55 Franken für eine Packung Pflaster – die Schweizer Medizin hat ein Kulturproblem
440 Franken nach zehnminütiger Konsultation: Die Rechnung des Augenzentrums, das ich mit meinem Sohn besuche, fällt just in die Zeit, in der wir die Krankassenprämien fürs neue Jahr bezahlen – rund 1000 Franken mehr als fürs letzte Jahr. Vielleicht deshalb schaue ich mir die einzelnen Posten genauer an. Lauter Nummern und Bezeichnungen, die für Laien schwer einzuordnen sind. Bis auf den letzten Punkt: 110 Franken für zwei Packungen Augenpflaster.
55 Franken pro Packung Pflaster – das erscheint mir hoch. Ich google und finde dieselben Pflaster in einer Online-Apotheke tatsächlich für knapp 28 Franken die Packung, also die Hälfte. Da auch die Online-Apotheke eine Marge hat, dürfte der Einkaufspreis noch einmal deutlich darunter liegen. Der Gewinn des Augenzentrums mit den zwei Packungen beträgt also mindestens 60 Franken – mehr, als die meisten in einer Stunde verdienen.
Direkt merken wir als Patientinnen und Patienten oder Erziehungsberechtigte von solchen Mondpreisen jedoch oft nichts. Die Rechnung wird von der Krankenkasse bezahlt. Wir zahlen die Prämien. Wenn Geld fliesst, sind Leistungserbringer und -bezüger entkoppelt. Das schafft Anreize, den Spielraum bei den Kosten maximal auszuschöpfen.
«Egal wie viel gemacht und kassiert wird, die Rechnung wird immer bezahlt», so hat SP-Nationalrat Ueli Schmezer die Situation kürzlich in einem Interview mit dem Beobachter beschrieben. Der Ex-Kassensturz-Moderator hat ein Postulat eingereicht, das den Bundesrat auffordert zu prüfen, wie Prämienzahler in die Tarifverhandlungen einbezogen werden könnten.
Ob das praktikabel ist oder nicht: Schmezer legt den Finger auf einen wunden Punkt. Im Schweizer Gesundheitssystem fühlt sich für die Kosten einer einzelnen Behandlung am Ende niemand verantwortlich. Zwar vergleichen die Krankenkassen die Behandlungskosten und können Abrechnungen bei Verdacht beanstanden. Der Aufwand ist aber gross und die Beweisführung schwierig. Bei der Ärzteschaft sind die Kontrollen unbeliebt: Arnaud Perrier, Präsident der Schweizerischen Akademie der medizinischen Wissenschaften, beklagte in einem Interview mit CH Media diese Woche, dass Ärztinnen und Ärzte pauschal verdächtigt würden. Das fresse die Motivation.
Patientinnen und Patienten, die sich gegen fragwürdige Praktiken zur Wehr setzen wollen, müssen mit einigem Aufwand rechnen. Und sie haben nichts zu gewinnen. Mein Partner kann davon ein Lied singen. Er nimmt seit einer Schilddrüsenoperation in Jugendjahren ein Hormonpräparat ein. Einmal jährlich lässt er seine Blutwerte überprüfen, um sicherzustellen, dass sie im Normbereich liegen. Das war in den letzten 27 Jahren unverändert der Fall.
Sein langjähriger Hausarzt hat ihm deshalb nach Sichtung der Blutwerte jeweils ohne zusätzliche Konsultation ein Jahresrezept ausgestellt. Anders dessen Nachfolger. Zwar hielt auch er eine jährliche Blutuntersuchung für ausreichend, stellte jeweils aber nur ein Rezept für ein halbes Jahr aus, das nach einem halben Jahr erneuert werden musste. Kosten für seine schnelle Unterschrift: rund 30 Franken.
Nach zwei Jahren hatte mein Partner genug und wechselte den Hausarzt. Die Überraschung folgte, als dort die erste Blutuntersuchung anstand. Unabhängig von den Ergebnissen bestand das Ärztezentrum auf eine viertelstündige Konsultation. Auf die Frage, welchen Sinn das mache, wenn es weder Beschwerden noch auffällige Werte vorlägen, hiess es: «Das ist bei uns einfach so.»
Natürlich gibt es im Schweizer Gesundheitssystem andere, grössere Kostentreiber. Was diese Beispiele aber zeigen, ist ein Kulturproblem. Der mangelnde Wettbewerb, die faktische Bezahlgarantie und die verteilten Zuständigkeiten fördern eine Selbstbedienungsmentalität. Die zunehmende Präsenz von profitgetriebenen Praxisgruppen verstärkt diesen Effekt. Ärztinnen und Ärzte fragen sich: Die anderen optimieren auch, warum soll ich mich also selbst betrügen?
Die steigenden Gesundheitskosten spiegeln, so gesehen, ein erodierendes Berufsethos. Zu einer Reform gehört deshalb nicht nur, dass Fehlanreize beseitigt und Kontrollen gestärkt werden, es braucht auch einen Wertediskurs in der Ärzteschaft und der medizinischen Ausbildung.
Mein Hausarzt, der mit 70 Jahren noch tätig ist, hat immer zurückhaltend abgerechnet. So auch unser Kinderarzt. Eine fünfminütige telefonische Konsultation, die uns die Fahrt in die Praxis oder schlimmer die Notaufnahme erspart – geschenkt. Er lässt sich nicht mal dazu überreden, dafür eine Rechnung zu stellen. Unübersehbar sind bei beiden die Gewissenhaftigkeit und die Freude, mit der sie ihrem Beruf nachgehen. (aargauerzeitung.ch)
