Vom Rebell zum Staatsmann: Joschka Fischer.
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5 Thesen, wie Europa China und den USA die Stirn bieten kann
Die USA und China sind die beiden Supermächte des 21. Jahrhunderts. Gerät Europa zwischen Hammer und Amboss? Oder kann es unter der Führung von Frankreich und Deutschland sein Schicksal in die eigenen Hände nehmen? Antworten gibt der ehemalige deutsche Aussenminister Joschka Fischer.
Die Briten zerfleischen sich ob des Brexits. Die Italiener entdecken Mussolini neu. Die Osteuropäer wollen keine Flüchtlinge aufnehmen. Die Wahlen für das europäische Parlament stehen ganz im Zeichen der Nationalisten.
Wird es ihnen gelingen, am 26. Mai die EU aus den Angeln zu heben? In seinem Buch «Der Abstieg des Westens» zeigt Joschka Fischer, 68er-Rebell und ehemaliger deutscher Aussenminister, die aktuellen Brennpunkte der europäischen Politik auf. Hier eine Zusammenfassung in fünf Thesen.
1. Der Nationalstaat ist keine Option mehr
Die Globalisierung und die Digitalisierung der Wirtschaft und der Aufstieg Chinas zur Supermacht haben in kurzer Zeit die Welt verändert. Der Boden, auf dem der Westen stand, ist schwankend geworden. Europa muss sich unter veränderten Umständen neu erfinden. Fischer formuliert es wie folgt:
«Das Zentrum dieser neuen Weltordnung wird diesmal in Asien und im Pazifik liegen, nicht mehr in Europa oder im transatlantischen Raum. Daher heisst die tatsächliche Alternative für die Europäer nicht: EU oder Nationalstaat. Sondern: endgültiger Abschied der Europäer von der Weltbühne und dauerhafte Fremdbestimmung in einer mehr als ungewissen Zukunft oder Mut zu einer neuen Ordnung für den alten Kontinent.»
Spätestens seit Donald Trump die liberale Ordnung des Westens systematisch zertrümmert, ist klar geworden, dass Europa sich neu erfinden muss und nicht mehr unter dem Schutz der USA weiterwursteln kann.
Eine Rückkehr zu einer Ordnung souveräner Nationalstaaten wie im 19. Jahrhundert ist eine Illusion. «Der Neonationalismus in Europa erweist sich als ein Nationalismus alter Menschen, die, ausser ihrer Ruhe, sonst nichts mehr wollen», stellt Fischer fest.
2. Europa wird abgehängt
Europa ist, was die analoge Wirtschaft betrifft, nach wie vor Weltspitze. Auf die digitale Disruption hingegen ist es schlecht vorbereitet. Nicht nur Silicon Valley hat Europa diesbezüglich abgehängt. «China hat den Ehrgeiz, die digitale Führungsnation des 21. Jahrhunderts zu werden, und ist auf dem besten Weg, diesen Anspruch zu realisieren», so Fischer.
Lange das Symbol deutscher Ingenieurskunst: der VW Käfer.
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Auch bezüglich nachhaltigem Wirtschaften sind die Chinesen auf dem Vormarsch. Nur so kann verhindert werden, dass die rund 1,3 Milliarden Menschen buchstäblich im eigenen Dreck ersticken. «In dieser Entwicklung findet sich der eigentliche Grund und zugleich Zwang für den Strategiewechsel Chinas hin zu einer grünen Ökonomie», so Fischer, «und auch in dieser Frage wird es die USA in der globalen Führung ablösen.»
3. Und was ist mit Russland?
Die Sowjetunion ist zwar Geschichte, Russland träumt jedoch nach wie vor den Traum, eine Grossmacht zu sein. Es dürfte ein Traum bleiben: «Russland ist als Ergebnis von Putins Politik einfach wirtschaftlich und technologisch zu schwach, um eine Alternative zu der chinesischen Machtprojektion in seiner traditionellen Einflusszone in Zentralasien zu sein», so Fischer.
Russland hat daher ein grosses Interesse daran, die EU zu schwächen oder gar zu Fall zu bringen. Deutschland wäre dann wieder ein «Weltkind der Mitte» in Europa. Allerdings ohne Verankerung im Westen und ohne ausreichenden Schutz, denn die Geschichte macht es unmöglich, dass Deutschland wieder zu einer Militärmacht wird.
Russische Matrosen auf einem U-Boot.
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Russland sieht daher im Zerfall der EU die Chance, zur dominierenden Macht in Europa zu werden. Ein Bündnis mit Deutschland würde nicht nur die Wirtschaft stärken. Auch geopolitisch wäre Russland damit wieder im Spiel. «Wer die Mitte des Kontinents beherrscht, beherrscht diesen selbst», so Fischer.
4. Ein Europa der zwei Geschwindigkeiten
Ohne grundlegenden Kurswechsel besteht die Gefahr, dass Europa entweder von den USA und China zerrieben oder in eine ungeliebte Partnerschaft mit Russland gedrängt wird. «Passives Abwarten und Vertrauen auf den Status quo kann angesichts dieser Risiken keine ernsthafte Option sein», so Fischer.
Gleichzeitig ist es naiv, darauf zu hoffen, dass die EU sich rasch in einen Superstaat verwandelt und so ihre wirtschaftliche Macht ausspielen kann. Zu gross sind die Differenzen zwischen Ost und West und den Mittelmeerstaaten. «Folglich bleibt nur eine Avantgardelösung, eine EU der zwei Geschwindigkeiten auf intergouvernementaler Grundlage», stellt Fischer fest.
Mehr als ein Küsschen: Angela Merkel und Emmanuel Macron.
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Deutschland ist zwar die wirtschaftliche Lokomotive Europas. Eine deutsche Leaderrolle in der Politik ist jedoch nach wie vor undenkbar. Um ein Europa der zwei Geschwindigkeiten zu realisieren, «wird Deutschland sich daher ein gehöriges Stück auf Frankreich zubewegen müssen», fordert Fischer. «Denn nur wenn die beiden Grossen in der EU sich noch enger verbinden, wird Europa dazu in der Lage sein, strategisch zu denken und zu handeln.»
5. Europa als Bastion von Demokratie und Rechtsstaat
China ist nicht nur auf dem Weg zu einer wirtschaftlichen Supermacht. Es wird auch ein politisches Vorbild. «Gegenüber dem chinesischen digitalen Leninismus wirken autoritäre Herrscher vom Schlage eines Wladimir Putin oder Recep Tayyip Erdogan vorgestrig», so Fischer, «denn das chinesische Modell kann nicht nur die autoritäre Herrschaft eines ‹starken Mannes›, sondern eine eigene Erfolgsgeschichte in Sachen Modernisierung liefern, ein System.»
Angesichts der offensichtlichen Dekadenz des Westens ist der Wettkampf gegen das chinesische Modell alles andere als gewonnen. «Das westliche Demokratiemodell wird es im 21. Jahrhundert schwer haben, gegen dieses chinesische Erfolgsmodell zu konkurrieren», so Fischer. Gleichwohl wird «die Schaffung einer europäischen Demokratie für die Europäische Union der Zukunft unverzichtbar sein, denn ohne diese wird die EU als europäisches Integrationsprojekt keine dauerhafte und belastbare demokratische Legitimation erlangen können.»
Mit seiner verordneten Reform gescheitert: Michail Gorbatschow.
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Grundlegende Veränderungen können nicht von oben verordnet werden. Das hat Michail Gorbatschow bei seinem Versuch, die UdSSR zu reformieren, schmerzlich erleben müssen. Es braucht eine Basisbewegung, wenn das Unterfangen erfolgreich sein will. Daher schliesst Fischer sein Buch mit dem Appell:
«Ohne eine solche Bewegung von unten, von den Bürgern und vor allem der jungen Generation, sehe ich nicht, wie allein aus dem Geist des Pragmatismus die Kraft entstehen soll, Europa im 21. Jahrhundert den Sprung aus der nationalen Souveränität in eine gemeinsame europäische Souveränität und Demokratie zu ermöglichen. Denn das ist es, worum es tatsächlich für Europa geht.»
China: 9 Grossprojekte der neuen Seidenstrasse
China finanziert im Rahmen der Initiative «Neue Seidenstrasse» (Belt and Road) Grossprojekte im Transportbereich in Asien, Europa, Afrika und bald wohl auch Lateinamerika. Eine offizielle Liste aller Projekte gibt es nicht, es sind aber vor allem Häfen, Bahn- und Strassenverbindungen sowie Pipelines, die von China Geld bekommen – und dann von chinesischen Firmen gebaut werden.
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Bisher hat China im Rahmen des Seidenstrassenprojekts 171 Kooperationsvereinbarungen mit über 150 Staaten unterzeichnet. 82 Sonderwirtschaftszonen sind ausserhalb Chinas entstanden, in die über 30 Milliarden Franken investiert wurden. Elf chinesische Banken haben inzwischen Filialen in Ländern der Seidenstrasse eröffnet. Nebenbei wurden auch Kulturabkommen mit mehr als 60 Staaten unterzeichnet und 17 Kulturzentren eröffnet.
mdpi
Das Herzstück der neuen Seidenstrasse ist die Bahnstrecke London – Yiwu. Die 12'000 Kilometer lange Strecke führt über Warschau – Moskau – Yekaterinburg – Astana – Almaty – Khorgos – Xian zum Handelszentrum Yiwu, 300 km südlich von Shanghai. 18 Tage lang dauert die Reise. Es ist die zweitlängste Eisenbahn-Handelsroute (hinter Madrid – Yiwu). shutterstock
Zum Vergleich: Ein Frachtschiff von Ostasien nach Nordeuropa ist 30 – 45 Tage auf See, zwei bis drei Mal so lange.
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Bindeglied ist die 2014 aus dem Boden gestampfte Stadt Khorgos an der Grenze zwischen China und Kasachstan. Weil die chinesischen Schienen schmaler sind als die russischen (aus der Zeit, als Kasachstan noch eine Sowjetrepublik war), müssen die Züge hier die Spur wechseln. Khorgos dürfte sich mit einem Warenumschlag von jährlich 30 Millionen Tonnen in Zukunft zum grössten Trockenhafen der Welt entwickeln.
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Eine direkte Verbindung zwischen dem Hafen Gwadar und der chinesischen Stadt Kashgar soll die Transportdistanz für Öl aus dem Nahen Osten von 12'000 Kilometer auf unter 2'400 Kilometer verringern. Die Kosten für den Aufbau des Korridors sollen sich auf 45 Milliarden Franken belaufen, das ist rund ein Fünftel des pakistanischen Bruttoinlandproduktes und etwa das Zehnfache der US-amerikanischen Investitionen in dem Land. X80002 / STRINGER
Das Vorzeigeprojekt soll 2030 fertiggestellt werden. Für das von Ölimporten abhängige China geht es darum, für das Öl eine Alternative zum Transport am Seeweg durch die strategisch heikle Strasse von Malakka aufzubauen. AP/AP / Aqeel Ahmed
Eine neue Pipeline führt vom Kaspischen Meer in Kasachstan nach China, seit Ende 2014 ist eine neue Pipeline zwischen Turkmenistan und China im Bau (1'800 Kilometer), die jährlich rund 40 Milliarden Kubikmeter Gas nach China transportieren soll. In Korgas in Kasachstan entsteht mit chinesischem Geld eine Anlage, um das effiziente Umfrachten von chinesischen auf kasachische Züge zu ermöglichen.
Mit chinesischem Geld sollen chinesische Staatsfirmen eine Bahnverbindung für 20 Milliarden Franken und zwei Pipelines im Wert von 2,3 Milliarden Franken bauen. 2018 stoppte Malaysia die Vorhaben und warf China neuen Kolonialismus vor. Mitte April kündigte Malaysia aber an, doch mit chinesischem Geld eine abgespeckte Bahnverbindung um immer noch zehn Milliarden Franken zu bauen. Im Gegenzug soll mehr Palmöl nach China geliefert werden.
AP/AP / Ng Han Guan
Der Transportkonzern Cosco aus China hat schon 2008 51 Prozent des Containerhafens von Piräus für 40 Jahre gepachtet und 2016 einen Mehrheitsanteil an der griechischen Betreibergesellschaft PPA erworben. Hier soll der grösste Containerhafen des Mittelmeeres entstehen. Investiert wurden 1,4 Milliarden Franken. shutterstock
Neubau der Eisenbahn zwischen Belgrad und Budapest mit einem Auftragswert von 4,2 Milliarden Euro. Dies soll die Reisezeit zwischen Belgrad und Budapest von 8 auf 3,5 Stunden verkürzen. Das Projekt soll 2023 fertiggestellt sein und ist die erste Phase in der geplanten Verbindung Budapest – Belgrad – Skopje – Athen, die den Hafen von Piräus besser an Zentraleuropa anbinden soll.
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Iran ist für China die Pforte in den Nahen Osten. Im Jahr 2016 kam der erste Zug aus China in Teheran an (im Bild) – nach 14-tägiger Reise. Peking hofft, dass die Eisenbahn und die Zusammenarbeit mit Teheran China den Zugang zum ölreichen Nahen Osten ermöglicht. Je nach Bericht investiert China in Zukunft zwischen 10 und 30 Milliarden Franken in den Ausbau der Infrastruktur im Iran. EPA/EPA / STRINGER
In Sambia, Äthiopien, Gabun, Kamerun und Ghana sind mit chinesischer Hilfe Staudämme entstanden. In Kenia, Nigeria, Äthiopien, Tansania, Angola und Marokko haben die Chinesen wichtige Bahnlinien und tausende Kilometer Strassen gebaut, Spitäler und Regierungsgebäude errichtet. AP/AP / Khalil Senosi
In Angola entsteht eine neue Stadt, die fast neun Quadratkilometer grosse Nova Cidade de Kilamba – Kostenpunkt: Etwa 3,5 Milliarden Franken. Die angolanische Regierung bezahlt den chinesischen Kredit mit Öl.
In Südafrika will die Shanghai Zendai Group mit rund acht Milliarden US-Dollar in der Nähe der Wirtschaftsmetropole Johannesburg ein «New York von Afrika» bauen. Seit 2017 unterhält China bereits seinen ersten Marinestützpunkt im Ausland in Dschibuti am Horn von Afrika. AP/AP / Elias Messeret
China hat in den vergangenen Jahrzehnten Südamerika schon mehrere Milliarden Franken geliehen. Venezuela erhielt 62,5 Milliarden Euro, Brasilien 48 Milliarden, Argentinien 20 Milliarden und Ecuador 17 Milliarden Franken. Der mexikanische Präsident Andrés Manuel López Obrador erklärte kürzlich, sein Land erwäge auch, sich der Neuen Seidenstrasse anzuschliessen. Damit würde das Projekt bis an die Grenze der USA heranreichen. In der Karibik stimmte im vergangenen Mai Trinidad und Tobago einer Beteiligung zu. Im September wurde der Vertrag für den Bau eines Trockendocks an ein chinesisches Staatsunternehmen vergeben. AP/AP / Arnulfo Franco
Operation Libero und I love Schengen
Video: watson / Helene Obrist
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