«Wegen der drohenden Hölle sah ich nicht einmal mehr den Suizid als Ausweg»
Freikirchen genossen vor der Säkularisierungswelle in der Öffentlichkeit ein recht gutes Ansehen. Sie galten als christliche Kirchen, deren Glaubensfundament auf der Bibel beruhte. Kritische Geister mokierten sich allenfalls darüber, dass die Frauen mit ihren langen Röcken und hochgesteckten Haaren züchtig wirkten. Sie nannten die Gläubigen wegen ihres strengen Glaubens «Stündeler».
Da Freikirchler zurückgezogen lebten, wussten weite Teile der Bevölkerung nicht, worin sich die Freikirchen von der evangelisch-reformierten oder katholischen Kirche unterschieden. Es gab und gibt aber teilweise heute noch grosse Differenzen.
So verkünden freikirchliche Pastoren immer noch, dass die Bibel inklusiv des Alten Testaments das authentische Wort Gottes sei. Deshalb gibt es weiterhin Freikirchen, die an die Schöpfungslehre oder den Kreationismus glauben. Also daran, dass der Schöpfer die Welt vor etwa 6000 bis 10’000 Jahren in 6 Tagen erschaffen hat.
Weitere anachronistische Dogmen der Freikirchen sind:
- Gott und Jesus lenken den Lauf der Welt und beschützen die Rechtgläubigen.
- Am Jüngsten Tag werden nur gläubige Christen mit einem überschaubaren Sündenregister errettet. Alle anderen wirft Gott in die Hölle.
- Wunderheilungen, wie sie Jesus vollbrachte, passieren auch heute noch bei den Heilungsgottesdiensten.
- Der Glaube an den Satan, der die Gläubigen verführt, gehört zum religiösen Repertoire.
- Gläubige, die vermeintlich von ihm besessen sind, werden oft mit einem Exorzismusritual behandelt.
- Homosexualität ist die Folge von sündigem Verhalten, die betroffenen Gläubigen werden oft mit einer Konversionstherapie «umgepolt».
Die Abgabe des Zehnten ist Pflicht. Und vieles mehr.
Ein solch radikaler Glaube führt zur Indoktrination, zur Abhängigkeit und oft zu Wahrnehmungsverschiebungen und Realitätsverlust. Und nicht selten zu psychischen Problemen.
Als Anfang der 1990er-Jahre das Buch «Das Paradies kann warten» erschien, ging ein Aufschrei durch die Hunderten von Freikirchen in der Schweiz. Die Schrift, an der ich mitgewirkt hatte, enthielt auch ein Kapitel über evangelikale Freikirchen. Sie wurde von der Zürcher Bildungsdirektion in Auftrag gegeben und an die Schulen verteilt.
Neben Sekten reichten auch freikirchliche Gläubige Aufsichtsbeschwerden und Klagen bei den Erziehungsbehörden ein. Sie verlangten unter anderem Korrekturen im Buch. Das Bundesgericht lehnte die Beschwerden ab. Verglichen mit der heutigen Kritik war das Buchkapitel über Freikirchen harmlos. Als ich später Zeitungsartikel über evangelikale Gruppen schrieb, hielten mir Pastoren und Gemeindeleiter vor, dass ihre Kirchen liberaler und toleranter geworden seien. Sie versuchten, meine Kritik zu widerlegen oder herunterzuspielen.
Bei meinen Gottesdienstbesuchen und den Gesprächen mit Aussteigern erhielt ich aber einen anderen Eindruck. Von der Form her gab es zwar kleine Anpassungen an den Zeitgeist, beim fundamentalistischen Glauben und der Einbindung der Mitglieder konnte ich aber keine grundlegenden Modifikationen erkennen. Die Bestätigung lieferte mir in diesen Tagen Lea Blattner, die ehemalige Co-Präsidentin der Jungen Evangelischen Volkspartei EVP, in der viele Mitglieder von Freikirchen aktiv sind.
Nachdem sich die junge Politikerin kürzlich als lesbisch geoutet hatte, ging sie durch die Hölle, denn weite Kreise der EVP verbinden die Homosexualität nach wie mit einem sündigen Verhalten. So auch die Freikirche, in der sie Mitglied war.
Lea Blattner erhielt nach ihrem Coming-out Hassbotschaften und Drohungen, auch von Mitgliedern ihrer Partei. Deshalb gab sie das Amt der Co-Präsidentin ab und sprach über ihre Erfahrungen. Homosexualität sei in der EVP und bei Freikirchen immer noch ein Tabuthema, sagte sie. Sie sei zurückgetreten, weil sie Angst vor tätlichen Angriffen gehabt habe. Sie erstattete eine Strafanzeige. Was sie in ihrer Freikirche - den Namen verriet sie nicht - erlebte, ist haarsträubend.
Es sind exakt die religiösen Übergriffe und Missbräuche, die ich schon vor Jahrzehnten angeprangert hatte. Lea Blattner realisierte bereits in jungen Jahren, dass sie «anders» war. In ihrer Freikirche wurde gesagt, dass Homosexualität eine Sünde sei. Deshalb habe sie ihre Gefühle verdrängt und verleugnet. Dem «Tages-Anzeiger» sagte sie in einem Interview über ihre Angst vor der Hölle: «Es wurde uns immer wieder angedroht, dass wir dort für immer und ewig Schmerzen erleiden müssten und in einem Feuersee brennen würden. Die Hölle sei das Schlimmste, das wir uns vorstellen könnten.» Aus Angst davor, beim Satan zu enden, traute sie sich mit 19 Jahren dem freikirchlichen Seelsorger an. Sie wollte von ihrer Homosexualität geheilt werden.
Der Seelsorger verwies sie an einen Coach, der ihr Heilung versprach. Wörtlich sagte Lea Blattner im Interview: «Der Coach sagte etwa, der Täter, der mich als Kind sexuell missbraucht hatte, habe einen Dämon in sich getragen. (…) Ich habe auch Dämonenaustreibungen mitgemacht. Manchmal haben mir fünf Männer ihre Hände aufgelegt und dafür gebetet, dass der Dämon mich verlässt. Das war unheimlich, aber ich hatte die grosse Hoffnung, dass sich dadurch etwas ändert. Es hat mich aber nur ausgelaugt und erschöpft.» Sie sei indoktriniert und einer Gehirnwäsche unterzogen worden, sagte sie. Ausserdem besuchte sie acht Jahre lang Heilungsgottesdienste. Erfolglos.
Gott ist für sie heute nicht mehr der alte weisse Mann im Himmel, er sei viel mehr weit weg von jeder Geschlechtlichkeit, sagte sie. Sie glaubt auch nicht mehr an die Hölle. Ihre geistige Befreiung dauerte jahrelang, weil in ihrer Kirche gelehrt wurde, dass die Frau gegenüber dem Mann gehorsam und unterwürfig sein müsse. Obwohl sich an ihren Gefühlen nichts geändert habe, sei ihr gesagt worden, einen Mann zu suchen und zu heiraten, sagte Lea Blattner. Sie tat es und verlobte sich. Es habe sich aber falsch angefühlt, erklärte sie. Als sie eine Freundin aus dem freikirchlichen Umfeld fand, konnte sie die Ängste langsam überwinden.
Auf die Frage des «Tages-Anzeigers», ob die Liebe zu einer Frau sie gerettet habe. Sie sagte: «Definitiv (…) Gerettet hat mich paradoxerweise auch die Coronapandemie. Plötzlich fanden keine Gottesdienste mehr statt. Ich habe gemerkt, dass ich alles hinterfragen muss, wenn ich weiterleben möchte. Damals ging es mir zeitweise schlechter als mit den Suizidgedanken, die ich hatte. Wegen der drohenden Hölle sah ich nicht einmal mehr den Suizid als Ausweg.»
Lea Blattner befürwortet heute ein schweizweites Verbot von Konversionstherapien, wie es bereits ein paar Kantone kennen. Ein Verbot würde solche Therapien nicht gänzlich verhindern, es könnte aber eine Sensibilität schaffen, ergänzte sie. Viele Seelsorger seien sich nicht bewusst, wie viel Schaden sie anrichteten.
Mit ihrem Coming-out hält Lea Blattner den Freikirchen, ihren Pastoren und den Gläubigen einen Spiegel vor. Die Hoffnung, dass diese daraus viel lernen und ihr Verhalten und ihre Dogmen anpassen werden, ist nicht allzu gross. Denn für sie ist die Bibel weiterhin das authentische Wort Gottes, das sie als unumstössliche religiöse Richtschnur nehmen. Sie können nicht berücksichtigen, dass das Buch vor 2000 und mehr Jahren geschrieben wurde und sich an die damaligen Menschen gerichtet hatte. Deshalb glauben sie weiterhin an den Satan, die Hölle, die geistige Anwesenheit von Jesus auf der Erde und den angeblichen Fluch der Homosexualität.
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