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Yonnihof

Es gibt keinen Gott: Die Wichtigkeit der Nichtigkeit

Bild: shutterstock
Unser Leben ist nur ein Bindestrich auf einem Grabstein. Und das ist okay.
29.09.2016, 13:5430.09.2016, 17:48

Es gibt Momente, da würde ich mir wünschen, ich wäre gläubig. In irgendeiner Form. Immer wieder erlebe ich als Agnostikerin nämlich Momente, in denen alles ein bisschen sinnlos erscheint. Aber erst mal von vorn.  

Ich – und das sind meine persönlichen Gefühle und Überzeugungen – gehe davon aus, dass es sich beim Menschen um eine Zufallserscheinung handelt, die auf irgendeinem zufälligen Planeten, der um irgendeinen zufälligen Stern kreist, einfach passiert ist, weil hier per Zufall gerade die richtigen Bedingungen dafür herrschten. Ich glaube nicht daran, dass sich dahinter ein göttlicher, höherer oder sonst strukturierter Plan verbirgt.  

Wenn ich das gläubigen Menschen gegenüber äussere, entgegnen sie mir oft, das sei ein viel zu grosser Zufall, als dass es tatsächlich einer sein könne. Meine Antwort ist dann jeweils, man müsse sich einfach all die Male, Sterne und Planeten vorstellen, wo es nicht passiert ist. Dann gewinnt das Zufallsszenario massiv an Glaubwürdigkeit. Für mich zumindest.  

Wichtig: Ich kann mich natürlich irren. Wir reden ja von Überzeugungen, nicht von Wahrheit. Ich schreibe hier lediglich auf, was mir (!) am plausibelsten erscheint, und ich möchte damit niemanden angreifen.

Ich glaube auch nicht, dass es ein Prinzip gibt, das entscheidet, wer wo in welchen Umständen zur Welt kommt. Ich glaube nicht, dass es höheren Sinn hinter der Tatsache gibt, dass Kinder im Krieg aufwachsen oder an Leukämie sterben müssen. Ich glaube, das ist einfach die unglaubliche Ungerechtigkeit dieses Zufalls und dass ich lediglich wahnsinniges Schwein gehabt habe, dass ich hier im Schlaraffenland aufwachsen durfte und weder natürlichem noch menschgemachtem Unglück ausgesetzt wurde.  

Dafür muss ich mich nicht entschuldigen, ich bin darauf auch nicht stolz (Nationalstolz ist etwas, was mir als Prinzip in keinster Form einleuchtet), ich bin aber unendlich dankbar dafür und ich persönlich fühle mich verpflichtet, einen Teil dieser Privilegien zu teilen oder weiterzugeben.

Ich glaube nicht an eine göttliche Ordnung oder ein Moralprinzip der «ausgleichenden Gerechtigkeit», die einer übernatürlichen Kraft zugrunde liegt – ich glaube aber an eine menschgemachte ausgleichende Gerechtigkeit. Sei sie materiell oder halt – auch wenn das abgedroschen klingt – mit Liebe, Freundlichkeit und Frieden mit sich selbst (zuerst) und seinen Mitmenschen (automatische Folge).  

Ich lebe mit dieser Einstellung sehr gut. Ich habe es mit den meisten Menschen prima, seien sie gläubig oder nicht. Ich lasse jedem seine Einstellung, solange sie niemanden schädigt. Meine Gefühle gegenüber institutionalisierter Religion sind hingegen gänzlich andere, aber die sollen hier nicht Thema sein.  

Dieser Text soll die anfangs erwähnten Gefühle der Sinnlosigkeit behandeln. Diese sind auch bei meinen agnostischen/atheistischen Freunden immer wieder Thema.  

Ich bin der Überzeugung, dass nach dem Tod das Bewusstsein endgültig erlischt. Also auch das Arsenal an gesammelten Erfahrungen, Gefühlen etc. Deshalb schleicht sich ab und an die Frage in meinen Hinterkopf: Was mache ich hier eigentlich? Das ist, wie wenn ich ein wunderschönes Bild an eine Wandtafel male, es am Abend jedoch weggeputzt wird – vielleicht erinnert sich der eine oder die andere noch ein paar Tage daran, dann gerät es aber für immer in Vergessenheit. In solchen Momenten erlebe ich mich als Staubkorn im Universum beziehungsweise als Fünkchen in der Timeline der Menschheit und diese Gefühle können sehr überwältigend sein. Das sind die Momente, in denen ich mir ein kleines bisschen Glauben an einen Plan oder eine Reinkarnation oder ein Paradies wünsche.  

Seien Sie nicht besorgt, liebe/r LeserIn, ich bin in keinster Weise suizidal oder ähnliches. Dies sind rein philosophische Überlegungen mit dem Ziel, Gedanken und Diskussionen anzuregen.  

Spannenderweise entspringt diesen Gedanken der Nichtigkeit, wenn ich sie denn rechtzeitig rationalisieren und vielleicht ein bisschen verdrängen kann, oft ein massiver Lebenshunger. Ja, vielleicht haben wir nur dieses eine Leben, aber dann ist das halt so, und wenn wir schon da sind, können wir’s ja so bunt machen, wie es geht, nicht?

Ich glaube, manchmal ist es gut, sich seiner Nichtigkeit bewusst zu werden. Wir sind nicht so verdammt wichtig, wie wir immer glauben. Wir sind vielleicht nur ein Fünkchen im Holozän und das ist in Ordnung. Wir kommen und gehen. Wir haben diesen einen Ritt auf dieser Achterbahn und dann war’s das.  

Die Grundfrage, die den Menschen seit jeher begleitet, ist diejenige nach Sinn. Der sagenumwobene «Sinn des Lebens». Glaube ich an sowas? Ich weiss es nicht. Vielleicht gibt’s keinen Sinn, zumindest keinen vorprogrammierten, den wir «Wo ist Walter»-artig unser Leben lang in dem ganzen Chaos hier entdecken müssen.  

Aber wir können ihn uns selber basteln, denn Sinnstiftung gibt es. In diesem einen Leben. Einfach für uns und nicht für die Ewigkeit. Für mich zumindest. Allem voran Kinder. Sie sind es, die unseren Fokus von der zermürbenden – und heute auch etwas übertriebenen (und ja, damit meine ich auch mich) – Auseinandersetzung mit uns selbst weg lenken.

Liebe ist auch Sinnstiftung. Liebe fühlen, Liebe geben und Liebe machen. Wenn wir schon mal da sind.  

Und dann ist da noch die Freude. Freude um der Freude Willen. Schöne Sachen anschauen, die Welt sehen, Dinge lernen, Geschenke machen, Menschen helfen, Tiere streicheln, nackt schwimmen gehen, auf Berge steigen, Gummitwist spielen.  

Wir kommen. Wir leben. Wir gehen wieder. Das ist okay. Unser Leben ist nur ein Bindestrich auf einem Grabstein.

Machen wir also aus unserem nichtigen Fünkchen unser kleines Feuerwerk. Denn wenn mein Wandtafelkunstwerk am (Lebens-) Abend eh wieder weggewischt wird, dann soll es wenigstens so bunt wie möglich sein.

Yonni Meyer
Yonni Meyer (34) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 

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