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Yonnihof

Maybe she's bored with it …

Man sollte mit Werbung im Privatfernsehen vieles tun, aber sie nicht auf ihre Logik untersuchen.



Yonnihof Yonni Meyer

Ich schaue recht wenig fern. Hauptsächlich deswegen, weil mich die ständige Werbung nervt. Natürlich könnte ich mir digitales Fernsehen zulegen – dafür schaue ich aber zu wenig fern. Ja, ich weiss, das ist ein Kreis der Widersprüchlichkeit, aber ich finde es schlussendlich eigentlich ganz okay, dass ich wenig fernsehe.  

Kürzlich aber lag ich leicht kränkelig zuhause und hatte gerade keine Serie, die ich hätte schauen können (auf «Game of Thrones» müssen wir ja wieder bis im März oder April warten, es ist der Horror), und so schaute ich fern. Und unweigerlich schaute ich mir auch Werbung an und nahm mir in der Folge vor, einzelne Spots auf ihre Logik zu untersuchen.    

Da steckte sich zum Beispiel eine Blondine ganz lasziv ein Stück Tiefkühlpizza zwischen die Beisser und lächelte dabei ihrem Gegenüber ein Lächeln entgegen, das ihm das Blut in tiefere Regionen entsandte. Tiefkühlpizza und Verführung, also ich weiss ja nicht. Wenn ich jeweils mit meinen Partnern Tiefkühlpizza ass, dann war das an den Abenden, an denen keine/r von beiden kochen wollte, man im Pischi und mit fettigen Haaren auf dem Couch rumgammelte und vier Tage später ein vertrocknetes Schinkenstückli in der Sofaritze fand, denn «wer braucht schon Teller». Sexy ist anders.  

Dann war da allen Ernstes Eva Longoria in einer Werbung für Katzenfutter. Wie zum Teufel kam diese Konstellation zustande? Die gute Eva absolviert im Spot eine Art sexy Gymnastik-Jazzdance-Übung, während ihre Katze ihr dabei zuschaut. Am Schluss: «My passion. My cat. My choice.» Aha. Ich blicke noch nicht ganz dahinter, was das soll. Ist die Wahl des Futters die Leidenschaft? Oder ist die Leidenschaft die Wahl der Katze? Sollen sich Katzenhalterinnen denken: «Ich kann mir zwar den Gucci-Fummel von Frau Longoria nicht leisten, aber zumindest kann ich meiner Katze denselben Food vorsetzen»? Oder bedient sich die Werbung einfacher Prinzipien wie: Longoria. Kenn ich. Sheba. Kenn ich auch. Und beim nächsten Einkauf greift man dann automatisch zum Sheba-Döschen, weil da eben sexy Jazzdance mit drin ist und nicht nur Fleisch und Sulzschlabber wie bei der Alternative, welche bloss die Hälfte kostet?  

Des Weiteren sind da auch immer wieder Werbespots, die mit Zahlen überzeugen möchten. «Alle elf Minuten verliebt sich jemand über Parship.» Klingt eigentlich vielversprechend. Was mir persönlich fehlt, ist die Info über den zweiten «jemand», den oder die es braucht, um denn auch glücklich in einer Beziehung zu sein. Jemand allein ist ja irgendwie eine/r zu wenig. Dass sich immer nur eine/r verliebt ist ja oft gerade der Ursprung, warum sich Menschen auf solchen Seiten anmelden, nicht? Parship glänzt dabei auch gleich noch mit wunderbaren Stereotypen. «Bei ihr war’s sein Humor, bei ihm ihr Lachen.» Daraus könnte man automatisch eine Oberflächlichkeit seitens der Männer ableiten, was nun weiss Gott nicht auf jeden Mann zutrifft.

Kleiner Exkurs einer ehemaligen Humorforscherin: Diese Aussage bestätigt jedoch etwas, was die Forschung im Bereich Partnerwahl immer wieder findet. Beide Geschlechter wollen eine/n PatnerIn mit «Sinn für Humor». Sie meint damit, dass er sie zum Lachen bringt, er meint, dass sie über seine Witze lacht (z.B. Bressler, Martin & Balshine, 2005). Eigentlich eine wunderbare Ergänzung also.

Dann sind da noch die immer wiederkehrenden Kosmetik-, Zahn- und Hautpflegeprodukt-Werbungen mit dem wunderbaren «Wirksamkeit klinisch getestet»-Satz zum Schluss. Aha. Was nützt mir aber der Test, wenn ich nicht weiss, was er ergeben hat? «Wir haben diese sensationelle Anti-Aging Creme getestet und Sie altern damit lediglich mickrige 365 Tage pro Jahr. Herzlichen Glückwunsch! Macht dann 57 Franken.»

Mein Favorit jedoch ist «Maybe she's born with it, maybe it's Maybelline.» Ja. Oder maybe sind es künstliche Wimpern in Dragqueen-Länge, die maybe mit Fotoshop auf ein zu einer Maske geglättetes Gesicht gepflanzt wurden. Aber maybe she's born with it. Ähä. Schon klar.

Im Fazit muss ich sagen: Ich finde Werbung noch immer fürchterlich und sehr oft unheimlich sinnfrei. Vielleicht geht's tatsächlich lediglich darum, den Kunden mittels «Mere Exposure»-Effekt dazu zu bringen, im Supermarkt nach dem Markenjoghurt zu greifen.

Ich habe einen ganzen Nachmittag hindurch jedoch keinen einzigen Spot gesehen, der mich zum Lachen gebracht oder mir Lust gemacht hätte, irgendein spezifisches Produkt zu kaufen.

Vielleicht bin ich ja einfach cooler als der Durchschnitt und falle nicht auf Werbung rein. Niemals. Und vielleicht tue ich mir ja doch mal digitales Fernsehen zu. Weil ich es mir wert bin. Oh, ich brauche noch Shampoo...

Yonni Meyer

Yonni Meyer (33) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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