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Die Ameisen bauten in diesem verlassenen sowjetischen Atombunker in Westpolen ihr Nest. Bild: Wojciech Stephan

Forscher befreien Kannibalen-Ameisen aus einem verlassenen sowjetischen Atombunker

Publiziert: 09.11.19, 16:30

2013 stiessen Wissenschaftler auf eine Ameisenkolonie in einem verlassenen sowjetischen Atombunker bei Miedzyrzecz in Westpolen. Die Insekten – es handelte sich um Kahlrückige Waldameisen (Formica polyctena) – hatten ihren Bau auf einem verrosteten Lüftungsschacht angelegt.

Die Forscher um Wojciech Czechowski beobachteten die Kolonie über mehrere Jahre hinweg und stellten fest, dass immer wieder einzelne Arbeiterinnen durch die vom Rost gefressenen Löcher in den Bunker fielen und dort gefangen überlebten – ohne Königin, ohne Licht und ohne Nahrung.

Diese Ameisen-Notgemeinschaft erreichte eine beachtliche Grösse: Sie umfasste schätzungsweise knapp eine Million lebende Tiere; daneben fanden sich Kadaver von rund zwei Millionen Ameisen. Diese Bunker-Kolonie stellte die Entomologen vor ein Rätsel: Wie konnten die Kerbtiere jahrelang unter solchen lebensfeindlichen Bedingungen – allem voran ohne Nahrung – überleben?

Die Antwort ist so einfach wie makaber, wie die Wissenschaftler nun im Fachmagazin «Journal of Hymenoptera Research» schreiben: Die Ameisen fressen tote Artgenossen auf. Deren Überreste – abgenagte Chitinpanzer – türmen sich mittlerweile zu zentimeterhohen Wällen auf; die Forscher zählten dort beinahe 8000 Tiere pro Quadratzentimeter.

Frassspuren am Chitinpanzer

Die Wissenschaftler erkannten zunächst nicht, dass es sich bei den leeren Chitinpanzern um Essensreste handelte. Erst die genaue Untersuchung von 150 Kadavern unter dem Mikroskop zeigte, dass alle diese Ameisen aufgefressen worden waren. Alle Chitinhüllen wiesen Frassspuren und ein Loch auf der Bauchseite auf, durch das die hungrigen Artgenossen an das Innere gelangt waren.

Kannibalen-Ameisen im verlassenen Atombunker

In diesem verlassenen Bunker in Westpolen lagerten die Sowjets einst Atomwaffen. 2013 stiessen polnische Wissenschaftler hier auf eine Ameisenkolonie. (bild: wojciech stephan) Wojciech Stephan
Die Kahlrückigen Waldameisen (Formica polyctena) hatten ihren Bau über einem Lüftungsschacht des Bunkers angelegt. (bild: wojciech stephan) Wojciech Stephan
Ständig fielen einzelne Arbeiterinnen durch den Schacht ins Innere des Bunkers und blieben dort gefangen. Die Öffnung des Schachts in der Mitte der Decke war für sie unerreichbar. (bild: wojciech stephan) Wojciech Stephan
Die Bunker-Ameisen bauten auf dem sandigen Bunkerboden ein eigenes Nest. Diese Kolonie umfasste beinahe eine Million Tiere. (bild: wojciech stephan) Wojciech Stephan
Die Kolonie im Bunker stellte die Forscher vor ein Rätsel: Wie konnten die Ameisen jahrelang unter solchen lebensfeindlichen Bedingungen überleben – ohne Königin, ohne Licht, vor allem aber ohne Nahrung? (bild: wojciech stephan) Wojciech Stephan
Die makabere Antwort: Die Ameisen frassen tote Artgenossen auf. Deren Überreste – abgenagte Chitinpanzer – türmten sich zu zentimeterhohen Wällen auf (hier an der hinteren Wand zu erkennen). (bild: wojciech stephan) Wojciech Stephan
Die Forscher schätzten die Anzahl der Kadaver auf rund zwei Millionen. (bild: wojciech stephan) Wojciech Stephan
Die unter dem Mikroskop untersuchten Chitinhüllen der Kadaver wiesen Frassspuren auf. Bild: Blick in den Lüftungsschacht von unten. (bild: wojciech stephan) Wojciech Stephan
Die Wissenschaftler stellten einen Holzsteg in den Bunker, der den Boden mit dem Schacht verbindet. Der Steg diente den Ameisen im Bunker als Fluchtweg. (bild: wojciech stephan) Wojciech Stephan
Einige Wochen später war der Bunker nahezu leer – fast alle Ameisen hatten in ihre Mutterkolonie zurückgefunden. (bild: wojciech stephan) Wojciech Stephan

Kannibalismus kommt bei Ameisen unter bestimmten Umständen durchaus vor: Benachbarte Ameisenvölker kämpfen im Frühling, wenn proteinreiche Nahrung knapp ist, oft in sogenannten «Ameisenkriegen» um Territorien und verwerten dann die Kadaver der zahlreichen getöteten Artgenossen als Futter.

«Der vorliegende Fall zeigt, wie gross das Anpassungsvermögen dieser Ameisen an problematische Lebensräume und suboptimale Bedingungen ist. Er trägt zum Verständnis ihres unzweifelhaften evolutionären Erfolgs bei», schreiben die Autoren der Studie.

Holzsteg als Fluchtweg

Im Frühling 2016 beschlossen die Entomologen, die gefangenen Ameisen zu befreien. Zuerst testeten sie die Reaktion der Mutterkolonie auf die Rückkehrer, indem sie eine Gruppe von hundert Bunker-Ameisen in der Nähe des Mutterbaus aussetzten. Die Tiere aus dem Bunker fanden schnell zum Bau und stiessen dort auf keinerlei aggressives Verhalten, sondern wurden umgehend wieder integriert.

Im September installierten die Forscher dann einen drei Meter langen Holzsteg, der den Bau der Bunker-Ameisen mit dem Lüftungsschacht in der Decke verband. Bald begannen einzelne Ameisen mit der Erkundung des neuen Fluchtwegs; im Februar 2017 war der Bunker nahezu leer. Nach wie vor fallen ab und zu Tiere in den Bunker, doch nun finden sie jeweils wieder heraus.

(dhr)

Diese Ameisen sind bessere Brückenbauer als wir

Video: watson/Angelina Graf

Verlassene Bunker

Stanley R. Mickelsen Safeguard Complex, bei Nekoma, US-Staat North Dakota. Teil des Safeguard-Raketenabwehrsystems, das wegen der Abrüstung und aus Kostengründen nach kurzer Zeit stillgelegt wurde. (bild: pd)
RAF Stenigot, bei Donington on Bain, Lincolnshire, England. Im Zweiten Weltkrieg eingerichtet, in den Fünfzigerjahren im Zuge des Kalten Krieges ausgebaut, in den Achtzigerjahren stillgelegt und 1996 zum grössten Teil abgebaut. (bild: flickr)
Maunsell Sea Forts, Themse-Mündung, England. Im Zweiten Weltkrieg zur Abwehr deutscher Bomber errichtet. 1945 stillgelegt. Eines der Forts wurde 1967 besetzt und zum unabhängigen Fürstentum Sealand erklärt. (bild: wikimedia)
Bunker der Árpád-Linie, Karpato-Ukraine. 1941/1942 als ungarisch-deutsche Verteidigungslinie angelegt. (bild: shutterstock)
Beelitz-Heilstätten, Brandenburg, Deutschland. 1898 als Tuberkulose-Klinik errichtet, diente der Komplex in beiden Weltkriegen als Lazarett – 1916 lag hier auch der Gefreite Adolf Hitler. Nach 1945 von der Roten Armee bis 1994 als Militärhospital genutzt. Diente als Drehort für die Filme Der Pianist und Operation Walküre. (bild: shutterstock)
Fort Tilden, Queens, New York. 1917 errichtet, um New York gegen Angriffe vom Meer her zu schützen. 1974 geschlossen. (bild: flickr)
Beetle-Pontons, Mulberry Hafen B, Arromanches, Normandie, Frankreich. Künstliche, in England vorgefertigte Nachschubhäfen der Alliierten, montiert unmittelbar nach der Invasion in der Normandie. (bild: shutterstock)
Batterie Longues-sur-Mer, Normandie, Frankreich. Die Küstenbatterie, die einzige in der Normandie mit noch erhaltenen Kanonen, war Teil des deutschen Atlantikwalls, der die Invasion der Alliierten verhindern sollte. Der östliche Bunker wurde während der Invasion zerstört. (bild: shutterstock)
Balaklawa U-Boot-Bunker, bei Sewastopol, Krim, Ukraine. Ab 1954 als streng geheimer, atombombensicherer U-Boot-Stützpunkt errichtet. 1993 aufgegeben. (bild: wikimedia)
Devil's Slide Bunkers, San Mateo County, US-Staat Kalifornien. In den späten Dreissigerjahren erbaut, 1983 verkauft. (bild: wikimedia)
Festung Dünaburg, Dünaburg (Daugavpils), Lettland. Die Festung aus dem 19. Jahrhundert ist als einzige dieser Art in Osteuropa vollständig erhalten. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie als Kriegsgefangnenlager genutzt und danach von der Roten Armee als Kaserne. (bild: shutterstock)
Bunker der Maginot-Linie, Langensoultzbach, Frankreich. Die Maginot-Linie war ein grossangelegtes französisches Verteidigungswerk, das nach dem Ersten Weltkrieg angelegt wurde, um eine deutsche Invasion aufzuhalten. (bild: shutterstock)
U-Boot-Bunker, St. Nazaire, Frankreich. 1941 von der Wehrmacht mit Zwangsarbeitern erbaut. Nach dem Krieg von der französischen Marine bis in die Neunzigerjahre als Depot für Kriegsschiffe genutzt (bild: wikimedia)
Flakturm/Hochbunker, Feldstrasse, Hamburg, Deutschland. Während des Zweiten Weltkriegs zur Abwehr von Luftangriffen und als Schutzraum für die Bevölkerung erbaut. Nach dem Krieg vorübergehend für Wohnungszwecke verwendet. (bild: wikimedia)
Fort Markendorf, bei Jüterbog, Brandenburg, Deutschland. Zwei Forts, das «kleine» und das «grosse», wurden 1908 als Übungseinrichtung gebaut. Ab 1930 als Erprobungsplatz für Schutzbauten verwendet. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm die Rote Armee den Übungsplatz. (bild: hidden-places.de)
U-Boot-Bunker, Pawlowsk, Russland. Der Bau des Bunkers für die Pazifik-U-Boot-Flotte begann in den Sechzigerjahren. In den Achtzigerjahren wurde klar, dass er aufgrund von Abrüstungsgesprächen nicht beendet werden würde. (bild: englishrussia.com)
Fort Ord, 80 km südlich von San Francisco, US-Staat Kalifornien, diente von 1917 bis 1994 als Trainingszentrum für Infanterie-Einheiten. (bild: shutterstock)
Fort Gorazda, bei Kotor, Montenegro. In den 1880er Jahren von Österreich-Ungarn erbaut. In den 1990er Jahren aufgegeben. (bild: shutterstock)
Fort von Karosta, Liepaja (Libau), Lettland. 1890 als Stützpunkt der Russischen Ostseeflotte gebaut und nach dem Abzug der Roten Armee bei der Auflösung der Sowjetunion aufgegeben. (bild: wikimedia/mosiva) Wikimedia/Mosiva

Ameise auf Stelzen

Video: Roberto Krone

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