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Jeder muss für sich selber entscheiden, in welcher Farbe er strahlt.
Jeder muss für sich selber entscheiden, in welcher Farbe er strahlt.
Bild: Kafi Freitag
FRAGFRAUFREITAG

Liebe Kafi. Ich habe eine Mitschülerin, die mich als eine ihrer besten Freundinnen bezeichnet – obwohl ich nichts mit ihr gemeinsam habe. 

26.05.2015, 10:0927.05.2015, 08:51

Im Unterricht will sie alles mit mir machen und am Wochenende dann auch noch mit mir ausgehen. Ich möchte mich von ihr distanzieren, da ich mich eingeengt fühle. Ich habe schon versucht, mit ihr darüber zu sprechen, das hat aber längerfristig nichts genutzt. Und weil sie mir gesagt hat, dass sie Depressionen hat, habe ich Angst, sie zu verletzen. Ausserdem besuchen wir noch 2 Jahre zusammen die Schule, deshalb ist ein sauberer Bruch praktisch nicht möglich. Hast Du einen Rat? Liebe Grüsse. Lara, 17

Liebe Lara 

Vielen Dank für Ihre Frage. Mich hat sie sehr beeindruckt, in mancher Hinsicht. Sie ist so unglaublich klar formuliert und nicht 27 A4-Seiten lang. Und sagt doch so viel aus. Das ist sehr bemerkenswert für eine 17-jährige Fragende. Aber eigentlich auch unabhängig des Alters. Grundsätzlich toll! Kompliment dafür.

Ihre Gefühle und Gedanken haben nun also diese Klarheit und ich finde, sie haben auch ihre Berechtigung. Nun geht es nur noch darum, die Konsequenz mit ebendieser Klarheit umzusetzen. Sie haben ein unglaublich gutes Gespür, liebe Lara. Das ist nicht selbstverständlich, sondern eine grosse Gabe. Wichtig ist jetzt nur, dass Sie Ihre Gefühle auch ernst nehmen und Ihre eigenen Werte nicht unter die einer angeblichen Freundin stellen.

Denn genau darum geht es jetzt. Wessen Werte sind denn nun wichtiger? Wem stehen Sie näher, sich selber oder der anderen Person? Das sind sehr wichtige Fragen, die man sich immer wieder stellen muss! Wir Menschen tun so vieles aus Rücksichtnahme und Höflichkeit und gehen selber darob vergessen. Das kann nicht sein. Das darf nicht sein. Sie werden dieser Situation in Ihrem Leben noch ein paar Mal begegnen und es macht Sinn, wenn Sie bereits jetzt lernen, wie man damit am besten umgeht.

Jemand hat sich in eine Art Abhängigkeit zu Ihnen begeben und sich an Ihre Fersen geheftet. Sie möchten sich nun losreissen von dieser Verantwortung und werden nicht ernst genommen. Das Wichtigste ist darum, dass Sie sich in Ihrem Bedürfnis selber ernst nehmen. Sie haben ein Anrecht darauf selber zu entscheiden, mit wem Sie Ihre Zeit verbringen wollen. Lassen Sie sich dieses Recht nicht kleinreden. Ihre eigene Position zu diesem Thema ist ausschlaggebend, wie die andere Person sich verhalten wird. Sie können niemanden verändern, nur sich selber oder das System.

Ihre Bekannte wird vielleicht eine innere Leere verspüren, die sie durch Sie zu füllen versucht. Das ist zwar legitim, aber dennoch ungesund. Weil es Sie in eine Verantwortung nimmt, die Sie nicht übernehmen dürfen. Wenn Sie anfangen, aus Rücksichtnahme und Mitleid den Kontakt aufrecht zu halten, dann übernehmen Sie eine Rolle, die nicht auf Augenhöhe ist. Das kann dazu führen, dass Sie sich wirklich verantwortlich für die andere Person fühlen. Und das macht Sie zu einer Art Mami und die andere Person zu Ihrem «Kind». Aber das sind Sie beide nicht. Darum müssen Sie sich aus dieser Rolle befreien. Lassen Sie die Gefühle von Verantwortlichkeit und Mitleid los. Niemand möchte nur aus Mitleid eine Freundin haben, diese Art von Empathie ist keine gute Basis für eine ehrliche Freundschaft.

Jeder Mensch ist selber verantwortlich für seine Gefühle. Es kann sein, dass die Beziehung zu Ihnen bei der Kollegin Gefühle auslöst. Sie haben aber dennoch keine Haftung dafür. Dass die Schulkollegin eine Depression durchlebt ist traurig, hat aber mit Ihnen nichts zu tun. Darum ist es wichtig, dass Sie sich ganz klar abgrenzen. Das müssen Sie zuerst für sich selber tun und dann auch gegenüber der jungen Frau. Sagen Sie Ihr in freundlicher Deutlichkeit, dass Sie zu wenig Gemeinsamkeit sehen, um in dieser Verbindlichkeit befreundet zu sein. Geben Sie die Schuld in diesem Gespräch nicht ihr, sondern der Tatsache, dass es einfach nicht passt. Stecken Sie eine klare Grenze ab, die für Sie stimmt. Und dann setzen Sie diese auch konsequent um. Schliesslich braucht es zwei, um gemeinsam auszugehen. Und eine gemeinsame Schulzeit ist kein Zwang, die Zeit miteinander zu verbringen. Eine Schulklasse ist eine Schicksalsgemeinschaft, die auf dem gemeinsamen Alter basiert. Sie ist keine Voraussetzung für Freundschaft.

Sie können die Gefühle von ihr nicht ändern. Aber Sie können die Beziehung so gestalten, wie sie für Sie stimmt. Sie dürfen das. Sie müssen sogar. Es ist schliesslich Ihr Leben. Und Sie sind Ihr eigener Chef.

 Ganz herzlich, Ihre Kafi.

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Kafi Freitag (39) beantwortet auf ihrem Blog Frag Frau Freitag Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.



Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (Freitag Coaching) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie ist verheiratet und Mutter eines zehnjährigen Sohnes.



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