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Die Protagonisten im Entscheidungsspiel: Arnaud Boetsch (links) und Nicklas Kulti. bild: youtube

Frankreich holt sich den dramatischsten Davis-Cup-Triumph der Geschichte

1. Dezember 1996: Im entscheidenden letzten Spiel vergibt der Schwede Nicklas Kulti drei Matchbälle. Er verliert gegen Arnaud Boetsch eine epische Schlacht um die «hässlichste Salatschüssel der Welt».

Publiziert: 01.12.18, 00:01 Aktualisiert: 01.12.18, 11:26

Heute ist es ums schwedische Männertennis schlecht bestellt. Kein einziger Spieler taucht in den Top 100 der Weltrangliste auf. In den 1980er- und 1990er-Jahren ist das noch ganz anders. Mats Wilander gewinnt sieben Grand-Slam-Turniere, sein Landsmann Stefan Edberg sechs. Beide klettern bis auf Platz 1 der Weltrangliste. Zwischen 1983 und 1989 steht Schweden jedes Jahr im Davis-Cup-Final, zwischen 1975 und 1998 holen die Skandinavier die Team-Trophäe sieben Mal.

Ende 1996 tritt Edberg von der Tennisbühne ab. Der Davis-Cup-Final vor eigenem Publikum in Malmö soll zum letzten grossen Triumph werden. Doch der Abschied wird zum Fiasko. Edberg verliert zum Auftakt nicht nur gegen Cédric Pioline, bei der Drei-Satz-Niederlage verletzt er sich auch noch.

Edberg verletzt sich am rechten Fuss. Video: YouTube/STE...fans - tribute to Stefan Edberg

«Ich habe einen falschen Schritt gemacht. Vielleicht war das mein letztes Spiel», mutmasst Edberg am Freitag nach dem Spiel. «Es ist nichts Gravierendes, aber es ist geschwollen.» Und zwar so sehr, dass er tatsächlich kein zweites Einzel bestreiten kann.

Schon das vierte Spiel ist ein Thriller

Die Franzosen gehen mit einer 2:1-Führung in den Sonntag, weil Guy Forget und Guillaume Raoux überraschend das Doppel gegen Jonas Björkman und Nicklas Kulti gewonnen haben.

Pioline kann den Sack nun zumachen. Doch Thomas Enqvist, die Nummer 9 der Welt, gleicht nach viereinhalb Stunden und fünf umkämpften Sätzen auf 2:2 Siege aus. «Das war wahrscheinlich das längste Match meiner Karriere, sicher eines der wichtigsten und emotionalsten», strahlt Enqvist, der die ersten beiden Sätze verloren hat.

Wütend zertrümmert sein Gegner Cédric Pioline nach dem 6:3, 7:6, 4:6, 4:6 und 7:9 seinen Schläger. Nun kann er nur noch zuschauen und mit Arnaud Boetsch mitfiebern.

Schweden trennt drei Mal nur ein Punkt vom Triumph

Aus Sicht der Einheimischen liegt es an Edbergs Ersatzmann, dass die Schweden vor 5600 Fans feiern können. Nicklas Kulti war immerhin einmal die Weltnummer 32, er konnte drei ATP-Turniere für sich entscheiden. Das Duell mit Boetsch – ebenfalls drei Turniersiege, höchste Platzierung Rang 12 – scheint also eines auf Augenhöhe zu sein.

Das entscheidende Einzel zwischen Nicklas Kulti und Arnaud Boetsch. Video: YouTube/Davis Cup by BNP Paribas

Boetsch gewinnt den Startsatz im Tiebreak, doch dann läuft's Kulti besser. Er gewinnt die Durchgänge zwei und drei, und im vierten Satz hat er drei Matchbälle. Nur jeweils ein Punkt trennt Schweden vom Triumph, trennt den grossen Stefan Edberg von seinem fünften Davis-Cup-Titel.

Aber Arnaud Boetsch wehrt alle drei Matchbälle ab. Er gewinnt den vierten Satz im Tiebreak und erzwingt einen fünften. Der Krimi geht weiter. Fast fünf Stunden dauert es, bis um 22.59 Uhr der Sieger feststeht – Frankreich. Boetsch schlägt den am Ende entkräfteten Kulti 7:6, 2:6, 4:6, 7:6 und 10:8.

Der tragische Held gewinnt später doch noch

«Das ist unglaublich! Das war mein grosser Traum», jubelt Boetsch. Fünf Jahre zuvor war er beim bislang letzten französischen Sieg im Davis Cup schon dabei, aber nur als Ersatzmann. «Dieses Mal habe ich selber gespielt und nur schon das war mir eine Ehre. Aber dann auch noch so zu gewinnen, mit drei abgewehrten Matchbällen … das ist magisch!»

Die Sieger: Arnaud Boetsch, Guillaume Raoux, Captain Yannick Noah, Guy Forget und Cédric Pioline. Bild: AP

So wenig hat den Schweden gefehlt, so wenig für den perfekten Karriere-Abschluss von Stefan Edberg. Er wird im Anschluss an die Pokalübergabe geehrt und findet lobende Worte für das, was er miterlebt hat. «Das war ein wunderbarer Tag fürs Tennis. Ich fühle mich privilegiert, dass ich dabei sein durfte, denn das war eine der aufregendsten Davis-Cup-Begegnungen, die ich erlebt habe.»

Der spätere Trainer von Roger Federer, der danach tatsächlich kein Match mehr bestreitet, freut sich in den Jahren darauf bestimmt mit seinen Landsmännern: 1997 (5:0 gegen die USA) und 1998 (4:1 gegen Italien) gewinnt Schweden den Davis Cup zwei Mal in Folge. Neben Jonas Björkman, Magnus Larsson und Magnus Norman ist beide Male auch Nicklas Kulti dabei, der tragische Verlierer des Finals von 1996.

Kulti (hinten) mit Doppelpartner Björkman beim Triumph 1997. bild: ap

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.
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Die grössten Schweizer Erfolge

French Open 1981: Heinz Günthardt gewinnt im Doppel seinen ersten von zwei Grand-Slam-Titeln. Als Einzelspieler kommt er nicht über 22 der Weltrangliste hinaus, holt aber insgesamt fünf Turniersiege. AP / SCHABER
Barcelona 1992: An den olympischen Spielen gewinnt Marc Rosset überraschend die Goldmedaille im Männer-Einzel. Der Genfer besiegt im Final den Spanier Jordi Arrese in fünf Sätzen und rettet damit die Ehre der Schweizer Olympia-Delegation, die ansonsten ohne Medaille bleibt. KEYSTONE / STR
Fort Worth 1992: Die Schweiz zieht erstmals in der Geschichte in den Davis-Cup-Final ein. Jakob Hlasek und Marc Rosset fordern auch im Endspiel den haushohen Favoriten, verlieren aber das vorentscheidende Doppel in fünf Sätzen. Das hochdotierte amerikanische Team mit Andre Agassi, Jim Courier, Pete Sampras und John McEnroe gewinnt die Partie mit 3:1. KEYSTONE / PATRICK AVIOLAT
Australian Open 1997: Als erst 16-Jährige gewinnt Martina Hingis in Melbourne ihren ersten von insgesamt fünf Grand-Slam-Titeln. Die Ostschweizerin mit slowakischen Wurzeln besiegt im Final die Französin Mary Pierce 6:2, 6:2. Gut zwei Monate später erklimmt Hingis als erste Schweizerin die Spitze der Weltrangliste, womit sie zur jüngsten Nummer 1 aller Zeiten avanciert. AP / STEVE HOLLAND
Wimbledon 2003: Mit knapp 22 Jahren feiert Roger Federer in Wimbledon seinen ersten Triumph an einem Grand-Slam-Turnier. In seinem ersten Major-Final besiegt er den Australier Mark Philippoussis 7:6, 6:2, 7:6. Es ist der erste helvetische Grand-Slam-Sieg der Geschichte im Männer-Einzel. EPA / GERRY PENNY
Peking 2008: Roger Federer und Stanislas Wawrinka gewinnen an den olympischen Sommerspielen überraschend die Goldmedaille in der Doppelkonkurrenz. Im Final bezwingen sie das schwedische Doppel Simon Aspelin/Thomas Johansson in vier Sätzen, nachdem sie im Halbfinal die Top-Favoriten Bob und Mike Bryan eliminiert hatten. KEYSTONE / PETER KLAUNZER
Paris 2009: Mit einem Dreisatzsieg im Final gegen den Schweden Robin Söderling gewinnt Roger Federer erstmals das French Open in Paris, nachdem er zuvor dreimal im Final an Rafael Nadal gescheitert ist. Mit seinem 14. Major-Titel schafft Federer den Karriere-Grand-Slam und zieht mit Pete Sampras gleich, der ebenfalls 14 Major-Titel feierte. EPA / HORACIO VILLALOBOS
Melbourne 2014: Mit Stanislas Wawrinka gewinnt erst der dritte Schweizer den Titel an einem der vier wichtigsten Turniere. Der 28-jährige Romand siegt im Final gegen den angeschlagenen Rafael Nadal 6:3, 6:2, 3:6, 6:2. Dank Roger Federer stehen erstmals zwei Schweizer am gleichen Grand-Slam-Turnier im Halbfinal. Getty Images AsiaPac / Clive Brunskill
Lille 2014: Das Schweizer Quartett mit Roger Federer, Stan Wawrinka, Marco Chiudinelli und Michael Lammer gewinnt gegen Frankreich zum ersten Mal in der Schweizer Tennis-Geschichte den Davis-Cup. AP / CHRISTOPHE ENA
Brisbane 2015: Roger Federer gewinnt in Brisbane seinen 1000. Match auf der ATP-Tour und holt nebenbei auch noch seinen 83. Titel. EPA/AAP / DAVE HUNT
French Open 2015: Völlig überraschend gewinnt Stan Wawrinka in Paris seinen zweiten Grand-Slam-Titel. Er schlägt Novak Djokovic in vier Sätzen und lässt somit Grössen wie Andy Roddick oder Thomas Muster, die nur ein Major gewinnen konnten, hinter sich. X00403 / VINCENT KESSLER
US Open 2016: Stan Wawrinka gewinnt auch seinen 3. Major-Final – er bodigt Novak Djokovic im Final in Flushing Meadows 6:7, 6:4, 7:5 und 6:3. X02835 / Susan Mullane
Australian Open 2017: Roger Federer gibt nach 6-monatiger Verletzungspause am Australian Open sein Comeback und holt sich dank eines dramatischen 5-Satz-Sieges gegen Rafael Nadal sensationell seinen 18. Grand-Slam-Titel. EPA/AAP / LUKAS COCH
Australian-Open 2018: Federer verteidigt seinen Titel in Melbourne und verbessert damit die Bestmarke an gewonnenen Grand-Slam-Titel auf 20. EPA/TENNIS AUSTRALIA / FIONA HAMILTON/TENNIS AUSTRALIA
Stuttgart 2018: Im Frühling 2018 stürmt Roger Federer nach fünfeinhalb Jahren wieder an die Spitze der Weltrangliste und schraubt seinen Nummer-1-Rekord auf 310 Wochen. DPA / Marijan Murat
Dubai 2019: Roger Federer gewinnt im Emirat seinen 100. ATP-Titel. Momentan liegt er bei 103 Turniersiegen, zur Bestmarke von Jimmy Connors fehlen noch sechs Titel. EPA/EPA / ALI HAIDER

Der Ex-Tennisstar sucht acht seiner Pokale

Video: srf

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