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Dieser nette Herr hatte Erbarmen mit mir und brachte mich immerhin fast zehn Kilometer weiter.<br data-editable="remove">
Dieser nette Herr hatte Erbarmen mit mir und brachte mich immerhin fast zehn Kilometer weiter.
bild: thomass Schlittler
Per Autostopp um die Welt

«Die Polizei, dein Freund und Helfer?» Nun ja, manchmal stimmt das wirklich

05.12.2015, 11:0405.12.2015, 12:26
Thomas Schlittler
Thomas Schlittler
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«Jetzt bin ich gestrandet», denke ich, als ich mitten auf der chinesischen Autobahn auf dem Pannenstreifen stehe und die Autos in hohem Tempo an mir vorbeirasen (Eine junge Chinesin hat mich hier rausgelassen, da sie in eine andere Richtung musste.). Doch einmal mehr habe ich mehr Glück als Verstand: Nach einer Viertelstunde erlösen mich zwei Frauen von diesem ungünstigen Autostopp-Plätzchen.

Allerdings hält das Hochgefühl nur ein paar Minuten an. Dann merke ich, dass wir eine Abzweigung verpasst haben und in die falsche Richtung fahren. Ich probiere meinen Fahrerinnen abermals zu erklären, wohin ich will, und suche auf meiner Offline-Smartphone-Karte nach einer alternativen Route. Die beiden Ladys haben aber andere Pläne für mich: Sie fahren an der nächsten Ausfahrt raus und geben mich in die Obhut der Polizei, die dort in einem kleinen Bus stationiert ist.

Die beiden Retterinnen, die mich allerdings direkt bei der Polizei abgeliefert haben.&nbsp;<br data-editable="remove">
Die beiden Retterinnen, die mich allerdings direkt bei der Polizei abgeliefert haben. 
bild: thomas schlittler

Ich verstehe nur «Ürümqi», meinen 300 Kilometer entfernten Zielort, als meine Fahrerinnen auf den jungen Polizisten einreden. Dann fahren sie freundlich winkend davon und ich werde von dem Polizisten in den Bus gebeten. Dort erwarten uns zwei seiner Kollegen. Sie sind sehr freundlich, offerieren mir – trotz Rauchverbots-Schild – eine Zigarette und löchern mich auf Chinesisch mit Fragen. Es fühlt sich nicht an wie ein Polizeiverhör, sondern wie die Neugierde von normalen Einheimischen, die nie Fremden begegnen.

Für die Polizisten bin ich eine Attraktion. Sie wollen nur Selfies machen (rechts Hewer) und mir helfen.<br data-editable="remove">
Für die Polizisten bin ich eine Attraktion. Sie wollen nur Selfies machen (rechts Hewer) und mir helfen.
bild: thomas schlittler

Ich versuche die Fragen mit Händen und Füssen, meiner Übersetzer-App, meinem chinesischen Autostopp-Schild, meinem Pass und den Fotos auf meiner Kamera zu beantworten. Die Polizisten setzen sich aufs kleine Sofa und klicken sich Bild für Bild durch meine Reise, begleitet von Ahs und Ohs.

Dann stösst Hewer dazu, er spricht etwas Englisch. Ich erkläre ihm, dass ich versuche, per Autostopp, also ohne für Transportmittel zu bezahlen, um die Welt zu reisen. Der 32-Jährige ist begeistert und verspricht: 

«Wir werden dir helfen!»
Hewer

Dann gehen sie auf die Strasse und halten die wenigen Autos an, deren Nummernschilder nicht mit einem «M», sondern mit einem «A» beginnen. Ich nehme an, das sind die Autos, die aus Ürümqi kommen. Doch das Unterfangen ist schwieriger als gedacht. 

Nach einer halben Stunde geben die Polizisten auf. Stattdessen fragt mich Hewer: «Ist es auch okay für dich, wenn du im Zug nach Ürümqi reist? Wir bezahlen das Ticket.» Ich bin einverstanden, man ist ja schliesslich nicht wählerisch. Wir machen noch ein kleines Selfie-Shooting vor dem Polizeiauto und fahren dann mit ebendiesem Richtung Bahnhof.

Uiguren
Die Uiguren sind eine der 55 anerkannten Minderheiten in China, in Xinjiang stellen sie aber (noch) eine Mehrheit. Wie die Tibeter hätten auch viele Uiguren gerne einen eigenen Staat. Sie sind Muslime, haben eine eigene Sprache, eine eigene Schrift, eine eigene Kultur und fühlen sich deshalb nicht als Chinesen.

Auf dem Weg dorthin wird es plötzlich ernst: Auf einem Parkplatz neben der Hauptstrasse gehen ein Passant und ein Polizist aufeinander los. Wir biegen sofort ab und steuern auf die Menschenmenge zu. Meine Mitinsassen eilen ihrem Kollegen, der bereits ein blaues Auge hat und sich gerade einen Schlagstock aus seinem Wagen holt, zu Hilfe.

Ich bleibe im Auto und erlebe aus wenigen Metern Entfernung, dass die Gesetzeshüter hier auch weitaus grössere Herausforderungen zu meistern haben als einem Autostöppler aus der Schweiz zu helfen. In der Region Xinjiang kommt es nämlich immer wieder zu Spannungen zwischen Uiguren und Han-Chinesen.

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Autostopp: Einheimische Uiguren
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Ich weiss nicht, ob der Zwischenfall tatsächlich etwas mit der Ethnie zu tun hat. Der angegriffene Polizist ist im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen, unter anderem Hewer, jedoch Han-Chinese.

Nach ein paar Minuten und der Ankunft von drei weiteren Polizeiautos mit Blaulicht und Sirene beruhigt sich die Situation – ohne Verhaftung, soweit ich das beurteilen kann. Meine Fahrer und Hewer kommen zurück zum Auto und wir fahren weiter. Als ich Hewer frage, was los war, sagt er nur: «Der Mann wollte dem Polizisten seinen Führerausweis nicht zeigen.» Aha ...

Am Billettschalter ignorieren Hewer und seine Kollegen die grosse Warteschlange, stellen mich direkt an den Schalter und bezahlen die 62.50 Yuan (rund zehn Franken) für mein Ticket. Im Zug gönne ich mir ein kühles Bierchen, schüttle ungläubig den Kopf und denke grinsend: «Die Polizei, dein Freund und Helfer – es stimmt also doch.»

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