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«Ihr BÜNZLIS!»– Sind die Rebellen die neuen Spiesser?

Bild: shutterstock



Ich habe jetzt einen Schrebergarten. Und ich liebe ihn. Dort jäte ich und pflanze ich, dort bin ich der Natur am nächsten und ich finde in diesem kleinen «Pflanzblätz» den besten Ausgleich, den ich mir vorstellen kann.  

Noch immer haftet Schrebergärten und deren Besitzern der Ruf des Bünzlitums an. Und es stimmt: Nebst den portugiesisch-schweizerisch-spanisch-italienischen Partys, wo es doch oft sehr unspiessig zu- und hergeht, und der ganz generell sehr ausgeprägten Herzlichkeit, schaut man gerne da und dort über die heckenlosen Grenzen (das ist übrigens obligatorisch, die Grundstückchen müssen einsehbar sein) in Nachbars Garten und diskutiert, warum diese junge Frau XY nun schon wieder drei Wochen nicht da war. Das tun die Spanier und Portugiesen und Italiener und Schweizer übrigens gleichermassen.  

Bünzlis. Oder Spiesser. Wikipedia definiert sie als «engstirnige Personen, die sich durch geistige Unbeweglichkeit, ausgeprägte Konformität mit gesellschaftlichen Normen und Abneigung gegen Veränderungen der gewohnten Lebensumgebung auszeichnen». Sie sind im Moment immer wieder Thema in den Kolumnen dieser Nation – heute auch in dieser. Der Tenor ist: Die Jungen sind die neuen Spiesser. Sie verbringen ihre Wochenenden lieber bei Muttern im Garten als auf LSD am See, sie bauen Häuschen statt Luftschlösser, aber das auch erst, wenn sie mit 35 einmal von zuhause ausgezogen sind.  

Früher sei man noch wild gewesen, man sei ausgebrochen, heisst es oft. Hat was: Mein Vater und seine Schwester blätzten einst als Teenager mit dem Velosolex von hier nach London. Meine Eltern fuhren mit einem Fiat 500 von Zürich nach Teheran. Die Geschichten sind endlos. Ich tat, abgesehen von ein paar Rucksackreisen, nichts Vergleichbares.  

Heute sei man verweichlicht und spiessig und langweilig, heisst es denn auch in den Aufsätzen zum Revolutionspotenzial der «heutigen Jugend», beziehungsweise zum Mangel ebendessen.  

Aber tun diese selbsternannten Rebellen damit nicht eigentlich dasselbe wie der Schrebergartenbesitzer, der in Nachbars Garten äugt? Zeichnen sie sich nicht aus durch «geistige Unbeweglichkeit» aus, indem sie gemässigtere Lebensweisen nicht akzeptieren? Lehnen sie sich nicht genauso ins Leben anderer Leute und glauben, dass es sie etwas anginge, welchen Lebensstil «die Jungen» leben?  

Revolution und Ausbrechen haben doch mit Freiheit zu tun, mit der Wahl eines alternativen Lebensstils, weil einem die Gesellschaft und/oder das System, in dem man lebt, nicht gefällt.

Das Gegenteil sagt denn auch die Definition des Bünzli aus: «ausgeprägte Konformität mit gesellschaftlichen Normen und Abneigung gegen Veränderungen der gewohnten Lebensumgebung». Was ist aber, wenn man mit dem momentanen Lebensstil zufrieden ist? Muss man zwingend ausbrechen? Oder kann man einfach das wählen, was man hat, weil man sich darin wohl fühlt? Und weiter: Wären die Revoluzzer vergangener Generationen auch ausgebrochen, wenn sie sich in ihrer Umwelt wohlgefühlt hätten?

Ist Auflehnung eine menschliche Pflicht? 

Jedenfalls ist «Frau XY hat aber schon lange ihre Blumen nicht mehr gegossen» doch letztendlich dasselbe wie «Der Sohn von Frau XY hat aber schon lange nicht mehr gekifft»: Der Anspruch, eine andere Generation möge sich ähnlich verhalten wie die eigene.  

In meinen Augen ist Spiessigkeit nämlich auch das: Anderen ein Lebensmodell aufzudrücken – sei es ein braves oder ein wildes – und sie ihr Leben nicht in der Weise leben zu lassen, wie sie sich das vorstellen.  

Genauso, wie die Emanzipation der Frau nicht bedeutet, dass wir alle Führungspositionen anstreben müssen, sondern dass wir die Freiheit haben, frei zu wählen, welchen Weg wir einschlagen wollen, ist die Freiheit vom Spiessertum doch eigentlich nicht zwingend die Rebellion, sondern die Selbstbestimmung und die freie Wahl eines Lebensmodells, sei es ein gemässigtes oder ein stürmisches.

Yonnihof Yonni Meyer

Yonni Meyer

Yonni Meyer (34) ist Psychologin und schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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18Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • 8004 Zürich 08.05.2016 13:57
    Highlight Highlight Dein Beitrag bringt zwischen den Zeilen etwas ganz gut auf den Punkt: Die Angst eines Jeden, vielleicht ein Bünzli zu sein. Und Du befindest Dich auf der ersten Etappe hin zur Akzeptanz, dass Du womöglich ein Bünzli sein könntest: „Ich nicht, aber die anderen auch.“
    Und hoch- und umzurechnen, auf welche Art und Weise „die anderen“ doch selber Bünzlis seien und sich dabei noch einer exakten Definition zu bedienen, erfordert in der Tat über ein gewisses spiesserisches Potenzial, seien wir ehrlich.
    Das kann man doch nicht so persönlich nehmen. Ich glaube, „denen“ sind „wir“ grösstenteils...
    • 8004 Zürich 08.05.2016 14:03
      Highlight Highlight …völlig egal. Dass Gewisse nicht anders können, als auch mal den Standpunkt klar zu machen, angesichts der „heutigen Rebellchen“ und vor dem Hintergrund, dass man selber nur noch als alter Sack wahrgenommen wird, sei verziehen. So läuft’s doch auch anderswo: Man hört und liest oft davon, wie sich Feministinnen von früher durchaus über das Gebaren von heutigen Pop-Feministinnen amüsieren können, auch wenn sie grundsätzlich hinter derselben Sache stehen und auch gut finden, was die die heutigen Generation macht, aber auch bedauern, dass die Verdienste der eigenen Generation zu wenig gewürdigt...
    • 8004 Zürich 08.05.2016 14:04
      Highlight Highlight …wird – weil man heute nicht mehr weiss, „wie das damals war“. Und das darf man dann auch mal sagen.

      Aus psychologischer Sicht ist es natürlich dürftig, die Gesellschaft in Bünzlis und Nicht-Bünzlis zu unterteilen (und v.a. auch: Warum?). Bei jemandem, der immer und um jeden Preis anders sein muss, ist es vollkommen egal, ob er (deswegen) ein Bünzli ist – so jemand hat eine Neurose und braucht womöglich Unterstützung und keine Bewertung.

      Liebe Yoni, wenn Du für Dich entschieden hast, wie Du leben willst, dann ist das gut so. Und wenn andere das bünzlig finden, dann bist Du evtl. wirklich...
    • 8004 Zürich 08.05.2016 14:05
      Highlight Highlight …ein Bünzli, ABER das ist dann immer noch saugut so. Weil es Deine Sache ist. Nur zier‘ Dich nicht so, sondern sei stolz auf Dein für Dich schönes Leben. Auf Begriffe wie „brav“ oder „gemässigt“ auszuweichen wirkt etwas verzweifelt…
      Ausserdem ist sogar das Bünzli-Sein extrem relativ: Z.B. für meine Schwestern bin ich ganz sicher kein Bünzli, für den einen oder anderen in meinem Umfeld bestimmt doch. Meiner Freundin wäre es durchaus recht, wenn ich etwas bünzliger wäre. Für meinen 6-Jährigen bin ich der Grösste, meine 12-Jährige findet mich immer peinlicher, obwohl wir uns prima verstehen. ..
    Weitere Antworten anzeigen
  • Bruno Wüthrich 07.05.2016 13:06
    Highlight Highlight Die Wilden von damals sind heute längst nicht mehr alle wild. Aber sie erinnern sich noch gut an ihre wilde Zeit. Das ist für sie der Punkt. Denn sie denken, dass die heute nicht mehr so wilden Jungen später wenig haben, an das es sich zu erinnern lohnt.

    Was wir nicht wissen: Sind eventuell die «zahmen» Jungen von heute die wilden Alten von morgen?
    • Spooky 08.05.2016 01:45
      Highlight Highlight Hehe! Genialer Gedanke!
  • Zeit_Genosse 05.05.2016 20:42
    Highlight Highlight Viele junge Wilde wurden mit dem Alter gemässigter. Beginnt man schon gemässigt, ...
  • Spooky 05.05.2016 16:44
    Highlight Highlight Sehr guter Artikel, finde ich. Mir kam dabei spontan "Der Steppenwolf" von Hermann Hesse in den Sinn, weil dieses Thema dort auch beschrieben wird, einfach auf eine andere Art. Aber von diesem Dichter habt ihr jungen Leute halt noch nie gehört, ist mir schon klar.
    • Tsunami90 05.05.2016 18:10
      Highlight Highlight Doch habe ich!
    • Spooky 05.05.2016 22:59
      Highlight Highlight @Tsunami90, Chapeau!
  • DoMeBE19 05.05.2016 15:30
    Highlight Highlight Sehr schön geschrieben😇
  • Luca Brasi 05.05.2016 14:29
    Highlight Highlight Kurzum: Eine Spiesserin, die alles versucht, um nicht Spiesserin genannt zu werden. Ist doch nicht schlimm ein Spiesser zu sein, Frau Meyer.
    So ich flechte mir jetzt ein Floss und fische im Pazifik und habe danach noch "bewusstseinserweiternde" Meditationsübungen auf dem Programm. Square! :D
    • Yonni Meyer 05.05.2016 16:01
      Highlight Highlight Bünzli ist nur einer meiner vielen wunderbaren inneren Werte. Ich habe null Probleme damit, wenn man mich so bezeichnet, man hat damit ja teilweise durchaus Recht.

      Und denken Sie daran: ein richtig gutes Hippiefloss ist es nur dann, wenn es von den eigenen Rückenhaaren zusammengehalten wird.
    • Luca Brasi 05.05.2016 17:29
      Highlight Highlight Davon habe ich mehr als genug. :P
  • AdiB 05.05.2016 13:52
    Highlight Highlight @yonni ich glaube die wilden und ungedachten dinge sehen die leute heute als versagen.
    das bemerkte ich in letzter zeit bei vielen meiner bekannten. jeder reise, jeder ausgang alles muss durchplant und perfekt organisiert sein.
    die gesellschaft will uns perfektion erzwingen, doch exestiert perfektion nach deren difinition nicht. nicht in der natur oder sonst wo.
    ein mensch der spontan raus geht, spontan das lockal wählt gilt schon als, härt gesagt versager.
    auch sind immer weniger menschen für spontane ausflüge bereit.
    der traum nach perfektion lässt und umnenschlich werden.
  • rodolofo 05.05.2016 12:41
    Highlight Highlight Als Schrebergärtner war ich damals alles andere, als spiessig! Tolerant liess ich alles mögliche wachsen.
    So hatte ich zwar kümmerliche Nutzpflanzen, dafür aber einen wirksamen Errosionsschutz!
    Mein Nachbar zur rechten war davon alles andere als begeistert.
    Bei ihm war immer alles tadellos sauber gejätet.
    Dafür musste er einmal im Jahr mit einer Garette die vom Regen runter geschwemmte Erde wieder nach oben schaffen.
    Einmal sagte er zu mir: "Man sollte die Püntiker, welche nicht, oder nur wenig jäten, zusammenlegen."
    Bald darauf erhielt ich von der Stadt einen Verweis mit Kündigungsdrohung.
    • Lichtblau 05.05.2016 18:27
      Highlight Highlight Wir hatten auch mal so eine Oase, auf drei Etagen, an eine mittelalterliche Wehrmauer angelehnt. Allerdings eindeutig mehr Lust- als Nutzgarten und Schauplatz nicht weniger denkwürdiger Familienpartys. Das vielfotografierte Idyll war von einer üppigen grünen Hecke umgeben. Eben diese Hecke wurde von den Bünzlis moniert - warum eigentlich? Bitterböse Neophyten? Nicht Einheimische? Wir gaben das arbeitsintensive Teil auf. Heute bietet der heckenlose Garten einen eher tristen Anblick, aber er ist regelkonform.

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