Die ehemalige Colonia Dignidad, heute «Villa Baviera». Die von dem deutschen Sektenchef Paul Schäfer gegründete Siedlung liegt rund 340 Kilometer südlich der chilenischen Hauptstadt Santiago. X01744 / © Ivan Alvarado / Reuters
Schäfer, ein ehemaliger evangelischer Jugendpfleger und Laienprediger, hatte in den 50er Jahren in Deutschland eine religiöse Gemeinschaft um sich geschart.
Als man ihm Kindesmissbrauch vorwarf und er von der Polizei gesucht wurde, tauchte er unter und floh 1961 nach Chile. Viele seiner Anhänger folgten ihm. PD
In Chile kaufte Schäfer in einer möglichst entlegenen Gegend 3000 Hektar Land. Mit der Zeit baute er die Siedlung auf mehr als 15'000 Hektar aus. Lange galt die deutsche Kolonie als landwirtschaftliches Vorzeigeprojekt. messynessychic.com
Schäfers Anhänger beackerten die Felder und arbeiteten in der Schlosserei, der Nähstube, der Tischlerei, der Goldmine oder dem technisch modernsten Krankenhaus der Region. Chilenische Kinder aus der Region wurden hier kostenlos behandelt. X01744 / © Reuters Photographer / Reuter
Es gab auch ein Internat. Schul- und Arztbesuch waren für chilenische Kinder kostenlos. Allerdings stellten manche Eltern danach Spuren von Misshandlungen fest. Um Nachwuchs zu rekrutieren, wurden manche Kinder von der Sekte «adoptiert», wie der Kinderraub zynisch hiess. X00700 / © Reuters Photographer / Reuter
Doch ihren Anklagen schenkte die chilenische Justiz keinen Glauben. Die chilenische Diktatur profitierte zu sehr von Schäfers Sekte, die Eltern konnten von der Regierung keine Hilfe erwarten. X01744 / © Ivan Alvarado / Reuters
Denn nach dem Militärputsch 1973 nutzte der chilenische Geheimdienst DINA die Siedlung, um Regimegegner in den Kellern zu foltern. Mindestens 30 Folteropfer der Pinochet-Diktatur wurden hier ermordet. messynessychic.com
Nach aussen wirkte die Siedlung vorbildlich, geführt wurde sie aber wie ein kleiner Terrorstaat – mit einem System der gegenseitigen Bespitzelung, brutaler Bestrafung, Folter und Mord. AP / ROBERTO CANDIA
Die Colonia Dignidad liess kaum jemanden aus dem mit Elektrozaun, Bewegungsmeldern und Stolperdrähten gesicherten Areal entkommen. X01494 / © Reuters Photographer / Reuter
Eine Frau hängt Bilder von verschwundenen Regimegegnern am Zaun der Colonia Dignidad auf (undatiertes Foto). Die Sekten-Siedlung bestand jahrezehntelang und war der Ort zahlreicher Verbrechen. X00700 / © Reuters Photographer / Reuter
Seine scheinbare Mustersiedlung in Chile nutzte Schäfer zudem, um sich an Jungen zu vergehen. Seine jeweils aktuellen Lieblinge nannte er «Sprinter». Offiziell waren sie seine Laufburschen und putzten ihm die Schuhe, in Wahrheit mussten sie mit ihm ins Bett. AP / LA TERCERA
Kinderschänder Schäfer geisselte jegliche Sexualität als Sünde. Männer und Frauen wurden strikt getrennt. Die Kinder durften nicht mit ihren Eltern in Familien zusammenleben; oft wussten sie nicht, wer ihre Eltern waren. X01744 / © Reuters Photographer / Reuter
Doch mit dem Ende der Diktatur verlor die Sekte ihren mächtigsten Schutzherren: General Augusto Pinochet. AP / MARCO UGARTE
Jetzt wurde die chilenische Justiz endlich aktiv. Mehrere Male wurde die Colonia Dignidad durchsucht, doch Schäfer fanden die Beamten nie. X00076 / © Reuters Photographer / Reuter
Der Sektenführer war jeweils rechtzeitig gewarnt worden. X00076 / © Reuters Photographer / Reuter
1997 tauchte Schäfer unter. 2004 wurde er in Chile wegen Misshandlung und Missbrauchs von mindestens 27 Kindern und illegalen Waffenhandels in Abwesenheit zu 20 Jahren Haft verurteilt. AP / ROLANDO ANDRADE
«Angelo, jeder weiss, dass die Polizei dich misshandelt und zu Lügen zwingt», steht auf einem der Schilder, das Kinder in der Colonia Dignidad hochhielten. Angelo war einer der Jungen, die von Schäfer missbraucht worden waren. X00700 / © Reuters Photographer / Reuter
Seine Aussagen hatten unter anderem dazu geführt, dass der Sektenchef untertauchen musste. Viele der Kinder dieser inszenierten Demo dürften selbst zu Schäfers Opfern gehört haben. X00076 / © Reuters Photographer / Reuter
2005 wurde Schäfer in Argentinien verhaftet und nach Chile ausgeliefert. Er starb 2010 im Gefängnis. AP / ROLANDO ANDRADE
2005 entdeckten Ermittler auf dem Gelände der Colonia Dignidad nicht nur vergrabene Autowracks von Vermissten, sondern auch das grösste private Waffenarsenal Chiles mit Tausenden Maschinengewehren, Raketenwerfern, Minen und Infrarotsystemen für Panzer. AP / STR
Denn als Pinochets Chile mit einem UNO-Waffenembargo belegt worden war, half die Sekte dem Diktator aus. Schäfer nutzte seine guten Kontakte zur CSU und skrupellosen Waffenhändlern wie Gerhard Mertins, einem ehemaligen SS-Offizier. X01494 / © Reuters Photographer / Reuter
Noch 2014 suchten Ermittler auf dem Gelände der Siedlung nach Spuren von verschwundenen Regimegegnern aus der Zeit der Pinochet-Diktatur. EPA/EFE / BENJAMIN HERNANDEZ
Nach Schäfers Flucht 1996 wurde die Sekte autoritär von seinen Vertrauten weitergeführt, auch wenn es nicht mehr zu sexuellem Kindesmissbrauch kam. Es fehlte aber eine Führerfigur, die dieselbe religiöse Autorität ausstrahlte wie Schäfer, sodass sich einige Mitglieder langsam aus der Sekte lösten. X00076 / © Reuters Photographer / Reuter
Sektenarzt Hartmut Hopp, einer der engsten Mitarbeiter von Paul Schäfer, wurde in Chile wegen Beihilfe zu sexuellem Missbrauch und Vergewaltigung zu fünf Jahren Haft verurteilt - floh aber nach Deutschland. X80002 / © STR New / Reuters
Werner Schmidtke zeigt ein Bild, das ihn in einer Gruppe von Sektenmitgliedern zeigt. Der Deutsche hat zusammen mit anderen Opfern den ehemaligen Sektenarzt Hopp angeklagt. X00227 / © Wolfgang Rattay / Reuters
Als ob es ein ganz normaler Ort wäre, wurde auf dem Gelände der einstigen Colonia Dignidad im Jahr 2012 ein Hotel eröffnet. Ausgerechnet Kinder wurden hier zum Jubeln vorgeschickt. X01744 / © Ivan Alvarado / Reuters
Die Colonia Dignidad wurde in «Villa Baviera» umbenannt, was ein wenig harmloser klang. AP / ROBERTO CANDIA
In diesem Raum lebte Sektenarzt Hopp früher. Heute können darin Hotelgäste der «Villa Baviera» darin übernachten. Auch Schäfers Zimmer wurde 2012 umgebaut. X01744 / © Ivan Alvarado / Reuters
Die Kolonie ist heute eine Touristenattraktion. X01744 / © Ivan Alvarado / Reuters
Sie bedient bewusst Klischeevorstellungen von deutscher – genauer: bayrischer – Gemütlichkeit. messynessychic.com
Ein Opfer sagte über das neue Hotel: «Im Saal, in dem heute das Restaurant ist, hat Schäfer uns durchgeprügelt, und ich habe mich vor Angst zugepinkelt. Nebenan hat er Kinder vergewaltigt. Und dort finden jetzt Hochzeiten statt!» X01744 / © Ivan Alvarado / Reuters
Viele der einstigen Sektenmitglieder leben heute noch hier, manche aus Uneinsichtigkeit, sehr viele aber aus wirtschaftlicher Not. AP / ROBERTO CANDIA
Für ihre Arbeit auf den Feldern und in den Werkstätten haben sie nie Löhne bekommen und so kein Kapital angespart. X01744 / © Ivan Alvarado / Reuters
Weder die chilenische Regierung noch Deutschland hat den Opfern der Sekte eine finanzielle Entschädigung gezahlt. Und so bleiben die meisten dort, wo sie einst gequält und missbraucht wurden. AP / ROBERTO CANDIA