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Inszeniertes Familienglück: Schützt Zuckerbergs Konzern in Zukunft die Privatsphäre der User besser? Bild: AP/Facebook

Zuckerberg verspricht: «Die Zukunft ist privat» – Doch kann man ihm glauben?

Mark Zuckerberg verspricht einen Richtungswechsel, ein neues Facebook: «Privatsphäre gibt uns die Freiheit, uns selber zu sein.»

Publiziert: 02.05.19, 05:14 Aktualisiert: 02.05.19, 06:13
Raffael Schuppisser / ch media

Als er Facebook in seinem Schlafzimmer ins Leben rief, fand Mark Zuckerberg auch seine Mission. Er wollte die Welt durch Offenheit zu einem besseren Ort machen. Zu einem Ort, an dem die Menschen möglichst viel miteinander teilen – Bilder, Nachrichten, Ideen. In der Privatsphäre sah er ein überholtes Modell. Menschen würden immer offener zu immer mehr Menschen, meinte er in einem Interview. Die sozialen Normen hätten sich entwickelt.

Nun, 15 Jahre später, sagt er: «Die Zukunft ist privat.» Und: «Privatsphäre gibt uns die Freiheit, uns selber zu sein.»

Die privaten Daten, welche die Nutzer preisgeben, sind noch immer Gold wert: Allein im ersten Quartal 2019 machte der Konzern knapp 2.5 Milliarden Dollar Gewinn.

Stube statt DorfplatzIst er mit seiner Mission gescheitert? Ob die Welt dank Facebook besser geworden ist, sei dahingestellt. Wirtschaftlich gesehen, ist Zuckerbergs Mission ein Riesenerfolg: Dank der Offenheit der Menschen ist Facebook zu einer der reichsten Firmen geworden. Die privaten Daten, welche die Nutzer preisgeben, sind noch immer Gold wert: Allein im ersten Quartal 2019 machte der Konzern knapp 2.5 Milliarden Dollar Gewinn.

Das Geschäftsmodell von Facebook basiert auf Offenheit, deshalb will man Zuckerberg den eben an der Entwicklerkonferenz F8 angekündigten Richtungswechsel nicht recht abnehmen. Privatsphäre ist das Gegenteil von Facebook.

Und dennoch war Zuckerberg in den letzten Jahren klug genug, zu erkennen, dass sich Unterhaltungen vom digitalen Dorfplatz, wie es Facebook ist, in private Chaträume zurückverlagern. Die Etablierung des Messengers war eine Reaktion darauf, der Kauf von WhatsApp eine andere. Diese Chatkanäle will Zuckerberg nun stärken, sie alle miteinander vernetzen und so verschlüsseln, dass auch Facebook selber nicht mehr mitlesen kann.

Die Hoffnung von Zuckerberg dürfte aber insgeheim sein, dass das weisse Facebook gleich funktioniert wie das blaue, und die Nutzer weiterhin fleissig alles mit allen teilen.

Beim sozialen Netzwerk Facebook hingegen bleibt alles, wie es ist; auch das Versprechen, die Nutzerdaten besser zu schützen, ist nicht neu. Die Rückbesinnung auf die Privatsphäre ist also vor allem eine Imagekampagne. Denn um den Ruf von Facebook ist es nach den Datenschutzskandalen der letzten Jahre schlecht bestellt.

Weiss statt Blau

Dazu passt auch der neue Anstrich: Das Design der Plattform wird generalüberholt, das Blau der Website soll einem unschuldigen Weiss weichen. Die Hoffnung von Zuckerberg dürfte aber insgeheim sein, dass das weisse Facebook gleich funktioniert wie das blaue, und die Nutzer weiterhin fleissig alles mit allen teilen.

Dennoch sorgt der Konzernchef vor und kümmert sich um neue mögliche Einnahmequellen: So können etwa Firmen auf Instagram bald auch Shops führen, um Produkte direkt auf der Plattform zu verkaufen.

Bezahlen über WhatsApp, Dating-Plattform und Virtual Reality sind andere Felder, mit denen künftig Geld verdient werden könnte. Das wird spätestens dann wichtig werden, wenn eintrifft, was Zuckerberg prophezeit, doch kaum wahrhaben will: «Die Zukunft ist privat.»

«Hate Speech» bei Facebook – was toleriert wird, und was nicht

Dürfen Facebook-Nutzer «Asylanten raus» fordern und Flüchtlinge als «faule Räuber und Diebe» bezeichnen, «die unser Land überschwemmen»? Die Antwort lautet ... EPA/EPA / KOCA SULEJMANOVIC
... Ja. Zwar bilden Flüchtlinge für Facebook eine «quasi geschützte Gruppe». Doch geniessen sie weniger Schutz als andere, vollständig geschützte Gruppen wie etwa «Rasse» (Race), Ethnie oder nationale Herkunft. EPA/EPA / MOHAMMED BADRA
Facebook hält das Grundrecht der freien Meinungsäusserung auch für verächtliche Postings hoch. Demnach ist erlaubt zu schreiben, dass man Migranten für faul und für dreckige Diebe und Räuber hält, die nur nach Europa kommen, um die Sozialsysteme auszubeuten. AP/AP / Ferdinand Ostrop
Facebook hält in der internen Definition zu der «Quasi Protected Category (QPC)» der Migranten fest, dass es nicht auf deren Motivation ankomme.
Die Bestimmungen zu Hassreden («Hate Speech») gelten für Menschen, die vor Kriegen und Naturkatastrophen flüchten, aber auch für Wirtschaftsflüchtlinge. kaltura://1789921/178992100/71000/1_4yjt7uy2 / reuters-video
Interessant sei die Fussnote zum internen Facebook-Dokument, hält die «Süddeutsche Zeitung» fest. Darin heisse es: «Flüchtlinge sind eine verletzliche Gruppe, und wir wollen entwürdigende Kommentare entfernen, die sich gegen sie richten. Gleichzeitig wollen wir eine breite gesellschaftliche Debatte über Migration ermöglichen, ein wichtiges Thema in den kommenden Wahlkämpfen.» EPA DPA / MARTIN SCHUTT
Unangetastet bleiben sollen gemäss den internen Facebook-Richtlinien auch andere erniedrigende Postings, wenn sie sich gegen Migranten richten ... ap/ap / MOHAME BEN KHALIFA
... und nicht gegen Engländer, US-Amerikaner oder Schweizer. Denn die nationale Herkunft gehört zu einer von acht geschützten Facebook-Kategorien (im Gegensatz zu den Ländern selbst).
Geschützt werden sollen die Migranten aber bei eindeutigen Drohungen. Solche Äusserungen sollen die Facebook-Moderatoren löschen. EPA/EFE / MIGUEL PAQUET
Gelöscht werden sollen auch entmenschlichende Zuschreibungen, wie zum Beispiel: «Migranten sind dreckige Kakerlaken, die unser Land überschwemmen.»
Dürfen Facebook-Nutzer dazu aufrufen, dicke Menschen umzubringen? shutterstock / shutterstock
Das wird in der Tat toleriert. Da das Körpergewicht ein veränderliches Merkmal sei, zählt Facebook Hass-Postings gegen Fettleibige nicht als Hassrede, die gelöscht werden muss. Gleiches gilt für Alter, Beruf, Haarfarbe und viele andere Eigenschaften.
Vor Hassrede geschützt sind weder Reiche und Arme ...
... noch US-Demokraten, Kommunisten oder Grüne.
Die anderen sieben geschützten Kategorien sind: Geschlecht (Gender), sexuelle Orientierung, Rasse, Ethnie sowie schwerwiegende und dauerhafte Behinderungen oder Krankheiten.
Wenn eine der genannten Gruppen bedroht, beleidigt, herabgesetzt oder ausgegrenzt wird, soll der entsprechende Beitrag von den zuständigen Moderatoren entfernt werden. Allerdings muss der Beitrag von einem Facebook-User «gemeldet» worden sein.
Kompliziert wird es, sobald unterschiedliche Kategorien zusammenfallen. Was ist mit «Bringt alle Muslime um»? Laut Facebook-Regelung ... AP / OSMAN ORSAL
... ein klarer Fall: Religiöse Überzeugung zählt zu den geschützten Kategorien, solche Äusserungen werden nicht toleriert. KEYSTONE / PETER KLAUNZER
Gelöscht werden muss auch: «Bringt alle muslimischen Flüchtlinge um!» Hingegen ... AP/AP / Bernat Armangue
... erlaubt ist «Bringt alle muslimischen Lehrer um», ebenso Gewaltaufrufe gegen muslimische Arbeitslose, Teenager, Dunkelhaarige, Reiche oder Fettleibige. AP/AP / Bernat Armangue
Was ist mit «Alle Terroristen sind Muslime»? Gemäss Facebook-Regelung ... AP/AP / Bernat Armangue
... ist dies eine zulässige Aussage, da Terroristen keine geschützte Gruppe sind. AP/AP / Giannis Papanikos
Gelöscht werden müsste dagegen: «Alle Muslime sind Terroristen». EPA/EFE / Quique Garcia
Elend kompliziert, ja! Dieses Flussdiagramm soll Facebook-Moderatoren instruieren, wie sie vorgehen müssen, wenn geschützte Gruppen bedroht oder beleidigt werden.
Die Mehrheit der Facebook-User bleibt im Unklaren. Vage formuliert finden sich die Regeln auch in den öffentlichen «Gemeinschaftsstandards» von Facebook.

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