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Yonnihof

«Ihr BÜNZLIS!»– Sind die Rebellen die neuen Spiesser?

Bild: shutterstock
05.05.2016, 12:2605.05.2016, 17:57

Ich habe jetzt einen Schrebergarten. Und ich liebe ihn. Dort jäte ich und pflanze ich, dort bin ich der Natur am nächsten und ich finde in diesem kleinen «Pflanzblätz» den besten Ausgleich, den ich mir vorstellen kann.  

Noch immer haftet Schrebergärten und deren Besitzern der Ruf des Bünzlitums an. Und es stimmt: Nebst den portugiesisch-schweizerisch-spanisch-italienischen Partys, wo es doch oft sehr unspiessig zu- und hergeht, und der ganz generell sehr ausgeprägten Herzlichkeit, schaut man gerne da und dort über die heckenlosen Grenzen (das ist übrigens obligatorisch, die Grundstückchen müssen einsehbar sein) in Nachbars Garten und diskutiert, warum diese junge Frau XY nun schon wieder drei Wochen nicht da war. Das tun die Spanier und Portugiesen und Italiener und Schweizer übrigens gleichermassen.  

Bünzlis. Oder Spiesser. Wikipedia definiert sie als «engstirnige Personen, die sich durch geistige Unbeweglichkeit, ausgeprägte Konformität mit gesellschaftlichen Normen und Abneigung gegen Veränderungen der gewohnten Lebensumgebung auszeichnen». Sie sind im Moment immer wieder Thema in den Kolumnen dieser Nation – heute auch in dieser. Der Tenor ist: Die Jungen sind die neuen Spiesser. Sie verbringen ihre Wochenenden lieber bei Muttern im Garten als auf LSD am See, sie bauen Häuschen statt Luftschlösser, aber das auch erst, wenn sie mit 35 einmal von zuhause ausgezogen sind.  

Früher sei man noch wild gewesen, man sei ausgebrochen, heisst es oft. Hat was: Mein Vater und seine Schwester blätzten einst als Teenager mit dem Velosolex von hier nach London. Meine Eltern fuhren mit einem Fiat 500 von Zürich nach Teheran. Die Geschichten sind endlos. Ich tat, abgesehen von ein paar Rucksackreisen, nichts Vergleichbares.  

Heute sei man verweichlicht und spiessig und langweilig, heisst es denn auch in den Aufsätzen zum Revolutionspotenzial der «heutigen Jugend», beziehungsweise zum Mangel ebendessen.  

Aber tun diese selbsternannten Rebellen damit nicht eigentlich dasselbe wie der Schrebergartenbesitzer, der in Nachbars Garten äugt? Zeichnen sie sich nicht aus durch «geistige Unbeweglichkeit» aus, indem sie gemässigtere Lebensweisen nicht akzeptieren? Lehnen sie sich nicht genauso ins Leben anderer Leute und glauben, dass es sie etwas anginge, welchen Lebensstil «die Jungen» leben?  

Revolution und Ausbrechen haben doch mit Freiheit zu tun, mit der Wahl eines alternativen Lebensstils, weil einem die Gesellschaft und/oder das System, in dem man lebt, nicht gefällt.

Das Gegenteil sagt denn auch die Definition des Bünzli aus: «ausgeprägte Konformität mit gesellschaftlichen Normen und Abneigung gegen Veränderungen der gewohnten Lebensumgebung». Was ist aber, wenn man mit dem momentanen Lebensstil zufrieden ist? Muss man zwingend ausbrechen? Oder kann man einfach das wählen, was man hat, weil man sich darin wohl fühlt? Und weiter: Wären die Revoluzzer vergangener Generationen auch ausgebrochen, wenn sie sich in ihrer Umwelt wohlgefühlt hätten?

Ist Auflehnung eine menschliche Pflicht? 

Jedenfalls ist «Frau XY hat aber schon lange ihre Blumen nicht mehr gegossen» doch letztendlich dasselbe wie «Der Sohn von Frau XY hat aber schon lange nicht mehr gekifft»: Der Anspruch, eine andere Generation möge sich ähnlich verhalten wie die eigene.  

In meinen Augen ist Spiessigkeit nämlich auch das: Anderen ein Lebensmodell aufzudrücken – sei es ein braves oder ein wildes – und sie ihr Leben nicht in der Weise leben zu lassen, wie sie sich das vorstellen.  

Genauso, wie die Emanzipation der Frau nicht bedeutet, dass wir alle Führungspositionen anstreben müssen, sondern dass wir die Freiheit haben, frei zu wählen, welchen Weg wir einschlagen wollen, ist die Freiheit vom Spiessertum doch eigentlich nicht zwingend die Rebellion, sondern die Selbstbestimmung und die freie Wahl eines Lebensmodells, sei es ein gemässigtes oder ein stürmisches.

Yonni Meyer
Yonni Meyer (34) ist Psychologin und schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 

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