«USA haben gezeigt, wie es geht»: Russlands Kriegsblogger rechnen mit Putin ab
Der Sturz des venezolanischen Machthabers Nicolás Maduro wird in Russland zunehmend als schwere strategische Niederlage Moskaus begriffen. Prorussische Militärblogger und Kommentatoren sprechen offen von einem gescheiterten Grossmachtanspruch – und davon, dass Russland derzeit zu schwach sei, selbst seinen engsten Verbündeten beistehen zu können.
So rechnen prominente russische Stimmen mit der Aussenpolitik des Kremls ab. Der Publizist Maxim Kalaschnikow bezeichnet auf Telegram den Fall Maduros als «Zusammenbruch der PR-getriebenen Aussenpolitik der russischen Führung». Rund 20 Milliarden Dollar seien allein für Venezuelas «pseudo-sozialistisches Regime» in einem «schwarzen Loch» verschwunden, ohne Nutzen für Russlands wirtschaftliche Entwicklung oder strategische Interessen.
Vergleichbare Fehlinvestitionen habe es zuvor bereits in Syrien gegeben. «Lasst uns Marinestützpunkte in Syrien und Sudan schaffen, für die es keine Marine gibt», höhnt Kalaschnikow bezüglich der inzwischen lahmgelegten Flottenbasis im syrischen Tartus.
1/ Vladimir Putin's heavy investment in the regime of Venezuelan former President Nicolás Maduro has been a costly and disastrous failure, according to Russian commentators. They admit that Russia is too weak to stop its allies from being picked off one by one by the West. ⬇️ pic.twitter.com/olZHfW4vg7
— ChrisO_wiki (@ChrisO_wiki) January 4, 2026
Gleichzeitig habe Moskau entscheidende Chancen verspielt: Statt sich auf seine Kernziele in der Ukraine zu konzentrieren, verpulverte Russland Ressourcen in fernen Regionen. Das Resultat sei ernüchternd: Odessa, Cherson und Mikolajew blieben unter ukrainischer Kontrolle, Transnistrien sei blockiert, Russlands Einfluss im Südkaukasus und in Zentralasien schwinde, während Finnland und Schweden der Nato beitreten konnten. Kalaschnikow spricht von einem «Herbst des Patriarchen» – eine kaum verhüllte Anspielung auf die schwindende Macht von Kremlherrscher Wladimir Putin.
Auch Blogger Alexander Kartawych urteilt hart. Das Maduro-Regime sei wirtschaftlich bankrott gewesen und nicht einmal in der Lage, eigene Sicherheitskräfte zu bezahlen. Russische Kredite und Investitionen für Caracas vergleicht er mit Geld, das man «einem Obdachlosen gibt in der Hoffnung, er zahle eines Tages alles zurück». Sein Fazit: Verluste abschreiben und die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen.
«Assad kann froh sein, rechtzeitig geflohen zu sein»
Andere Kommentatoren sehen im Fall Maduro ebenso wenig ein isoliertes Ereignis. Der Blogger «Ghost of Novorossiya» verweist auf eine Kette geopolitischer Rückschläge: Ende 2024 der Sturz des Assad-Regimes in Syrien, im Sommer 2025 massive Schäden für Iran durch US-israelische Angriffe – nun Venezuela.
Der Westen gehe gezielt gegen schwache Verbündete Russlands vor, um Moskau und Peking zurückzudrängen, ohne eine direkte Grosskonfrontation zu riskieren. Ähnliche Szenarien seien künftig auch in Afrika denkbar. «Die Vereinigten Staaten haben der ganzen Welt ein konkretes Beispiel dafür gegeben, wie man gezielte Spezialoperationen für einen Regimewechsel durchführt», schreibt der «Geist» auf Telegram.
Besonders schonungslos ist die Analyse der «Russischen Volksmiliz» (RND). Russland sei längst nicht mehr in der Lage, Partner in Lateinamerika, Afrika oder im Nahen Osten effektiv zu unterstützen. Mehr als diplomatische Proteste bei der UNO und das Abschreiben von Milliarden an «brüderlicher Hilfe» lägen nicht drin. Bitter kommentiert wird auch das Schicksal früherer Verbündeter: Ex-Syrien-Machthaber Baschar al-Assad sitze «heute in Moskau vor dem Fernseher» – und könne froh sein, «rechtzeitig geflohen» zu sein.
«Ein Unentschieden wäre schon ein Erfolg»
Zweifellos hat Maduros Fall vielen russischen Kriegsbloggern erstmals deutlich vor Augen geführt, «in welch schlechtem Zustand Russland wirklich ist», wie ein Analyst auf X zusammenfasst. Venezuela werde einhellig als strategische Niederlage Russlands gewertet. Nicht nur die Investitionen seien verloren – «die Zukunft Russlands steht auf dem Spiel». Verbündete wie Syrien, Iran und Venezuela gingen verlustig oder würden neutralisiert, ohne dass Moskau real gegensteuern könne.
Following the fall of Maduro, many Russian war bloggers are starting to realize in what bad shape Russia is. The events in Venezuela are unanimously considered a strategic Russian defeat, and they admit that Russia is currently too weak to help any Russian allies.
— (((Tendar))) (@Tendar) January 5, 2026
Not only the…
Besonders bezeichnend dabei sei, dass Kommentatoren wie RND inzwischen selbst ein «Unentschieden» im Ukrainekrieg als Erfolg definieren: Russland müsse sich darauf konzentrieren, wenigstens ohne klare Niederlage aus dem Krieg zu kommen. Ziele wie Kiew, Charkiw oder Odessa seien nicht mehr realistisch. Deshalb setze der Kreml alles daran, zumindest den restlichen Donbas zu erobern – um damit eine Art «Teilsieg» oder wenigstens ein «Remis» zu inszenieren.
Bestimmt spiegeln diese ausgewählten Stimmen in den Sozialen Netzwerken nur einen Teil der aktuellen russischen Stimmungslage wider. Andere russische Blogger werfen den USA Doppelmoral vor und sehen durch Maduros Entführung den Angriffskrieg gegen die Ukraine als umso gerechtfertigter an. Dass Putins Diktatoren-Freunde im Ernstfall aber nicht mehr auf Hilfe aus dem Kreml rechnen können, müssen selbst die offiziellen Massenmedien eingestehen.
So stellt die «Moscow Times» in einem Leitartikel zerknirscht fest: «Wladimir Putin wusste, dass er (die US-Operation) «Absolute Resolve» nicht verhindern kann. Der immense Aufwand im Abnützungskrieg gegen die Ukraine verbietet den Einsatz von Ressourcen für weniger wichtige Schauplätze, was schon Syrien deutlich vor Augen geführt hat.» (aargauerzeitung.ch)
