Luisa hat die Schnauze voll. Die junge Anwaltsgehilfin packt ihre Koffer und flieht aus der stressigen und langweiligen Bürowelt. Bevor sie im ewigen Trott versinkt und zusehen muss, wie ihr Leben davonschwimmt, nimmt sie sich eine Auszeit in der Bergwelt.
Frische Luft in den Alpen von Österreich soll sie wieder mit Lebensenergie vollpumpen. Doch Luisa packt nicht nur ihre Wanderschuhe ein, sondern auch ein Schwert, das sie im idyllischen Dörfchen Hinterberg regelmässig benutzen wird.
Denn Hinterberg ist nicht nur ein beschauliches Örtchen, wo der Wanderlust nachgegangen werden darf, sondern auch ein Ort voller Magie, die erkundet werden möchte. Verwinkelte Dungeons voller Rätsel und Gefahren warten auf die junge Dame. Wird sie sich den Herausforderungen stellen und eine Heldin werden? Und welche Mysterien umgeben das Dörfchen und bringen uns immer wieder zum Staunen? Diese und noch viele weitere Fragen wollen beantwortet werden.
«Dungeons of Hinterberg» macht zu Beginn des Spiels eine narrativ gute Entscheidung: Statt mit grosser Vorgeschichte uns alles zu erklären, akzeptiert sich die Geschichte von Anfang an selbst. Dass in einem Bergdorf plötzlich Magie vorhanden ist und diverse Dungeons auf Freizeitkämpfer warten, ist nun mal so und wird auch nicht gross erklärt.
Die Bürgermeisterin gerät nicht etwa in Erklärungsnot, sondern geht die neuen Tatsachen gleich wirtschaftlich an. Sie lockt mit den neuen Attraktionen die Massen in ihr Dorf und sorgt so für einen Tourismusaufschwung. Auch die Bewohnenden scheinen nach dem Einzug der Magie nur mit den Schultern zu zucken. Dass unter der Oberfläche dann doch das eine oder andere rumort, wird erst im Verlaufe des Spiels ersichtlich. Doch das grosse Mysterium wird ohne Erklärungen vor die Füsse geworfen und katapultiert die Neugierde ganz weit nach oben.
Auf der spielerischen Ebene machen wir genau das, was wir bereits aus zahlreichen Action-Abenteuern und Rollenspielen kennen: Wir steigen in über zwanzig kurze und knackige Dungeons hinab, bekämpfen mit Schwert und magischen Fähigkeiten Monster aus alpenländlichen Sagen und lebendig gewordene Märchenfiguren und sammeln ganz viele Objekte ein.
Wir lösen mittels Köpfchen und unseren magischen Fähigkeiten, die sich immer mehr erweitern, Rätsel, um an das Levelende zu gelangen, wo ein schöner Bossgegner auf uns wartet. Unterwegs öffnen wir Schatztruhen, finden kleine Nischen, die uns etwas erzählen wollen, und treffen auf Menschen, die uns Geheimnisse anvertrauen und mit denen wir bei einem Wiedersehen eine Bindung aufbauen dürfen.
Vier verschiedene Gebiete wollen von uns entdeckt werden, die sich Luisa aber erst noch verdienen muss. Einfach wild und blind in jedes Gebiet zu wandern, ist zu Beginn nicht möglich. Gut Ding will da Weile haben und zuerst muss die Abenteurerin die Grundkenntnisse des Dungeonbusiness via Tourguide erlernen.
Auch das fleissige Sammeln von Hinterbonbons, die neu eingeführte Währung der Gegend, ist ratsam. Denn wer im Spiel immer weiter vorankommt und mit dem progressiven, aber stets fairen Schwierigkeitsgrad mithalten möchte, der braucht vielleicht mal eine neue Rüstung, ein frisches Schwert und Nahrung, die Energie liefert.
Wer gerade keine Lust auf Kampf und Konfrontation verspürt, der darf sich im Örtchen mit diversen Menschen unterhalten. Dabei erfährt man nicht nur relevante Hintergrundinfos, sondern kann auch richtige Freundschaften aufbauen, die nebst der emotionalen Bindung auch andere Vorteile offerieren.
Wir können dadurch unsere Gesundheit erhöhen, allgemein unsere Stärke ausbauen und bekommen Zugang zu gesperrten Arealen. Diese Beschäftigungen, die hauptsächlich abends nach dem Abenteuer unter Tage stattfinden, sind also keine simplen Nebenschauplätze, sondern ein ganz wichtiger Teil des Spiels.
«Dungeons of Hinterberg» besitzt ohne Zweifel einen eigenwilligen Look. Die Comic-Optik mag auf den ersten Blick nicht genügend Details an Figuren und Umgebung preisgeben, doch sie trägt die Erzählung optimal auf ihren Schultern und offenbart immer mehr eine Welt, die zwischen Fiktion und Wirklichkeit hin- und herpendelt. Ihre wahre Pracht entfaltet sie jeweils, wenn man die Herausforderungen einfach mal links liegen lässt und sich blind auf einen Wanderweg begibt, um die Natur und ihre Umgebung aufzusaugen.
Wenn Luisa auf einem Gipfel steht, der Wind um ihren Kopf saust und in der Ferne Kuhglocken zu hören sind, sieht das alles nicht nur fantastisch heimelig aus, sondern versetzt euch auch in eine herrliche Ferienstimmung. Diese kleinen Momente, wo die Grafik mit der Akustik ein Tänzchen wagt und uns sinnieren lässt, ohne dass wir die Figur steuern, sind grosse Inszenierungskunst und Highlights dieses Indie-Games von Microbird Games aus Wien.
Fazit: In «Dungeons of Hinterberg» pendle ich stets zwischen intensiver Vorfreude und knackiger Verlies-Action. Ich betrachte aus weiter Ferne die malerische Landschaft, geniesse das Wanderleben und mache mich bereit für die Action unter Tage. Dazwischen unterhalte ich mich mit sympathischen Figuren und baue neue Freundschaften auf. Schritt für Schritt offenbaren sich mir neue Geheimnisse dieser mysteriösen Landschaft und die Faszination für diesen Indie-Titel aus Österreich wird immer grösser.
Ich rutsche an Seilen das Tal hinab, gleite über Schneelandschaften und stampfe durch Wälder, die ich fast schon riechen kann. Die Ferienstimmung ist perfekt. Parallel dudelt harmonische Musik in mein Ohr, die meine Freiheit unterstreicht und mich auch einfach mal innehalten lässt. Dazwischen entfaltet sich der Charakter der Hauptprotagonistin und ich darf immer tiefer in ihre Seele blicken. Der Sog wird stärker, ich lasse mich treiben und werde eins mit Gameplay und Dramaturgie.
Auch wenn ich eine Sprachausgabe immer mehr vermisse, um noch intensiver in die Atmosphäre versinken zu können, einige kulissenhafte Läden im Dorf mir den Eintritt nicht gewähren und viele Klon-Bewohner mein Gesamtbild verwirren, bekomme ich von diesem Spiel nicht genug. Ich geniesse weiter und wage mich in jeden Dungeon und auf jeden Hügel, bis ich dem Spiel alle Geheimnisse entlockt habe.
«Dungeons of Hinterberg» ist erhältlich für Xbox Series X/S (Xbox Game Pass) und PC. Freigegeben ab 7 Jahren.