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Yonnihof

«Wieder mal nur für Frauen!»

Die bescheuertste Werbung der Neuzeit.
10.06.2015, 13:4714.06.2015, 16:33

Werbung. Eines der grossen Ärgernisse der heutigen Zeit. Wo man hingeht: Plakate, Pop-ups, Fernsehspots. Auch hier in dieser Kolumne. Niemand mag sie, aber es braucht sie. Sie bezahlt hier unter anderem meinen Lohn. 

Wenn sie denn wenigstens unterhaltsam wäre. Aber nein. Einmal im Jahr gibt’s eine wirklich gute, deutschsprachige Werbung, das war’s dann aber oft auch. Ich bin zum Beispiel grosser Fan der aktuellen seatsforswitzerland-Kampagne von SWISS, weil man zwar weiss, dass es sich um Werbung handelt, sie jedoch schön und hochqualitativ verpackt ist und einen berührt. 

Ansonsten fällt wirklich gelungene Werbung hierzulande eher rar aus. Man versucht, lustig zu sein, es klappt aber oft nicht ganz. Zum Beispiel bedienen sich viele Firmen in letzter Zeit der Animationstechnik. Sehr gut. Nur, nachdem die Salatsaucenflasche dann zum Leben erwacht ist und mit dem Rettich flirtet, reicht das einfach noch nicht aus, um Menschen zu unterhalten, die älter sind als vier. Wo bleibt die Pointe?

Man muss diesen Werbungen jedoch zugestehen, dass sie wenigstens versuchen, zu amüsieren. Was ich noch viel schlimmer finde, sind Werbungen für Schönheitsprodukte – und die sind ja dann international. Da erscheint z.B. ein Model, das eine Schnute zieht und das eine Frisur hat, als hätten seit dem Frühling Vögel drin genistet und eine junge, so uu fest peppige Frauenstimme fragt, ob man auch genug habe von stumpfem, kräuseligem Haar? 

Natürlich haben wir das! Nieder mit stumpfem, kräuseligem Haar! Aber was sollen wir bloss tun, liebe Werbung? 

Es folgt eine Hochglanzanimation davon, wie irgendeine güldene, glänzende Flüssigkeit ins ausgetrocknete, brüchige Haar eindringt und es von innen heraus zu einer Einhornzauberlocke verwandelt. WOW! Die Substanz, die da diese magische Haarpolitur vollzieht, nennt sich meist Hyaluronkeratinbrillanzelixier. Am Schluss des Spots erscheint erneut das Model, das mittlerweile uu fest strahlt, genauso wie die ge-fotoshoppten, mit Extensions aufgefüllten Haare, die einen beinahe erblinden lassen vor Glanz. 

Das Gleiche ist’s mit Gesichtscremes. Gestresste, abgespannte Frau, die sich durch ihren mit einem grauen Filter überlegten Alltag kämpft. Animation, wie Q10-Megahydroxonliquid in die verbröckelte Haut eindringt und diese in die Gesässhaut der Kindlichen Kaiserin aus der Unendlichen Geschichte verwandelt. Frau liegt plötzlich im Röckli auf der Wiese und sieht aus wie ein Smiley auf MDMA. 

Jeder halbwegs intelligente Mensch versteht, dass das alles so nicht funktioniert – die Werbung verlässt sich jedoch auf das Prinzip der Mere Exposure, ein psychologisches Phänomen, welches besagt, dass man etwas, das man immer wieder sieht, automatisch als positiv abspeichert. Ausserdem funktioniert da auch die simple Wiedererkennung. Steht man vor dem Regal mit den Gesichtscremes, erkennt man die mit der glücklichen Röckli-Frau halt wieder und ist eher dazu verleitet, sie zu kaufen, auch wenn sie etwas teurer ist als No-Name-Produkte. Man will halt dann vielleicht doch ein bisschen MDMA für den Alltag. 

Den Vogel abgeschossen hat nun aber die aktuelle Werbung für Gynofit Vaginalgels. Ja, dafür gibt’s Werbung. Eine sehr gepflegte Dame im weissen Kittel erscheint da auf dem Bildschirm und berichtet ganz verständnisvoll, dass 70 Prozent von «uns Frauen» regelmässig an Jucken, Brennen oder Trockenheit im Vaginalbereich leiden würden. Aha. Ist das eventuell etwas tmi? Too much information? 

Verstehen Sie mich nicht falsch, liebe Leserin, lieber Leser, an und für sich finde ich es gut, dass man solche Dinge nicht tabuisiert. 

Kürzlich fand der «Blick» ja auf einem Bild von Frieda Hodels Kühlschrank die Verpackung eines Mittels gegen Scheidenpilz/zum Aufbau der Vaginalflora und fragte im Anschluss, ob die ehemalige Bachelorette wohl ein «Problem mit ihrem Rösli habe» und bezeichnete den Besitz eines solchen Mittels als peinlich. Die Person, die diesen Bericht verfasst hatte, vergriff sich also nicht nur übel in ihrer Wortwahl, sondern war auch komplett fehlinformiert, was die Ursachen von Scheidenpilz angeht, die nämlich praktisch nie «peinlich» sind, weil sie von der Frau schlicht nicht beeinflusst werden können. 

Offenbar besteht in diesem Bereich also weiterhin Aufklärungsbedarf und man muss gewissen Herren noch beibringen, dass Mädchen auf dem WC nicht Schmetterlinge und Regenbögen machen. Hier übrigens ein beherztes High 5 an alle Männer, die das bereits kapiert haben und damit entspannt umgehen.  

Nun aber zurück zu Gynofit. Das Schlimme am Spot ist nicht, dass die Vaginalflora der Frau im Fernsehen thematisiert wird, sondern dass sich ganz am Ende – nachdem die sterile Pharmadame gesagt hat, Gynofit sei «für Frauen, von Frauen» – ein junger Mann, seinerseits ebenfalls im weissen Kittel, zu ihr gesellt und anfügt: «Wieder mal nur für Frauen». Und das in einem schwer beleidigten Ton. 

Ich verstehe ihn selbstverständlich. Wer will schon nicht, dass es ihn/sie zwischen den Beinen juckt und brennt und er/sie sich etwas da hinschmieren muss, was «Milchsäuregel» heisst, damit kein Pilz wächst. Ich verstehe auch den Neid der Männer auf BHs, Unterleibskrämpfe und Tampons, genauso, wie wir sie um ihre Glatzen-Anfälligkeit und ihre Prostatabeschwerden beneiden. 

Was. Für. Ein. Blödsinn. 

Aber, wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich zugeben: Falls ich untenrum mal ein bisschen Pflege brauche, kaufe ich wohl Gynofit – wer solche Werbung macht und trotzdem als Marke noch existiert, kann so schlecht nicht sein. Mission accomplished. Bravo, Gynofit. 

Wieder mal nur für Frauen! Der Gynofit-Spot.
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Yonni Meyer
Yonni Meyer schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen –direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 

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