Beim Drama in Crans-Montana sind tröstende Pfarrer oft fehl am Platz
Nach öffentlichkeitswirksamen Tragödien wie dem Brand in Crans-Montana finden jeweils Trauerfeiern – was für ein unpassender Begriff! – in Kirchen statt. Die Hinterbliebenen und Betroffenen sollen im gemeinsamen Ritual Trost erfahren. Dabei spielen sich oft erschütternde Szenen ab.
Für Gläubige sind solche Zeremonien wichtig, für Skeptiker können sie aber eine Zumutung sein. Wenn der Pfarrer mit religiösen Argumenten versucht, Trost zu spenden, kann die Trauer in Wut umschlagen.
Angehörige rufen wohl dem Pfarrer in Gedanken zu: «Wo war dein liebender Gott, als meine Tochter verbrannte?» Vermutlich haben auch manche Gläubige solche Anfragen an Gott und beginnen ihn anzuzweifeln.
Lässt sich Trost spenden?
Seien wir ehrlich: Wirklichen Trost kann man bei einer solchen Tragödie kaum spenden. Wenn sich Geistliche bei ihren Ansprachen auf Gott oder religiöse Argumente berufen, begeben sie sich auf dünnes Eis. Denn solche menschlichen Dramen lassen sich nicht religiös erklären, ohne in Teufels Küche zu kommen.
Reto Studer, Pfarrer der reformierten Kirchgemeinde Kelleramt (AG), predigte beim «Wort zum Sonntag» bei SRF über die Brandkatastrophe und sprach das Dilemma an.
In einem späteren Interview antwortete er auf die Frage, ob dieser Horror der Plan Gottes sei und ob Gott uns verlassen habe: «Meine persönliche Antwort ist: Nein, beides kann ich mir nicht vorstellen. Ich könnte nicht an einen Gott glauben, dessen Plan diese Katastrophe war.»
Er glaube auch weiterhin an einen Gott, der das Gute wolle. Dann folgte ein bemerkenswertes Geständnis: «Wäre ich direkt von einem solchen Unglück (…) betroffen, würde ich heute wahrscheinlich daran zweifeln, dass Gott tatsächlich das Gute will.» Das ist ehrlich, doch die beiden Aussagen beissen sich.
Ein solches Bekenntnis würde Peter Schneeberger, Präsident des Dachverbandes Freikirchen.ch, nicht abgeben. Er sagte: «Wir sprechen allen den Trost des Psalmisten zu: ‹Der Herr ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die zerschlagenen Geistes sind›». (Psalm 34,19)
Den Angehörigen helfen, den Todesopfern aber nicht?
Mit Verlaub: Wenn Gott fähig und willens ist, den Hinterbliebenen zu helfen, stellt sich die Frage, warum er nicht die Opfer der Katastrophe gerettet hat. Dann müsste er hinterher nicht Angehörige unterstützen.
Wer solche offensichtlichen Widersprüche in die Welt setzt, ist religiös verblendet und verletzt die Gefühle der Trauernden. Eine ähnliche «Sünde» beging auch Jean-Marie Lovey, Bischof des Bistums Sitten. In einer Botschaft schrieb er: «Wir vertrauen alle Opfer und ihre Angehörigen der Fürsorge der Jungfrau Maria an.»
Das ist ein Schlag ins Gesicht von Trauernden, die nicht an den liebenden Gott und somit auch nicht an die Jungfrau Maria glauben.
Argumente des ehemaligen Kirchenpräsidenten in der «Weltwoche»
Auch Gottfried Locher, ehemaliger Präsident der reformierten Kirche, mühte sich in der «Weltwoche» am Thema ab. Er schreibt zum Inferno im Club: «Gott war vielleicht da, aber sicher anders. Vielleicht als Kraft, als Energie, als Heiliger Geist, wie das Christentum sagt. Kurzum: Dass Gott nicht da war, ist eine hohle Behauptung. Das Gegenteil ist mit klarem Verstand auch denkbar. Und wissen tut’s niemand.»
Was für eine krude «Beweisführung». Hat Gott etwa tatenlos zugeschaut, wie die jungen Frauen und Männer unter unvorstellbaren Ängsten und Schmerzen starben?
Locher bemüht weiter das gängige Argument, Gott habe uns Menschen den freien Willen gegeben. Wörtlich schreibt er: «Wer sich dessen bewusst wird, beginnt zu ahnen, warum Gott nicht eingreift – er schützt unser Menschsein. Er lässt uns unseren Willen auch gegen seinen Willen.»
Das sind religiöse Floskeln, denn die Willensfrage erklärt nicht, wie Gott, der seine «Kinder» angeblich liebt und nach seinem Ebenbild geschaffen hat, stoisch solches Leid und solche Ungerechtigkeiten erduldet. Es trifft schliesslich auch Unschuldige. Aber ja: Gott hat auch zugelassen, dass Schergen seinen Sohn ans Kreuz nageln konnten.
Noch deftiger wird es beim konservativen Theologen Gabriel Häsler, der sich im freikirchlichen Umfeld bewegt. Häsler hat ein Video mit dem Titel «Rest in Peace, das wünschen wir den verstorbenen Menschen in Crans Montana» hochgeladen.
Darin erwähnt er die Tragödie mit keinem Wort. Da ist keine Anteilnahme, keine Empathie. Vielmehr beginnt Häsler sofort, das tragische Ereignisse für seine christliche Botschaft und die Missionierung zu missbrauchen.
Das tönt dann so: Gott liebe uns unendlich, erklärt Häsler. «Es kann gut sein, dass du auf Vieles, das in deinem Leben und in der Welt passiert, keine befriedigende Antwort hast. Aber wenn du auf diesen Jesus schaust, dann weisst du eins ganz genau: Du bist Gott nicht egal. Im Gegenteil, er liebt dich so sehr, dass er seinen Sohn geschickt hat, um dich zu retten.»
Das Böse kam wie ein Insektenschwarm über unsere Welt
Als Gott die Welt geschaffen habe, sei alles noch in Ordnung gewesen, sagte Häsler weiter. Doch wir Menschen hätten uns von ihm abgewendet. Deshalb sei das Böse wie ein Insektenschwarm über unsere Welt gekommen.
Nun würden wir uns beklagen, weshalb Gott zulasse, dass Kinder in Afrika verhungerten. Die Anwort von Häsler: «Und Gott schaut uns ganz entgeistert an und sagt, wow, genau dasselbe wollte ich dich fragen. Warum lässt du zu, dass in Afrika Kinder verhungern?»
Am letzten Tag müssten wir uns vor dem Thron Gottes versammeln, und alle würden nach ihren Taten gerichtet. Wörtlich: «An diesem Tag möchtest du nicht in der Haut eines Hitlers oder eines Stalins stecken. (…) Nicht wir sind es, die Gott anklagen, sondern wir werden auf der Anklagebank sitzen.»
Jesus sei am Kreuz gestorben und habe die Schuld auf sich genommen, um uns zu erlösen. «Deshalb höre auf, Gott den schwarzen Peter zuzuschieben. (…) Kehre um, von deinem falschen Weg. Lade Jesus in dein Leben ein.»
Religiös verblendet
Eine unerträgliche Argumentation im Zusammenhang mit der Tragödie von Crans-Montana. Wie verblendet muss man sein, dass man nicht realisiert, was solche Aussagen mit den Opfern und Angehörigen macht?
Das ist Mission mit der Angst: Wenn du dich nicht bekehrst, bist du verloren und auf ewige Zeit verdammt. Ein gnadenloser, unmenschlicher Glaube. Nach Häsler und vielen anderen Geistlichen tragen wir für alles Schreckliche, das auf der Welt passiert, die Schuld selbst.
Sollen sie dies den hungernden Kindern in Afrika erklären! Und den Jugendlichen, deren Haut zu 80 Prozent verbrannt ist.
So viel Arroganz und Ignoranz machen sprachlos. Tatsächlich sind tröstende Worte der Kirchenvertreter oft fehl am Platz. Sie sollten das Wort den Opfern und ihren Angehörigen überlassen.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.
Du kannst Hugo Stamm auf Facebook folgen und seinen Podcast findest du auf YouTube.
