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Humanitäre Krise an der US-Grenze: Unter einer Strassenbrücke schwitzen 15'000 Migranten

In Del Rio (Texas) haben in den vergangenen Tagen Tausende von Migrantinnen und Migranten ohne gültige Reisepapiere die Grenze zwischen Mexiko und Amerika überquert. Nun will die Regierung von Joe Biden die Menschen zurück in ihr Heimatland Haiti ausfliegen.

Publiziert: 19.09.21, 15:41
Renzo Ruf, Washington / ch media

Neuer Brennpunkt an der amerikanischen Südwest-Grenze. In den vergangenen Tagen sind bei der texanischen Kleinstadt Del Rio gegen 15'000 Migrantinnen und Migranten ohne gültige Reisepapiere eingereist.

Desolate Zustände in Del Rio (Texas): Tausende von Menschen haben in den vergangenen Tagen die Grenze zwischen Mexiko und den USA ohne gültige Reisepapiere überquert. Bild: keystone

Weil das Grenzwachtkorps CBP (Customs and Border Protection) mit der Menschenmenge zumindest anfänglich komplett überfordert war, harren die Menschen seit Tagen im Niemandsland zwischen den offiziellen Grenzposten aus; in der Spätsommerhitze von Texas spendet bloss die «International Bridge», die einzige Strassenverbindung zwischen Mexiko und Amerika in Del Rio, ein wenig Schatten. (Am Sonntag stiegen die Temperaturen auf fast 40 Grad Celsius.) «Ich hätte nie in meinem Leben gedacht, dass ich etwas in dieser Grössenordnung erleben würde», sagte Bruno Lozano, der demokratische Stadtpräsident von Del Rio, Einwohnerzahl: 36'000.

Am Wochenende nun verabschiedete die Regierung von Präsident Joe Biden ein Hilfspaket, um die dramatische Lage etwas zu entschärfen. Demnach wollte das nationale Sicherheitsministerium Tausende von Menschen aus Del Rio direkt in ihre Heimat ausschaffen. Die Rede war am Sonntag von fünf bis acht Flügen pro Tag.

Die meisten Migrantinnen und Migranten, hiess es aus Texas, stammten aus Haiti; viele flohen bereits vor Jahren aus dem Inselstaat und arbeiteten in den vergangenen Jahren in Brasilien oder Chile. An einer Rückkehr nach Haiti, einem der ärmsten Länder der Welt, haben sie kein Interesse. So zitierte die Nachrichtenagentur AP den 38-jährigen Fabricio Jean mit den Worten: «In Haiti, da gibt es keine Sicherheit. Das Land ist in einer politischen Krise.»

Auch entschied die Regierung Biden, die Zahl der Grenzwächter in Del Rio massiv aufzustocken, um mehr als 2000 CBP-Agenten. Für den texanischen Gouverneur Greg Abbott reichen diese Ankündigungen allerdings nicht aus. Deshalb blockierte die texanische Staatspolizei am Samstag kurzerhand den Zugang zum Grenzfluss Rio Grande und verhinderte damit, dass die Tausenden von Migranten unter der «International Bridge» sich auf der mexikanischen Flussseite weiter mit Lebensmitteln und Getränken versorgen konnten.

Abbott beklagt sich seit Monaten darüber, dass die Regierung Biden den Schutz der Grenze vernachlässige; so kündigte er im Sommer an, nötigenfalls selbst eine Mauer zu bauen, nachdem Biden gesagt hatte, dass keine Bundesgelder mehr in die Erstellung eines Grenzwalls fliessen würden. Bereits bewilligte das Staatsparlament von Texas, in dem die Republikaner die Mehrheit stellen, 788 Millionen Dollar. Weitere 54 Millionen Dollar soll Abbott von privaten Geldgebern gesammelt haben.

Allerdings zeigt das Beispiel Del Rio, dass ein solche Befestigung kein Allheilmittel ist. So befindet sich Zaun fast einen Kilometer entfernt von der eigentlichen Grenze; die Befestigung, die von Bidens Vorgängern erbaut wurde, schirmt ein Industriegebiet von den Wiesen und Wäldern direkt am Rio Grande ab. Gemäss amerikanischen Gesetzen aber kann eine Migrantin oder ein Migrant einen Asylantrag stellen, wenn er sich auf amerikanischem Boden befindet. Weil die Grenze zwischen Mexiko und Amerika gegen 3145 Kilometer lang ist, kommt der Kampf des Grenzwachtkorps gegen Menschenschmuggler einer Sisyphusarbeit gleich.

Seit Beginn des aktuellen Fiskaljahres im Oktober 2020 haben gegen 1.5 Millionen Menschen die Grenze zwischen Mexiko und Amerika ohne gültige Reisepapiere überschritten; allein im Abschnitt Del Rio griff das Grenzwachtkorps in den vergangenen fast zwölf Monaten gegen 215'000 Migrantinnen und Migranten auf. (bzbasel.ch)

Flüchtlinge kämpfen gegen Grenzen

15. September, Istanbul, Esenler Busbahnhof: Die Regierung hält Tickets an die Grenze zurück, Flüchtlinge protestieren. Getty Images Europe / Ahmet Sik
In der Türkei sind die Flüchtlinge chancenlos. Getty Images Europe / Ahmet Sik
Mit Pappkartons wird gegen die Sperre demonstriert. Getty Images Europe / Ahmet Sik
Mehrere hundert Flüchtlinge entschlossen sich, zu Fuss in Richtung Westen zu marschieren. EPA/EPA / CEM TURKEL
Die Polizei versuchte die Menschen aufzuhalten. EPA/EPA / CEM TURKEL
EPA/EPA / CEM TURKEL
An der ungarisch-serbischen Grenze bitten Flüchtlinge um Einlass. EPA/MTI / ZOLTAN MATHE
Doch auch dort: Ungarn ist dicht. EPA/MTI / TAMAS SOKI
«Edirne ist unsere Erlösung.» Flüchtlinge versuchen, die griechisch-türkische Grenzstadt zu erreichen. Getty Images Europe / Ahmet Sik
Auch in Deutschland lassen sich Flüchtlinge nicht von gesperrten Grenzen abhalten. Hier: Freilassung. Getty Images Europe / Sean Gallup
In Salzburg warten Migranten auf einen Zug nach Deutschland. Getty Images Europe / Sean Gallup
epa04932216 Hungarian police block a street towards the closed border crossing between Serbia and Hungary in Roszke, on the Hungarian side of the border, while a refugee boy looks through the fence from Hogros on the Serbian side, 15 September 2015. Hungary declared a state of emergency in two counties along its border with Serbia, after it used a boxcar fitted with razor wire to block a major entry point there. Declaring the state of emergency paves the way for parliament to allow the army to reinforce police along the border, as new measures to crackdown on refugees go into effect. EPA/KOCA SULEJMANOVIC EPA/EPA / KOCA SULEJMANOVIC
epa04932061 Migrants shout slogans at the closed border crossing between Serbia and Hungary, near Horgos, Serbia, 15 September 2015. Hungary declared a state of emergency in two counties along its border with Serbia, after it used a boxcar fitted with razor wire to block a major entry point there. Declaring the state of emergency paves the way for parliament to allow the army to reinforce police along the border, as new measures to crackdown on refugees go into effect. EPA/BALAZS MOHAI HUNGARY OUT EPA/MTI / BALAZS MOHAI

Ungarn schottet sich weiter ab

Video: SRF / Roberto Krone

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