«Man wird als faul abgestempelt» – so stark leiden Übergewichtige unter Vorurteilen
Diese Aussagen haben die Meinungsforscher des Instituts Yougov im Auftrag des Migros-Gesundheitsplattform iMpuls und des dänischen Pharmakonzerns Novo Nordisk zusammengetragen. Novo Nordisk produziert mit Wegovy eine weltweit bekannte Abnehmspritze.
Die Ergebnisse der repräsentativen Umfrage bei 1000 normal- bis stark übergewichtigen Personen zeigen: Übergewichtige Menschen sehen sich in der Schweiz regelmässig mit Vorurteilen konfrontiert. Rund die Hälfte der Befragten, die selbst an Adipositas leiden, also einen BMI über 30 aufweisen, hat bereits persönliche Diskriminierung erlebt. Nimmt man die Befragten aller Gewichtsklassen in den Blick, wächst das Ausmass gar noch. Drei Viertel der Befragten berichteten, dass sie gewichtsbezogene Diskriminierung wahrgenommen hätten, entweder persönlich oder in ihrem Umfeld.
Gemäss der Studie erlebten Übergewichtige in fast allen Lebensbereichen Vorurteile, schreiben die Autorinnen und Autoren der Studie. Am häufigsten finden solche Äusserungen in der Öffentlichkeit statt, gefolgt vom Arbeitsplatz und dem Freundeskreis. In offenen Kommentaren, die Befragte zusätzlich erfassen konnten, wurde zudem besonders häufig das Schulumfeld als Brennpunkt erwähnt.
Junge Menschen sind besonders betroffen
Die Auswirkungen dieser Erlebnisse können für die Betroffenen einschneidend sein. 43 Prozent der übergewichtigen Personen gaben an, ihr Selbstvertrauen sei dadurch beeinträchtigt worden. Jüngere Erwachsene im Alter von 18 bis 29 Jahren berichteten besonders oft von gewichtsbezogenem Stress und Scham. Das kann die Motivation der Betroffenen schmälern, überhaupt etwas gegen ihr Übergewicht zu unternehmen oder sich Hilfe zu holen. Laut der Studie haben 85 Prozent der Befragten mit einem BMI über 30 bereits versucht, ihr Gewicht zu verringern. Viele berichten jedoch von begrenztem Erfolg.
«Die Stigmatisierung von Menschen, die mit Adipositas leben, ist keine blosse Nebenwirkung, sondern ein integraler Bestandteil der Gesundheitsbelastung», sagt Anne Mette Wiis Vogelsang, General Manager von Novo Nordisk Schweiz. «Sind wir bereit, in einer Gesellschaft zu leben, in der Kinder wegen Adipositas in der Schule gemobbt, Erwachsene am Arbeitsplatz diskriminiert werden und Betroffene sich beschuldigt fühlen, selbst wenn sie Hilfe suchen?», fragt sie.
Die Resultate der Studie zeigen, dass der Siegeszug der Abnehmspritzen die Vorurteile gegenüber übergewichtigen Menschen kaum reduziert hat. Im Gegenteil: Sie haben möglicherweise noch zugenommen. Denn mittlerweile können die Betroffenen nicht mehr geltend machen, sie hätten keine Optionen. Ganz nach dem Motto: «Warum bist du immer noch dick? Es gibt doch jetzt die Abnehmspritzen!» Gemäss Umfrage haben 15 Prozent der adipösen Befragten bereits zu medikamentösen Behandlungen gegriffen. Beliebter waren allerdings die Ernährungsumstellung, Diäten oder mehr Bewegung.
Das Engagement von Novo Nordisk erstaunt insofern, als dass Pharmakonzerne ansonsten kaum mit Präventionsarbeit oder Anti-Diskriminierungskampagnen auffallen. Schliesslich haben sie ein Interesse daran, ihre Medikamente zu verkaufen. Der dänische Pharmariese schert hier aus und betont, dass die Volkskrankheit Übergewicht nur ganzheitlich bekämpft werden könne. Da die Medikamente wie jene von Novo Nordisk oder Eli Lilly aktuell nur so lange wirken, wie sie auch eingenommen werden, müssen sich die Patienten längerfristig ohnehin mit einem Lebensstilwandel auseinandersetzen.
Um das zu schaffen, braucht es laut Migros und Novo Nordisk einerseits Informationsangebote, andererseits einen Abbau der Vorurteile. Gemäss den Befragten wären konkrete Ansatzpunkte etwa Sensibilisierung in Schulen oder Informationskampagnen für die Öffentlichkeit und am Arbeitsplatz.
