Zorn, Rache, Eifersucht – Gottes erstaunlich menschliche Schwächen
Wer sich ein Bild vom christlichen Gott und seinen Anforderungen an uns Menschen machen will, konsultiert die Bibel. Er offenbart sich Im Alten und Neuen Testament. Strenggläubige Christen sehen im «Heiligen Buch» das authentische oder inspirierte Wort Gottes.
Die Lektüre der Bibel kann allerdings verunsichern oder ratlos machen. Gott erscheint als ethisches und theologisches Chamäleon. Je nach Situation wird er als barmherziger und liebender Vater dargestellt. Oder als rächender, zürnender und eifersüchtiger Gott.
Extreme Gegensätze
Wie gehen diese Extreme, die an eine Karikatur erinnern, zusammen? Das Bild vom liebenden Schöpfer wirkt angesichts des rächenden Gottes sonderbar. Bei einem Blick auf die dunklen Seiten der Welt, die geprägt sind von Terror, Kriegen, Schrecken und Elend, ist von Gottes Barmherzigkeit wenig zu spüren.
Das erinnert eher an den zornigen Gott der Bibel, der den Ungläubigen und Sündern Rache schwört. Gott bezeichnet sich in der Bibel selbst als eifersüchtig: «Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott.» (2. Mose/Exodus 20,5)
Bemerkenswert ist, dass die Zehn Gebote Gottes mit seiner Eifersucht beginnen. Das 1. Gebot lautet: «Du sollst keine anderen Götter neben mir haben».
Gottes Eifersucht wird in der Bibel an mehreren Stellen betont, auch im Neuen Testament. Noch üppiger wird der Zorn Gottes thematisiert. Ein paar Beispiele:
«Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Wer aber dem Sohn nicht gehorsam ist, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm.» (Johannes 3:36)
Oder: «Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.» (Römer 12:19)
«Ihr sollt Witwen und Waisen nicht bedrücken. Wirst du sie bedrücken und werden sie zu mir schreien, so werde ich ihr Schreien erhören. Dann wird mein Zorn entbrennen, dass ich euch mit dem Schwert töte und eure Frauen zu Witwen und eure Kinder zu Waisen werden.» (2 Mose 22:21-23)
Der Zorn des Herrn
In der Bibel wird auch mehrfach der Zorn Gottes beschrieben. Zum Streit um Zion beim Volk Edom heisst es: «Denn der Herr ist zornig über alle Nationen, er grimmt über ihr ganzes Heer. Er hat sie dem Bann bestimmt, zur Schlachtung freigegeben.» (Jes 34,2)
Im Alten Testament gibt es mehrere Passagen, in denen Gott die Vernichtung ganzer Völker befiehlt, zum Beispiel der sogenannte Bann gegen die Kanaaniter (Deuteronomium 20,16-17) und die Amalekiter. Auch im fünften Buch Mose wird Gottes Bann gegen die Hethiter, Amoriter, Kanaaniter, Phereister, Heviter, und Jebusiter beschrieben, mit dem er die Vernichtung der Urbevölkerung Kanaans fordert.
Diese Völker haben zwar nicht existiert, weshalb Bibelforscher sie als Metapher interpretieren, dass Gott seine unterdrückten Schäfchen unterstützt und die «Täter» mit radikalen Massnahmen bestraft. Auch die Sintflut ist eine Art Genozid.
Den Gipfel des Zorns bringt Gott in der apokalyptischen Johannes-Offenbarung zum Ausdruck, als er die sieben Engel auf die Erde schickt, um die Ungläubigen und Sünder mit sieben schrecklichen Plagen zu peinigen. Die betroffenen Menschen werden einer Folter ausgesetzt.
Es ist deshalb kein Zufall, dass das Jüngste Gericht auch Tag des Zorns oder der letzten Stunde des grossen Zorns Gottes genannt wird.
Theologen betonen zwar, dass die Rache, die Eifersucht und der Zorn Gottes nicht nach menschlichem Massstab interpretiert werden dürfen. Vielmehr müsse man die Attribute als Ausdruck für die Gerechtigkeit Gottes interpretieren, der sein Volk beschützen und seine Feinde bestrafen will.
Wie steht es um Gottes Moral?
Doch auch bei dieser Auslegung kommt man nicht umhin, Gottes Ethik und Moral zu hinterfragen. Er ist bereit, mit einer fragwürdigen Kollektivstrafe ganze Völker auszurotten. Der Schöpfer zeigt bei den entsprechenden Bibelstellen keine Toleranz, keine Nachsicht und keine Empathie.
Dieser Gott weist als rächendes, zorniges und eifersüchtiges Wesen allzu menschliche Züge und Emotionen auf. Von Allmächtigkeit und Allwissenheit ist wenig zu spüren. Er müsste eigentlich über diesen «niedrigen» Bedürfnissen und Gefühle stehen und souverän auf die Verfehlungen der Menschen reagieren.
Bemerkenswert ist vor allem, dass sich Gott selbst als eifersüchtig bezeichnet. Es fragt sich: auf wen? Offenbar auf andere Götter. Nur: Aus seinem Verständnis gibt es nur einen Gott, nämlich ihn selbst. Er ist offenbar eifersüchtig, weil Menschen andere Götter anbeten und ihn ignorieren.
Gottes menschliche Reaktionen
Da stellt sich die Frage nach dem Selbstbewusstsein des Schöpfers. Wenn er uns angeblich den freien Willen zugestanden hat, muss er es auch aushalten, dass nicht alle an ihn glauben.
Gott zeigt in der Bibel ähnliche Reaktionen und Gefühle wie wir Menschen. Er scheint nach den selben psychologischen Mustern gestrickt zu sein wie wir. Dieser Gott wirkt manchmal so menschlich, dass der Verdacht aufkommt, dass nicht Gott uns erschaffen hat, sondern wir Menschen ihn.
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