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Interpretieren statt Reden kann einiges zu Bruche gehen lassen.  Bild:kafi freitag

FragFrauFreitag

Liebe Kafi – mein Partner und ich sind verlobt und erwarten ausserdem ein Kind. Nun ist es so: Er hat vor ca. 1 1/2 Jahren seine langjährige Partnerin an den Krebs verloren.



(Wir haben uns in der anschliessenden Therapie kennen und lieben gelernt). Deswegen steht ihm eine Lebenspartnerrente zu, die jedoch erlischt, sobald er wieder heiratet, bzw. eine neue Lebenspartnerschaft eingeht. Nun hat er mir mitgeteilt – für meinen Geschmack etwas zu schnell und einfach – doch nicht heiraten zu wollen, da er ja nur so Anspruch auf das Geld hat. Das hat mich natürlich sehr verletzt, da ihm scheinbar das Geld wichtiger ist als mit mir eine richtige Familie zu gründen (und ausserdem habe ich sowieso ständig Angst, für ihn nur die 2. Wahl zu sein). Mit Rücksicht auf ihn und seine immer noch anhaltende Trauer wage ich es natürlich nicht, ihm dies zu sagen. Aber ich fühle mich im Moment sehr abgeschoben und weiss nicht mehr weiter. Muss ich Angst haben, unsere Beziehung für die nächsten Jahre geheim halten zu müssen, damit sein Anspruch auf die Rente nicht verlorengeht? Zugegeben, wir könnten das Geld gut gebrauchen, mit einem Kind unterwegs und so, aber mir war Geld nie so wichtig, wie glücklich zu sein… Danke dir für deinen Ratschlag! Grüessli Christine, 34

Liebe Christine

Was für eine spannende Frage – vielen Dank dafür! Und herzliche Gratulation zum Kindli!

Als Erstes müssen Sie wissen, dass ich Ihnen sehr gut nachfühlen kann. Wir Frauen sind in dieser Beziehung schon etwas romantischer als viele Männer. Und ich finde das auch vollkommen legitim. Schliesslich war ich auch zweimal aus reinen Liebesdingen verheiratet, wenn ich auch eine neue Liebe vermutlich nicht mehr in diesem Rahmen besiegeln müsste.

Aber mit einem Kind ist es schon was anderes, das verstehe ich. Als ich schwanger war, bin ich in einen totalen Nesttrieb ausgebrochen und musste von einem Tag zum anderen ein grösseres und sichereres Auto haben. Einen ellenlangen Kombi natürlich. Und nein, zur Marke werde ich mich heute nicht äussern, das tut nichts zur Sache. (Andere kleben diese unsäglichen Sticker ans Auto "Kevin an Bord" und wiegen sich damit in der Illusion, dass man deswegen vorsichtiger fährt, als ohne. Als ob der Name Kevin allein nicht schon das Gegenteil bewerkstelligen könnte ...) Ich wollte mich und das Kindli absichern, so gut es nur ging. Am liebsten hätte ich sämtliche Möbel mit Kanten aus dem Haus geworfen. Und den Stromkreis für immer abgestellt. Mir kam nur noch Bio auf den Teller, wo ich heute laut drauf pfeife. Es wurden keine Haare mehr gefärbt und selbst die Socken waren von Hess Natur. Sie sehen selber, ich weiss wirklich, was in Ihnen vorgeht. Der Tanz der Hormone hat mich in einen Zustand versetzt, wo ich und meine Logik in sehr gegensätzliche Richtungen rannten, selbst an sehr guten Tagen.

Eine Heirat ist eine höchst idyllische Form der Absicherung, wenn man eine Familie gründet. Und dennoch nicht die Einzige, schliesslich ist der Staat interessiert daran, Mütter und deren Kinder in ein System der finanziellen Absicherung zu hieven. Und darum werde ich mir jetzt auch noch erlauben, ein paar andere Blickwinkel aufzuzeigen.

Im Moment fühlen Sie sich furchtbar vor den Kopf gestossen. Die Verlobung und dann später die Rücknahme des Versprechens haben Sie verletzt. Das würde vermutlich ganz vielen Menschen so ergehen, wenn nicht sogar allen. Trotzdem hat es auch ganz viel mit Ihrem persönlichen Thema zu tun. Sie schreiben selber, dass Sie sich als 2. Wahl fühlen und ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass da so einiges getriggert wird. Wie würde es sich anfühlen, wenn es genau umgekehrt wäre? Wenn Ihr Partner Sie nicht würde heiraten wollen, damit er mehr Bares auf der Seite hat, um Ihnen und dem gemeinsamen Kind mehr finanzielle Sicherheit zu bieten?

In Ihrem Kopf wird aus dieser Rentengeschichte ein grosses Monster, dass Sie künftig im Keller der Hauses wohnen lässt. Aber das werden Sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht müssen! Diese Vergütungen werden halte einfach nur solange ausbezahlt, bis der Begünstigte sich anderweitig gleichermassen bindet. Das macht aus rechtlicher Sicht absolut Sinn und das richtet sich in keinster Weise gegen Sie.

Mir ist klar, dass es bei Ihnen was ganz anderes auslöst, aber wir wissen beide nicht, was im Kopf Ihres Partners abgeht. Und das finden Sie nur in einem klärenden Gespräch heraus. Ihre Rücksichtnahme im Bezug auf die Trauer in Ehren, aber für mich klingt es eher nach einem guten Vorwand, nicht über die eigenen Gefühle zu reden. Sie beide waren imstande, in dieser Phase der Trauerarbeit ein Kind zu zeugen, dann sollten Sie auch imstande sein, ein Gespräch darüber zu führen. Wenn das nicht möglich ist, dann haben Sie tatsächlich ein Problem, liebe Christine.

Fassen Sie sich ein Herz und reden Sie mit Ihrem Liebsten. Sie werden demnächst ein Kind zusammen haben, mehr Commitment geht eigentlich fast gar nicht, glauben Sie mir. Es ist wichtig, dass Sie diese Dinge aussprechen und zusammen anschauen. Sie müssen detailliert wissen, was es mit dieser Rente und deren Bedingungen auf sich hat. Im Moment spekulieren Sie sich irgendwas zusammen. So geht das nicht! Schliesslich wollen Sie Ihre Zukunft zusammen angehen, da gehören solche Themen einfach dazu. Formulieren Sie auch Ihre Befürchtung, die ewige Nummer 2 zu sein. So hat Ihr Freund die Chance, diese Gefühle aus dem Weg zu räumen. Wir Frauen haben oft den Anspruch, dass man unsere Gedanken lesen kann und immer grad weiss, wie wir uns fühlen. Aber das ist wirklich bitzli zu viel verlangt. Ausformulieren, reden! Sie werden das mit einem gemeinsamen Kind noch sehr oft tun müssen. Starten Sie damit noch heute!

Ganz herzlich. Ihre Kafi.

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Kafi Freitag (40!) beantwortet auf ihrem Blog Frag Frau Freitag Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (Freitag Coaching) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie lebt mit ihrem 11-jährigen Sohn in Zürich.

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Bild: Kafi Freitag

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