde: Wenn es am Samstag zu den ersten Achtelfinals kommt, werden die Nordiren dabei sein. X01095 / Christian Hartmann
Harte Gangart: Rumänien war das Team, das in der Vorrunde am meisten foulte 52-mal stoppten die Rumänen ihre Gegner regelwidrig. Zehnmal gab es dafür die Gelbe Karte, auch hier belegt Rumänien den Höchstwert, jedoch zusammen mit Italien und Albanien. X01095 / Kai Pfaffenbach
Von wegen britischer Härte: Entgegen dem Klischee zeigte England in der Vorrunde die fairste Zweikampfführung. Kein Team beging weniger Fouls als die Mannschaft von Trainer Roy Hodgson (31). Ryan Bertrand und Gary Cahill sind die einzigen englischen Spieler, die bisher Gelb sahen. Hier war nur Spanien fairer. Der Titelverteidiger beging zwar bereits 37 Fouls, aber nur eines davon wurde mit einer Gelben Karte geahndet (Sergio Ramos). EPA/EPA / YURI KOCHETKOV
Tiki-Taka lebt: Vor allem in den ersten beiden Gruppenspielen hat Spanien auf altbewährte Art überzeugt. Mit vielen schnellen kurzen Pässen dominierte das Team sowohl die Tschechen als auch die Türken – und zumindest phasenweise auch die Kroaten. Das zeigen auch die Zahlen: In den drei Partien spielte Spanien insgesamt die meisten Pässe (2023) und erreichte die beste Passquote (92,7 Prozent). Knapp dahinter folgt Deutschland auf Rang zwei (1966 Pässe, 91,3 Prozent kamen an). AP/AP / Claude Paris
So kommt auch der passsicherste Spieler des Turniers aus den Reihen der Spanier: Spielmacher Andrés Iniesta hat zwar für die meisten Zuspiele in seinem Team gesorgt (284), die beste Quote hatte jedoch Innenverteidiger und Kapitän Sergio Ramos: 96,1 Prozent seiner Pässe kamen an. Bezeichnend ist, dass auf den Plätzen zwei, drei und vier der passsichersten Spieler des bisherigen Turniers mit Sergio Busquets (95,2 Prozent), Jordi Alba (94,3 Prozent) und Iniesta (93,3 Prozent) drei weitere Spanier folgen. EPA/EFE / EMILIO NARANJO
Deutschlands Toni Kroos hat es mit einer Passquote von 92,9 Prozent so gerade noch in die Top Fünf geschafft. In einer anderen Kategorie hält der Mittelfeldspieler jedoch den Bestwert: Kroos ist der Spieler, der insgesamt die meisten Pässe gespielt hat (353). Der Schweizer Granit Xhaka kommt mit 307 Zuspielen auf Platz zwei, die Spanier Iniesta (284), Ramos (258) und Busquets (249) liegen noch deutlicher hinter Kroos. freshfocus / Alain Grosclaude/freshfocus
Sepp Herberger sagte einst: «Der Ball ist rund, und ein Spiel dauert 90 Minuten.» Ersteres ist unbestritten, Letzteres stimmt nur in der Theorie. Denn durch die vielen Unterbrechungen durch Fouls, Diskussionen oder Torjubel rollt der Ball deutlich kürzer als 90 Minuten. Die Begegnung mit der höchsten effektiven Spielzeit zeigten Spanien und die Türkei mit 62 Minuten und 58 Sekunden. EPA/EPA / SEBASTIEN NOGIER
Deutlich weniger Fußball gab es zwischen Italien und Irland zu sehen. Hier gab es den Tiefstwert bei der effektiven Spielzeit: Inklusive der Nachspielzeit lief der Ball hier gerade einmal 46 Minuten und 48 Sekunden. AP/AP / Antonio Calanni

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