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Yonnihof

«Der süsse Klang ihrer Schreie, wenn ich sie in den Ofen schiebe»

Bild: shutterstock
Der Fall von Gilberto Valle liess mich mit Fragen zurück: Gedankenfreiheit oder Schutz der Bevölkerung? Und: Was tut man mit Menschen mit devianten sexuellen oder Gewaltfantasien, die (noch) nicht ausgelebt wurden?
02.01.2017, 15:2403.01.2017, 06:51

Achte auf deine Gedanken, denn sie werden zu Worten.
Achte auf deine Worte, denn sie werden zu Taten.
Achte auf deine Taten, denn sie werden zu Gewohnheiten.
Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden zu deinem Charakter.  

«Thought crimes», zu Deutsch «Gedankenverbrechen» sind lediglich ein theoretisches juristisches Konstrukt (bis auf die Ausnahmefälle Südkorea und Japan bis 1945), bei dem der blosse Gedanke an oder der Wunsch nach einem Verbrechen selbst zu einem Verbrechen erklärt werden könnte. Es wäre also eine Verurteilung ohne Nachweis einer bestimmten Handlung möglich, was dem Menschenrecht auf Gedankenfreiheit widerspräche und mit einem Rechtsstaat nicht vereinbar wäre. Besondere Bekanntheit erlangte der Begriff durch George Orwells «1984».

Spannend ist der Ansatz allemal und ich wollte ihn hier einmal durchdenken – ich hoffe auf eine rege Diskussion danach, weiss ich doch selber noch nicht, was ich davon halten soll.  

Auf das Konstrukt der «Gedankenverbrechen» aufmerksam wurde ich durch den Fall von Gilberto Valle.  

Gilberto Valle (*1984) war Polizist in New York. Im Oktober 2012 wurde er verhaftet, nachdem seine Frau auf seinem Computer Chat-Protokolle gefunden hatte, in denen Valle mit anderen Usern des «Dark Fetish Net», hauptsächlich einem Amerikaner, einem Briten und einem Pakistani, ausgiebig darüber fantasiert hatte, sie (seine Frau) und bis zu 100 andere Frauen zu kidnappen, zu quälen, zu kochen und zu essen.  

Es fielen Sätze wie:  

«Ich will ihre Brüste abschneiden.»  

«Ich möchte ein Mädchen schlachten und ihr Fleisch zubereiten.»  

«Ich möchte sie an einen Metallrahmen binden und sie rösten, bis sie stirbt.»  

«Sie hat viel Fleisch an ihrem Gesäss, ihren Oberschenkeln und ihren Waden. Ich würde sie gerne an ihren Füssen kopfüber aufhängen und ihre Kehle aufschlitzen. Das Kochen wäre dann mehr zu meinem Amüsement und ihrer Qual. Ich möchte, dass sie so sehr leidet wie nur irgend möglich. Die Vergewaltigung wird noch das Einfachste für sie sein.» (Valle über seine Frau Kathleen)  

«Ich will ihren Kopf in der Badewanne abschneiden.»  

«Ich will sie wie einen Truthahn zusammenbinden und in den Ofen schieben, während sie noch lebt. Sobald sie tot ist, nehme ich sie wieder raus, zerlege sie und koche sie fertig.»  

«Ihr Kopf wird die Tischdeko sein, während wir den Rest von ihr essen. Ihr Gesicht mit dem finalen Ausdruck des Terrors und der Qual.»  

Wo Valle bei fast allen der Konversation auf Nachfrage seiner Chatpartner sagte, es handle sich nur um Fantasien, bestätigte er bei dreien, er meine es ernst und er habe lediglich Angst, geschnappt zu werden. 2012 griff er über 1000mal auf die Website zu, viele Male sogar über sein iPhone während der Arbeit.  

Valle schlug den anderen Männern konkrete Frauen als Opfer vor, die er kannte. Er besuchte diese Frauen (u.a. eine High School Freundin, «Mir lief das Wasser im Mund zusammen, als ich sie sah»), zum Teil mit seiner Frau und seinem Kind, und machte Fotos von ihnen, die er dann seinen Chatpartnern schickte. Er tätigte zudem Google-Suchen, wie man Chloroform herstellt oder wie man Menschenfleisch kocht und teilte seinen «Freunden» mit, er habe ein abgeschiedenes Häuschen in den Bergen, wo man eine Frau auch draussen auf dem Grill würde kochen können. Zudem habe er einen riesigen Ofen in seinem Keller, in welchem man ein Opfer als ganzes würde rösten können (was nicht stimmte, in seinem Keller befand sich die Waschküche für den ganzen Block). Ausserdem verhandelte er mit den Männern darüber, für wie viel Geld er ihnen die Frauen überlassen würde.  

Tatsächlich besorgt hatte er für all seine Pläne rein gar nichts. Kein Chloroform, kein Seil, kein Isolierband.  

Für seine Gedanken konnte Valle also nicht festgenommen werden, weil sie nicht in die Tat umgesetzt wurden. Er wurde wegen Verschwörung zum Kidnapping und wegen des unerlaubten Verwendens der Polizeidatenbank angeklagt, welche er verwendet hatte, um an Informationen einiger potentieller Opfer zu gelangen (die Daten schaute er jedoch nicht während der «Verschwörung» nach und er gab sie auch nicht an seine Chatpartner weiter).  

Er wurde beider Vorwürfe für schuldig befunden und es bestand die Wahrscheinlichkeit, dass er lebenslang hinter Gittern würde sitzen müssen. Nach 21 Monaten wurde einem Einspruch seiner Anwälte stattgegeben und die Verurteilung wegen Verschwörung zum Kidnapping wegen Mangels an Beweisen zurückgezogen. Nach vier Monaten Hausarrest wurde Valle auf freien Fuss gesetzt. Die Berufung des Staates dagegen läuft.  

Valle sagt, seine Dark Fetish-Tage seien vorbei. Er datet heute wieder.  

Wo sind die Grenzen von Gedankenfreiheit zu Verbrechen? Wenn man die devianten Gedanken aufschreibt? Wenn man sie teilt? Wenn man «hypothetisch» von der Umsetzung redet? Wenn man erste Schritte einleitet? Oder tatsächlich erst, wenn jemandem etwas passiert ist?  

Theoretisch kann jeder Mensch ein Seil kaufen, was theoretisch die Vorbereitung für einen bestialischen Mord sein könnte. Ausschlaggebend ist das Motiv.  

Für sexuell pathologisches Verhalten sei auch die heutige Herangehensweise an Sexualität verantwortlich, sagt Dr. David Greenfield vom Center for Internet and Technology Addiction. Seien wir einerseits doch komplett offen im Umgang mit Sex – die Medien berichten offen darüber, freie Liebe wird propagiert und Sex oft als Werkzeug in der Werbung verwendet –, andererseits würden sich viele Menschen, gerade wegen dieser Übersexualisierung, in ihrer Sexualität nicht sicher fühlen, vor allem wenn ihre Wünsche nicht der Norm entsprächen. Diese Gegensätze führen gemäss Greenfield zum Rückzug in dunkle Ecken, wie z.B. Dark Fetish-Communities online.  

Wir suchen uns nicht aus, was uns anturnt. Das sagt auch Chris Kraft von der Johns Hopkins Universität. Viele Leute fragen sich bei Fällen wie dem von Valle, was denn da «schief gelaufen sei». Missbrauch als Kind? Trauma? Man versucht, solche Extremfälle irgendwie zu erklären, doch wie gesagt: Wir können uns nicht aussuchen, worauf wir abfahren, so Kraft.  

Wir können uns aber aussuchen, wie wir mit einer solchen Prädisposition umgehen. Genau das ist auch der Unterschied von Pädophilie (Präferenz, nicht beeinflussbar) und Pädosexualität (Ausleben dieser Neigung). Dafür bräuchte es jedoch vielleicht einen offneren Umgang mit solchen Neigungen als biologische Tatsache – auch wenn das mit viel Angst verbunden ist (um unsere Kinder, um uns selbst). Unser heutiger Tenor ist eher: Was ich nicht weiss, macht mich nicht heiss. Fakt ist, es gibt viele Menschen mit deviantem Gedankengut, ob wir das wollen oder nicht. Sie haben sich das nicht ausgesucht und sie zu verteufeln drängt sie ins Dunkle, wo die Fantasien und eventuell auch deren Umsetzung Platz haben, um Gestalt anzunehmen.  

Valle schildert seine Zeit im Dark Fetish Net als Zeit, als er sich das erste Mal wirklich akzeptiert fühlte.  

Sollte ein Mann wie Valle frei sein? Oder war er uns schon zu nah am Abgrund, als dass wir riskieren wollen, dass er seine Fantasien einst in die Tat umsetzt? Ein Mann, der sagt: «Ich möchte Speckstreifen aus ihrem Bauch schneiden»? Gehen wir das Risiko ein, dass die Gedanken und der Austausch darüber irgendwann zu langweilig werden?  

Und was würde es für uns als Gesellschaft bedeuten, wenn wir Menschen, die stark deviante sexuelle oder Gewaltfantasien haben, präventiv wegsperren würden? Dürfen wir jemanden aus der Gesellschaft nehmen, nur weil wir denken, dass er eventuell einst einen Übergriff begeht? Weil wir nicht mögen/verstehen, was/wie er denkt? Weil er in unseren Augen unnormal ist? Weil wir Angst vor ihm haben, auch wenn er noch nie jemandem etwas getan hat?  

Beziehungsweise: Was tun wir, wenn wir ihn nicht wegsperren und es passiert etwas? Können wir damit umgehen?  

Gedankenfreiheit oder Schutz der Bevölkerung: Wo ist die Grenze?  

Achte auf deine Gedanken, denn sie werden zu deinen Taten?

Yonni Meyer
Yonni Meyer (34) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 

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