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Bild: KEYSTONE/TI-PRESS
Edvin Uncorked

Das sind die Original-Gangsters der Weinwelt

31.07.2020, 10:5931.07.2020, 12:58
Madelyne Meyer
Madelyne Meyer
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Liebe Weinfreunde und Weinfreundinnen

Der Sommer 2020 wird für immer als «Sommer in der Schweiz»-Sommer in Erinnerung gehen. Die Hoffnung, dass wir auch in den kommenden Jahren hier Ferien und Tagesausflüge machen, bleibt natürlich bestehen. Ich bin mir sicher, ihr habe mittlerweile auch schon Freunde angetroffen, die von Schweizer Ferienorten schwärmen, welche sie sonst niemals besucht hätten. Lieber saufen am Ballermann.

Ich saufe lieber in Graubünden.

Da gehe ich nämlich demnächst hin. Und dies aus zwei Gründen. Erstens weil ich in Capuns baden will und zweitens weil eine meiner Lieblingstraubensorten, der Completer, da Zuhause ist. Ich mag diesen Wein so, weil er üppig ist, aber dich trotzdem mit einer guten Säure aufweckt. Solche autochthone Traubensorten faszinieren mich ohnehin enorm, was mich dazu bringt, einen Artikel über sie zu schreiben.

Laut meinem Schweizer-Traubensorten-Guru José Vouillamoz kultivieren wir in der Schweiz 252 verschiedene Rebsorten. 31,6 Prozent der Sorten sind einheimisch (autochthon). Ein Weltrekord schlechthin.

Autochthone Traubensorten

Fühl di wie Dihei
Autochthone Traubensorten wachsen da, wo sie ihren Ursprung haben. Sie befinden sich also in ihrem aktuellen Verbreitungsgebiet, weil sie da «geboren» wurden. Diese Traubensorten entstehen meistens durch natürliche Kreuzung oder Hybride und sind meistens über 200 Jahre alt. Da sie schon eine halbe Ewigkeit an diesen Standorten gedeihen, liefern sie meistens nur unter diesen spezifischen Bedingungen ihre beste Qualität. Pflanzt man sie plötzlich irgendwo anders an...«gheien sie überen».

Beispiele für autochthone Traubensorten:

  • Torrontes aus Argentinien
  • Grüner Veltliner und Blaufränkisch aus Österreich
  • Lagrein aus dem Südtirol, Italien)
  • Monastrell und Xarel.lo aus Spanien
  • Touriga Nacional aus Portugal
  • Aligoté aus dem Burgund, Frankreich
  • Arneis aus Roero, Piemont in Italien
  • Nerello Mascalese aus Sizilien, Italien

Die Liste ist nicht vollständig. Für alle, die jetzt «ABER ES GIT NA VIIIIEL MEEEEHHHH!!!!» in die Kommentare reinschiessen wollten.

Und jetzt zu den Schweizer autochthonen Traubensorten. Das erste Mal, als ich die Namen vieler dieser Traubensorten las, glaubte ich, im falschen Film zu sein.

Als hätte die Schweiz eigentlich fünf Landessprachen.

Zieht euch mal diese autochthonen Traubensortennamen rein:

  • Chardoris: weisse Traube
  • Millot-Foch: rote Traubensorte
  • Cabernello: rote Traubensorte
  • Lafnetscha: weisse Traubensorte
  • Doral: weisse Traubensorte
  • Eyholzer Roter: rote Traubensorte
  • Himbertscha: weisse Traubensorte
  • Magliasina: rote Traubensorte
  • Charmont: weisse Traubensorte

Die obengenannten Traubensorten sind heute kaum mehr auffindbar. Ein paar crazy Produzenten kultivieren sie noch, aber die Erträge sind so klein, dass es rein wirtschaftlich leider keinen Sinn mehr macht (Aufwand versus Ertrag). Zudem ging die Nachfrage wegen der Beliebtheit von internationalen Traubensorten (Chardonnay, Sauvignon Blanc, Pinot Gris etc.) zurück. Zum Glück sind jene Produzenten so leidenschaftlich, dass sie dieses Kulturerbe weiterhin pflegen. In der autochthonen fünften Landessprache also: Dankscha vielmatscha!

Die gängigen autochthonen Traubensorten könnten euch bekannter vorkommen. Hier eine nicht abschliessende Auswahl:

  • Amigne (Walllis), weisse Sorte, der Samichlaussack: Ein etwas vollerer Weisswein, der oft auch ein wenig lieblich (süsslich) daherkommen kann (aber den es auch komplett trocken gibt). Er erinnert mich an einen Samichlausbeutel, weil ich oft Aromen von Mandarinli und Orange rieche.
  • Chasselas (Genf und Waadt) oder Fendant (Wallis), weisse Sorte, der Terroir-Streber: Elegante, spritzige, nicht aufdringliche, säureärmere Weine, die je nach Ortschaft sich tatsächlich differenzieren. Eben, Terroir-Streber.
  • Petite Arvine (Wallis), weisse Sorte, der Salzige: Ein schmeichelnder, vielschichtiger und weicher Wein mit einem eher salzigen Abgang. Oft hört man das Aroma Rhabarber im Zusammenhang mit Petit Arvine...leider hatte ich dieses Vergnügen noch nie.
  • Completer (v.a. Graubünden), weisse Sorte, der Kellerhocker: Unter allen Weinen der Schweiz hat der Completer das grösste Lagerpotenzial, weil er eine ausgeprägte Säure besitzt und eine dichte, komplexe Struktur hat. Der kann also easypeasy 15 Jahre abhocken und immer noch Honig- und Quittenaromen aufweisen.
  • Cornalin (Wallis), rote Sorte, der Rustikale: Dieser Rotwein erinnert mich immer an einen Malbec, aber irgendwie sanfter. Er ist zwar nicht so tanninreich wie ein Malbec, jedoch genau gleich wild und saftig. Ich mag Cornalin schampar.
  • Heida (Walllis), weisse Sorte, das Tropenhaus: Heida ist ein eher runder, weicher und voller Wein. Wo er sich gar nicht mehr spürt, ist, was seine Aromatik anbelangt. Wenn du gut zuhörst, riechst du vor allem tropische Früchte wie Ananas und Mango. Dazu gesellen sich Marzipan, Pfeffer, ein Schuss Mineralität und die Geschmacksexplosion kann losgehen.
  • Humagne Blanc (Wallis), weisse Sorte, der Macho: Ein sehr eleganter Wein mit subtilen floralen Aromen, der aber hyperempfindlich ist und wahnsinnig viel Pflege benötigt.
  • Räuschling (v.a Kanton Zürich), weisse Sorte, der Durstlöscher: Dank der Zitrusaromen und erhöhter Säure kann der Räuschling praktisch Durst löschen. Erinnert an eine zuckerfreie Limonade, die man aber auch im Keller vergessen kann und trotzdem noch mega ist.
Wieso Du Weine aus autochthonen Traubensorten ausprobieren solltest?

Autochthone Traubensorten haben sich so dermassen an ein Terroir gewöhnt, dass sie die besten Beispiele für Weine sind, die eine Region perfekt widerspiegeln. Sie sind praktisch unverwechselbar. One of a kind. The real OGs.*

So, ich habe fertig. Flasche leer.

Cheers, eure Edvin

*OG Original Gangsters

Bild

Madelyne Meyer

Die Weinwelt kann extrem elitär und exklusiv sein. Darauf hat Madelyne Meyer aber gar keine Lust. Mit ihrem unkonventionellen Weinblog Edvin hat sich die Aargauer Weinexpertin in der Schweiz einen Namen gemacht. «Meine Leser mögen wohl meine selbstironische Art. Ich nehme mich und die Weinwelt nicht todernst, zolle dem Wein aber immer genügend Respekt».

Madelyne arbeitet in ihrem Familienbetrieb für Marketing & Kommunikation und schreibt noch für den Gault Millau Channel. Das ganze rundete sie im September 2019 mit ihrem ersten Buch «Endlich Wein verstehen» ab.
Für watson schreibt Madelyne ab sofort alle zwei Wochen exklusiv in ihrem Blog.

Weitere Infos über Madelyne und Wein findest du hier:
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