Der Verheiratete, die Geliebte und ich
Ich muss mir lange überlegen, was für ein Pseudonym wir ihm geben. Denn was jetzt kommt, ist heikel. Brisant, krass, alles.
Mit «ihm» meine ich Oli. Oli und ich kennen uns aus dem Kaff, wo wir herkommen. Wir kennen uns also schon ewig und sind schon ewig befreundet.
Manchmal haben wir mehr Kontakt, mal weniger. Wenn wir uns aber sehen, ist es immer so, als hätten wir uns gestern gerade gesehen.
Oli und ich sind komplett verschieden. Er im Beruf krass erfolgreich. Was Oli auch ist, ist verheiratet. Seit 18 Jahren. Seine Frau und er haben 3 Kartoffeln. Die Mädchen sind 15 und 12 Jahre alt. Der Nachzügler ist 4.
Was Oli auch ist, ist total verschossen.
Leider nicht in seine Frau.
Also doch, die liebt er natürlich, sagt er. Halt eher so, wie man eine Schwester liebt. «Weisst du, da ist keine Leidenschaft mehr, keine Anziehung, kaum Sex, nur Alltag, Hamsterrad, so halt.»
So ist also Oli in Olivia verliebt. Das ist er schon seit vier Jahren.
VIER. JAHREN.
Seit drei Jahren läuft was. Kennengelernt haben sie sich, logisch, im Job. Sie ist die Assistentin von irgendjemandem, der wichtig ist. Sie ist ihm also nicht ganz direkt unterstellt. Seine Assistentin ist 58. Zum Glück, findet Oli.
3 rote Herzli, 5 rote Herzli, 7 rote Herzli ....
Wir sitzen in meiner Küche. Er raucht Kette. Obwohl er eigentlich schon ewig nicht mehr raucht. Sein rechter Fuss hüpft auf und ab und alles, was er anfasst, fällt zu Boden.
Oli ist ausser Rand und Band. Seine zwei (!) Handys checkt er andauernd. Obwohl er ja sehen würde, wenn was reinkäme. Die Handys liegen ja auf dem Tisch.
Die Nummer des Zweithandys hat nur Olivia. Es ist nur für Olivia. Das Handy nimmt er nie nach Hause zu seiner Familie.
Er greift nach besagtem Handy und schickt Olivia 3 rote Herzchen. Kaum sind sie weg, schickt sie fünf zurück. Er sieben, sie zehn.
Scheisse, sind die nervig!
Oli sagt, dass er sich an sein schlechtes Gewissen gewöhnt hat. Dass es einfach wahnsinnig aufregend und geil ist, heimlich ein Zweitleben zu führen. Sex über Mittag. Feierabend-Sex bei ihr. Dann duschen, dann eine Weile warten, dann nach Hause.
Ich hab 10'000 Fragen!
Warum weiss seine Frau nichts davon? «Spinnst du? Sie würde mich rausstellen, ich würde die Kinder kaum mehr sehen. Nie im Leben würde ich sowas riskieren!»
Ausserdem: «Seit ich Olivia habe, bin ich grundsätzlich viel glücklicher und ausgeglichener. Das führt dazu, dass ich mich auch mit meiner Frau viel besser verstehe. Manchmal haben wir sogar Sex und der ist dann imfall echt noch gut!»
Ja, Bravo, Oli!
Ob er nicht der Meinung sei, seine Frau habe ein Recht auf die Wahrheit? Wie es ihm gehen würde, wenn es umgekehrt wäre? Und hey, hat er schon mal an Olivia gedacht?
«Die ist doch eine erwachsene Frau. Sehr schlau, weiss schon, was sie macht!»
Ich wette, sie wartet. Und glaubt daran, dass sich Oli zu ihr bekennt, wenn nur die grossen Kids draussen sind und der Kleine aus dem Gröbsten raus ist?
«Möglich», sagt Oli. Weil wirklich möglich, dass er sich dann zu Olivia bekennt. Und er und seine Frau eine Bilderbuch-Trennung hinkriegen. Und dann alle happy sind.
You Dreamer!
Ich sag Oli, dass ich alles Scheisse finde. Dass mir seine Frau leid tut. Und Olivia auch. Ein Leben als Geliebte im Schatten ist das Letzte. Du hast jemanden, den du gar nicht hast. Und den du mit grösster Wahrscheinlichkeit nie ganz haben wirst.
In Geschichten wie dieser sehe ich nur Verliererinnen und Verlierer. Und möglicherweise Kartoffeln, die als Erwachsene beziehungsgestört sind.
Von aussen macht mich alles hässig, was ich hier höre.
Und dann ist da aber einfach Oli. Ein Freund, den ich schon ewig kenne. Der nie eine Red Flag war. Der nie Frauen verarschte. Der ein sehr engagierter und toller Vater ist.
Hätte sich Oli nicht dummerweise in Olivia verliebt, wäre er immer ein sehr gutes Beispiel für wedding material gewesen.
Dann aber kam halt eben diese Olivia. Und mit ihr die Liebe. Die beide komplett blind machte. Blind und blöd.
Nicht mal ich weiss, wohin mit meinen Gefühlen. Diese Story passt nicht zu Oli. Nicht zu meinem guten Freund Oli. Und dann wird mir bewusst, dass das einfach passiert. Dass sich Menschen in Beziehungen in Menschen ausserhalb ihrer Beziehung verlieben.
Und dann wird's uhuren kompliziert.
Vor allem, wenn Kartoffeln involviert sind.
Ich bin sehr froh, dass ich keine habe. Und keine Geliebte bin. Und dass Olis Frau keine Freundin von mir ist. Ich kenne sie kaum.
Ist trotzdem scheisse, eine Mitwisserin zu sein.
Also habe ich euch davon erzählt. Wir sind ja hier quasi one big family, Leute. Schöner kann dieser Text nicht enden.
*Joke, Leute!
