«Jemand soll es tun»: Subtile Mordaufrufe gegen Trump werden zu Massenphänomen in USA
Ein 27-jähriger Influencer greift zum Handy, filmt sich selbst – und sagt einen Satz, der inzwischen millionenfach im Netz kursiert: «Somebody should … you know?» («Jemand sollte … du weisst schon?»). Mehr sagt er nicht. Doch seine Botschaft ist für sein Internetpublikum klar verständlich. Das Video verbreitet sich rasant auf Tiktok und Instagram und erreicht Millionen von Aufrufen.
Dieses Beispiel, das eine Reportage der «Washington Post» an den Anfang stellt, steht sinnbildlich für einen beunruhigenden Trend in den USA. Unter dem Meme «Somebody should do it» kursieren in sozialen Medien bewusst vage formulierte Aussagen, die auf Gewalt gegen den amtierenden Präsidenten Donald Trump anspielen. Der Attentatsaufruf wird aber nie explizit ausgesprochen.
Gerade diese Mehrdeutigkeit macht die Gefahr der Beiträge aus: Sie funktionieren als Insiderwitz für Eingeweihte, während sich die Urheber jederzeit darauf berufen können, nichts Konkretes gemeint zu haben. Die US-Influencerin Taylor Lorenz bezeichnet die Welle «nicht als irgendeinen absurden Online-Trend, sondern etwas, das viel, viel tiefer geht».
Die Reichweite solcher Inhalte ist enorm. Einzelne Videos erzielen Millionen Klicks, tausende Kommentare bestätigen, dass die implizite Botschaft verstanden wird. Was früher auf Randbereiche des Internets beschränkt war, hat sich laut Experten in den Mainstream verschoben.
Selbst Prominente scheuen vor einer Teilnahme nicht zurück. Vergangenen Mittwoch postete «Star Wars»-Legende Mark Hamill auf Bluesky einen im offenen Grab liegenden Donald Trump unter der Inschrift «If Only» («Wäre doch nur») und den Lebensdaten «1946–2024». Im Begleittext schrieb der Darsteller von Luke Skywalker, der US-Präsident solle aber lange genug am Leben bleiben, um «die Folgen seiner verheerenden Politik am eigenen Leibe mitzuerleben».
Laut der Nachrichtenagentur Reuters nannte das Weisse Haus in der Folge Hamill «ein einzelnes krankes Individuum». Inzwischen hat der 74-jährige Hollywood-Schauspieler das Bild wieder gelöscht.
Frust und Ohnmacht gegenüber Trumps Politik
Forschende warnen, dass die ständige Wiederholung solcher Andeutungen eine schleichende Normalisierung politischer Gewalt begünstigen könnte – insbesondere bei Menschen, die sich ohnehin in einer psychischen Ausnahmesituation befinden.
Die Motive der Urheber sind unterschiedlich. Viele beschreiben ihre Posts als Ventil für Frust und Ohnmacht gegenüber der Politik Trumps. Sie betonen, keine echte Gewalt zu fordern. Doch die Grenzen sind fliessend: Einzelne geben offen zu, sie würden einen Anschlag begrüssen, andere kokettieren mit finanzieller Unterstützung für einen Täter; stets begleitet von der Versicherung, es handle sich nur um «Scherz» oder Übertreibung.
Ein Kommentar im Magazin «Political Affairs» interpretiert den Trend als Ausdruck politischer Verzweiflung, aber auch als strategischen Fehler. Die ironischen Gewaltfantasien seien letztlich «nutzlose Politik», die mehr Emotion als Wirkung erzeuge. Wer die aggressive Rhetorik seines Gegners imitiere, verliere moralische Glaubwürdigkeit und liefere diesem zusätzliche Argumente, um die politischen Freiheiten einzuschränken.
Zugleich verweist der Kommentar darauf, dass Trump selbst zur Verrohung der politischen Sprache beigetragen habe: etwa durch frühere Aufrufe zu Gewalt gegen Andersgesinnte oder seine Rolle im Umfeld des Kapitolsturms 2021. Doch gerade deshalb sei es gefährlich, diese Dynamik zu spiegeln.
Statt kurzfristiger emotionaler Entlastung brauche es langfristig wirksame politische Strategien. Sonst verschwimme die Grenze zwischen Frust, Provokation und impliziter Gewaltandrohung zunehmend – mit potenziell realen Folgen.
Bisher drei dokumentierte Attentatsversuche
Diese Sorge wird durch die tatsächlichen Attentatsversuche auf Trump verstärkt. Am 13. Juli 2024 schoss der damals 20-jährige Thomas Matthew Crooks bei einem Wahlkampfauftritt in Butler im Bundesstaat Pennsylvania mit einem halbautomatischen Gewehr aus erhöhter Position auf Trump. Eine Kugel streifte dessen rechtes Ohr. Ein Zuschauer wurde getötet, zwei weitere schwer verletzt, bevor Scharfschützen des Secret Service den Täter erschossen.
Nur zwei Monate später, am 15. September 2024, vereitelte der Secret Service einen weiteren Anschlagsversuch auf Trumps Golfplatz in West Palm Beach im Bundesstaat Florida. Der bewaffnete Täter Ryan Wesley Routh hatte sich mit einem Gewehr im Gebüsch nahe des Golfplatzes versteckt und offenbar stundenlang auf Trump gewartet. Ein Sicherheitsbeamter entdeckte ihn rechtzeitig und eröffnete das Feuer, worauf der Mann flüchtete und später festgenommen wurde.
Ein dritter Vorfall ereignete sich vor kurzem am 25. April 2026 während des traditionellen Dinners der White House Correspondents' Association in Washington. Laut mehreren Medienberichten versuchte ein bewaffneter Mann, die Sicherheitszone rund um das Hotel zu durchbrechen. Dabei kam es zum Schusswechsel mit dem Secret Service; Trump wurde unverletzt in Sicherheit gebracht. Der Täter verschickte zuvor ein Manifest, indem deutlich machte, dass er Trump und Teile seines Kabinetts als Ziel betrachtete. (aargauerzeitung.ch/con)

