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Ein Pablo-Escobar-Laden in einem kleinen kolumbianischen Städtchen. Die Spuren des berühmt-berüchtigten Drogenbosses sind auch 23 Jahre nach seinem Tod noch sichtbar. bild: thomas schlittler

Per Autostopp um die Welt

Das kranke Erbe von Pablo Escobar: «Ich denke gut über ihn.»

Thomas Schlittler
Thomas Schlittler



Pablo Escobar ist tot. Schon lange. Doch wer Kolumbien bereist, und insbesondere Escobars Heimatstadt Medellin, der kommt kaum darum herum, sich mit dem skrupellosen Drogenboss und Terroristen zu beschäftigen. Denn Escobar war einst so reich und mächtig, dass seine Spuren selbst 23 Jahre nach seinem Tod nicht verschwunden sind.

Die Route der 100. Woche:

Das bizarrste Vermächtnis von Escobar liegt 150 Kilometer östlich von Medellin: die Hacienda Napoles. Das 3000 Hektar grosse Grundstück, umgerechnet rund 4000 Fussballfelder, war in den 80er-Jahren Escobars Landsitz – inklusive Flugplatz, Stierkampfarena, künstlichen Seen sowie Kamelen, Elefanten, Zebras, Löwen, Nashörnern und zwei Nilpferden.

Juan Carlos war ein Kind, als Escobar auf der Hacienda Napoles seinen Reichtum genoss. Er hat den Privatzoo mit eigenen Augen gesehen, wie er meiner Freundin Lea und mir erzählt: «Wir Kinder vom Dorf durften Pablos Tiere damals jederzeit besuchen.» Heute ist Juan Carlos 41 Jahre alt und öfter denn je auf der Hacienda Napoles. Er kutschiert in seinem Tuktuk Touristen über das Gelände. Die Hacienda Napoles wurde vor einigen Jahren nämlich zu einem Freizeitpark umfunktioniert.

Die Aushängeschilder des Parks sind 40 Nilpferde. Sie sind die Nachfahren von den zwei Nilpferden, die Escobar einst einfliegen liess. Doch nicht nur die Nilpferde erinnern an den Mann, der unzählige unschuldige Menschen auf dem Gewissen hat: Das Eingangstor ist nach wie vor mit dem Kleinflugzeug geschmückt, mit dem Escobar seine ersten Kokaintransporte durchgeführt haben soll. Und auch Escobars verlassenes Herrschauftshaus, seine von Bomben zerstörten Autos sowie seinen Flugplatz können die Besucher besichtigen.

Die Hacienda Napoles, heute ein Freizeitpark:

Juan Carlos kennt die Hacienda Napoles in- und auswendig. «Das hat Pablo gebaut, dies ist erst später dazugekommen», klärt er uns im Vorbeifahren über alles auf. Für Juan Carlos scheint es das Normalste der Welt zu sein, dass dort, wo einst Escobar und seine Kumpels ihr Drogengeld verprassten, nun Familien eine gute Zeit verbringen. Weil er zudem den Namen «Pablo» immer so liebevoll ausspricht, frage ich ihn irgendwann: «Juan Carlos, was denkst du über Escobar?» Seine Antwort: «Ich denke gut über ihn.»

Ich lasse das ein paar Minuten so stehen. Dann hake ich nach: «Aber glaubst du denn nicht, dass Escobar viele unschuldige Menschen getötet hat?» Juan Carlos: «Doch, ich weiss, dass Pablo in Bogotá und Medellin schlimme Dinge getan hat. Aber zu uns war er immer gut. Er hat uns Kindern jeweils Geschenke gebracht zu Weihnachten. Und mein Vater hatte dank Pablo eine Arbeit – hier auf der Hacienda Napoles.»

Auch Juan Carlos hat seinen Job als Tuktuk-Fahrer indirekt Escobar zu verdanken. Und er ist nicht der einzige: Im Dorf in der Nähe der Hacienda Napoles hat es einen Pablo-Escobar-Laden, in dem T-Shirts und andere Souvenirs mit dem Konterfei des «Patróns» verkauft werden. In Medellin wiederum verdienen zahlreiche Leute mit Pablo-Escobar-Touren ihren Lebensunterhalt. Sie zeigen neugierigen Touristen wichtige Schauplätze von Escobars Leben: von ihm erbaute Sportanlagen, seine Bürogebäude, seine Wohnsitze, sein für und von ihm erbautes Luxusgefängnis sowie sein letztes Versteck, in dem er 1993 erschossen wurde.

Als wir zum Friedhof kommen, auf dem Escobar begraben ist, stechen mir die zahlreichen frischen Blumen ins Auge, die auf Escobars Grab liegen. «Von wem sind die?», will ich von unserem Guide Noé wissen. Der stämmige, geschätzte 60 Jahre alte Mann antwortet emotional: «Von dummen Menschen, die Pablo Escobar für einen Freund der Armen halten. Doch das ist Blödsinn. Escobar hat nie etwas getan, ohne früher oder später eine Gegenleistung zu verlangen.»

Noé redet sich in Rage: «Escobar war ein Soziopath. Er hat die Armen ausgenutzt und sie die Drecksarbeit für ihn machen lassen. Im Drogenlabor, als Dealer, als Killer und die Frauen als Prostituierte.» Auch dass Escobar Wohnungen, Spitäler und Sportstadien gebaut hat für die unteren Bevölkerungsschichten Medellins, lässt Noé nicht als uneigennützige Wohltat durchgehen: «Damit wollte er nur erreichen, dass ihn die Armen ins Parlament wählen. Das hat ja dann auch geklappt.»

Gemäss Noé reden nicht alle Tourguides so negativ über Pablo Escobar wie er: «Einige glorifizieren ihn sogar. Das war auch der Grund, wieso ich selbst mit diesen Touren angefangen habe.»

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Auf Escobars Grab stehen frische Blumen. Und an seinem Geburts- und Todestag pilgern auch heute noch viele Menschen an sein Grab. bild: thomas schlittler

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Tourguide Noé (z.v.r.) bringt das in Rage: «Escobar war ein Soziopath. Er hat die Armen ausgenutzt und sie die Drecksarbeit für ihn machen lassen.» bild; thomas schlittler

Viele Kolumbianer reden aber nicht gerne über ihren bekanntesten Landsmann. Das haben wir bereits bei einem unserer ersten Fahrer in Kolumbien gemerkt, als ich den Namen Escobar ins Gespräch warf: «Pablo Escobar – bitte nicht, ich kann es nicht mehr hören!», war die Reaktion.

Mittlerweile kann ich das nachvollziehen. Ich spreche das Thema nicht mehr an. Denn Pablo Escobar ist tot. Schon lange. Und Kolumbien ist definitiv ein besserer Ort ohne ihn.

Die 100. Woche auf der Reise um die Welt – und das sind die Bilder dazu:

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11 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
Sheez Gagoo
29.04.2017 17:38registriert November 2015
Das passiert, wenn die Politik sich nicht um die Bevölkerung kümmert. Escobars, Trumps und Chavezes treten an ihre Stelle.
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