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«Koks leider schon wieder verspätet»

Die frechsten Drogenhändler der Schweiz verkaufen nicht nur im Darknet, sondern völlig offen im Web 

Schweizer Dealer preisen «sauberes Crystal Meth» und «reinstes kolumbianisches» Kokain auf einer frei zugänglichen Website an. Der Online-Drogenhandel ist nicht aufzuhalten, wie unsere Recherchen nach der bislang grössten internationalen Polizei-Aktion zeigen.



Der Pulverdampf hat sich verzogen, und im Darknet gehen die illegalen Geschäfte munter weiter. Diesen Eindruck gewinnt man zurzeit beim Besuch der sogenannten Dark Markets – das sind die im Internet versteckten, illegalen Handelsplattformen, die nur über die Anonymisierungs-Software Tor zugänglich sind.

Noch immer ist nicht klar, wie das FBI neben The Silk Road 2.0 auch noch 26 andere Schwarzmärkte (und damit verbundene Seiten) aufspüren konnte. In den einschlägigen Diskussions-Foren, bei Reddit und im Darknet, wird eifrig spekuliert. Verschwörungstheorien haben Hochkonjunktur. Hat das FBI Tor geknackt?

«Das Darknet ist eine Hydra. Schlage einen Kopf ab – und zwei wachsen nach.» 

Oft zitierter, anonymer Spruch im Darknet

Gleichzeitig zeigt sich, dass der Online-Drogenhandel nicht mit repressiven Massnahmen zu stoppen ist. Wie in der herkömmlichen Wirtschaftswelt gilt auch auf der dunklen Seite des Internets das Prinzip «Survival of the Fittest». Sprich: Die Dark-Market-Administratoren und Drogen-Anbieter agieren nun noch vorsichtiger und verstärken ihre Sicherheitsmassnahmen, das vielgehörte Stichwort lautet OpSec (Abkürzung für das englische Operational Security).

Das Darknet hat einen neuen König

Zwei der drei grössten Dark Markets laufen nach der «globalen Aktion» von FBI, Homeland Security, Europol und weiteren Strafverfolgungsbehörden, offensichtlich wie gewohnt weiter. Als sogenannte Hidden Services, versteckt auf anonymen Servern, irgendwo auf der Welt. 

Als neuer König gilt Evolution, kurz Evo genannt. Die Anfang 2014 lancierte Plattform ist personell eng mit dem Tor Carding Forum (TCF) verbandelt, einem langjährigen, ebenfalls nur über das Tor-Netzwerk erreichbaren Marktplatz und Forum für alle möglichen Betrügereien. Evo hat sogar einen PR-Mann, der die Werbetrommel rührt und öffentlich Interviews gibt. Wie etwa dem Szene-Newsportal Deep Dot Web.

«Wir wollen einfach eine sichere Umgebung bieten für die Leute, um Geschäfte zu machen, Freunde zu treffen und Spass zu haben.»

Boogie, PR-Mann von Evolution (Dark Market)

Bei Evo sind auch die Schweizer Drogendealer vertreten, die mit dem rot-weissen Wappen der Eidgenossenschaft für ihre Produkte werben. Und nicht nur dort.

«Koks leider schon wieder verspätet.» So lautet der jüngste Eintrag auf einer frei zugänglichen Website, deren Internet-Adresse wir an dieser Stelle bewusst nicht nennen. Tatsächlich ist die Seite aber mit einer einfachen Google-Suche zu finden.

Wer sind diese Leute, die sich auf ihrer Website wie folgt beschreiben?

Bild

screenshot: watson

Während sich die Ermittler beim Bund und in den Kantonen zugeknöpft zeigen, geben die SwissShop-Betreiber bereitwillig Auskunft – im Schutz der Anonymität. Die Antworten treffen als verschlüsselte Nachrichten beim watson-Redaktor ein:

Wie beurteilt ihr den jüngsten Schlag gegen den Drogenhandel im Darknet?
Wir finden die Aktion übertrieben, denn wir tun niemandem etwas zu leide. Wir töten niemanden, tragen keine Bandenkriege aus, sondern versuchen nur, unseren Geschäften nachzugehen.

«Unsere Zöllner wissen, was sie tun. Und sind gut in ihrem Job.»

Schweizer Online-Drogenhändler

Seid ihr von Operation Onymous betroffen?
Nein, wir sind nicht davon betroffen, zum Glück, Es hätte aber auch uns erwischen können, wenn wir nicht so sauber und anständig arbeiten würden.

Ist das Tor-Netzwerk überhaupt noch sicher? 
Diese Aktionen haben sehr wenig mit dem Tor-Netzwerk zu tun. Und ja, das Tor-Netzwerk ist sicher und wird es auch bleiben. Es ist eine riesige Community, die daran arbeitet, es auch (so) zu halten. Und das freiwillig.

Welche Darknet-Märkte könnt ihr zurzeit noch empfehlen?
Eigentlich alle, die auf deepdotweb.com gelistet sind. Und unsere eigenen natürlich. Und das wichtigste für Schweizer Kunden: Bestellt nicht aus dem Ausland, unsere Zöllner wissen, was sie tun. Und sind gut in ihrem Job.

Ihr liefert auch ins Ausland. Wie beurteilt ihr das Risiko wegen der Zollkontrollen?
Wir versenden auch aus der EU ;-)

Testet ihr die Produkte, die ihr anbietet (auf Reinheitsgrad, gefährliche Streckmittel etc.)?
Wir tun, was wir können um die besten Produkte, die in der Schweiz verfügbar sind, zu besorgen und an unsere Kunden weiterzugeben, so wie sie sind.

Ihr bietet auch Crystal Meth an. Wie seid ihr darauf gekommen?
Dazu gibt es eigentlich nur etwas zu sagen: Die Nachfrage bestimmt das Angebot.

Drogen Dealer Strassenhändler

Direkte Übergaben gibt es bei den Online-Dealern nicht. Bild: Shutterstock

Welches sind die bei euren Kunden beliebtesten Produkte?
Hmm, schwierig zu sagen. Denn all unsere Produkte sind sehr beliebt, sonst hätten wir sie nicht im Angebot. Aber mit Abstand Koks und Speed.

Warum bietet ihr die Drogen nun auch im frei zugänglichen Internet an?
Weil leider nicht alle Kunden den Weg ins Deep Web finden. Dazu ist aber auch zu sagen, wir überprüfen die Clearweb-Seite mehrmals täglich und nehmen alle Daten, die für unsere Kunden gefährlich wären, raus und löschen diese von unserem Server.

Wie haltet ihr es mit dem Jugendschutz?
Wir überprüfen unsere Kunden so gut es geht und wenn wir den Verdacht haben, dass es sich um einen Minderjährigen handelt, muss er oder sie uns das Gegenteil beweisen.

Warum sperrt die Polizei nicht einfach die Website?

Dass Drogenhändler offen eine Website betreiben können, hat mit der Funktionsweise des Internets zu tun. Die Schweizer Polizei würde dem Treiben noch so gerne ein Ende setzten, doch entpuppt sich dies als praktisch aussichtsloses Unterfangen, weil der Server nicht in der Schweiz steht und die Internet-Adresse über eine ausländische Firma registriert wurde, die volle Anonymität verspricht. 

Das Problem sei seit längerem bekannt, teilt die Bundespolizei (Fedpol) auf Anfrage mit. Solche Anbieter würden im Fachjargon auch Bullet-Proof-Hoster genannt. Die Firmen versuchten gezielt, ihre dubiosen Dienstleistungen aus Ländern heraus anzubieten, die sich zwar durch eine einigermassen gute Internet-Anbindung auszeichnen, in welchen juristische Anfragen (Rechtshilfegesuche) der meisten westlichen Ländern aber nur selten oder sehr zeitverzögert beantwortet werden.

Tatsächlich ist die von den Schweizer Drogenhändlern registrierte Domain über einen «Offshore Services Anbieter» in Kuala Lumpur, Malaysia, registriert worden. Dazu das Fedpol: «Damit Schweizer Strafverfolgungsbehörden die Identität des tatsächlichen Kunden hinter den Bullet-Proof-Hosting-Providern ausfindig machen können, braucht es neben aufwendigen, eventuell auch verdeckten Ermittlungen, eine Anfrage an den betreffenden Staat im ordentlichen Rechtshilfeersuchen.» 

Voraussetzung dafür sei ein eröffnetes Strafverfahren und ein entsprechendes Ersuchen einer Staatsanwaltschaft. «Die Rechtshilfeersuchen werden vom Bundesamt für Justiz an das ersuchte Land übermittelt. Da in solchen Fällen fast immer mehrere Länder betroffen sind, ist man zudem auf den Kooperationswillen der betroffenen Länder angewiesen.»

Das gleiche Problem stellt sich beispielsweise bei der Film-Streaming-Plattform KinoX.to. Den deutschen Strafverfolgungsbehörden ist es bis heute nicht gelungen, die im afrikanischen Staat Togo registrierte Domain lahmzulegen und den Server zu beschlagnahmen.

Und selbst wenn ein Rechtshilfegesuch Erfolg haben sollte: Die technisch versierten Kriminellen wissen, wie sie ihre Identität und andere verräterische Spuren beim Online-Buchen von Servern und Domains verwischen können. Notfalls wird einfach «umgezogen».

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    Alle Leser-Kommentare
  • Uwe Bohn 16.11.2014 00:13
    Highlight Highlight Die schweizerischen Internetanbieter könnten theoretisch solche Webseiten sperren. Tun es aber nicht, weil anscheinend das Verbreiten von solchen Inhalten nicht strafbar ist!?
    • Bänz Hadorn 16.11.2014 22:37
      Highlight Highlight Tor wurde übrigens schon lange gehackt! Von Russischen Hackern!
  • Hugo Wottaupott 15.11.2014 18:13
    Highlight Highlight SwissShop Artikelautor10/11/2014 um 18:19

    Wir versenden aus Deutschland von daher kein Problem.


    begrenzt "schweizerisch" hä?
  • MsIves 15.11.2014 15:51
    Highlight Highlight Irgendwie so absurd, diese Antworten. Musste fast lachen..
  • Lightning makes you Impotent (LMYI) 15.11.2014 14:32
    Highlight Highlight Ich gelange immer mehr zur Überzeugung, dass es bei der Repression gegen Drogen ein Umdenken geben muss. Wenn ich mir die grausamen Morde in Mexiko und anderen Ländern ansehe, wird mir einfach nur übel. Je härter der Staat zuschlägt, desto stärker schlagen die Kartelle gegen meist Unschuldige zurück. Darf es so weitergehen? Solange der "gemeine" Samstag-Abend-Ausgang-Koks-Konsument nicht auf seine Linie verzichten kann, so lange wird es diese Morde geben. Mit Repression haben wir Erfahrung gesammelt, hat nicht funktioniert. Zeit für etwas Neues!
    • AdiB 15.11.2014 23:11
      Highlight Highlight in bogota hat in den favelas das kartell eine zahnradbahn bauen lassen, damit die alten leute mühelos vom hügel in die stadt können...das kartell in mexiko baut strassen, kirchen, schulen und sogar krankenhäuser in ärmeren gebieten. solange du keine fragen zum thema kartell stellst, passiert dir dort nichts. viele mexikaner die ich kennengelernt habe, sagen selbst dass die gebiete vom kartell sicherer sind als die vom staat. das die kriminalitätsrate dort praktisch null ist.
    • smoe 16.11.2014 03:16
      Highlight Highlight Absolut! Die andauernde Gewaltspirale in Mexiko ist eine direkte Folge der Zerschlagung der beiden vorherrschenden kolumbianischen Kartelle in den 90ern und dem dadurch entstandenen Machtvakuum, welches nun von den dortigen Gangs blutig neu gefüllt wird. Man schlägt den Kopf einer Hydra ab, Dutzende neue tauchen auf …

      Der Krieg gegen Drogen, wie er geführt wird, ist völlig kontraproduktiv. Der einzige Effekt ist, dass der Preis in den Zielländern steigt.
      Je höher dieser ist, umso lukrativer und umkämpfter wird das Geschäft jenseits der Grenze, und um so mehr "müssen" Süchtige diesseits Verbrechen begehen, sich prostituieren etc. um sich weiterhin den Stoff leisten zu können. Dazu kommt, dass bei verringertem Angebot mehr gestreckt wird, was schwerwiegendere gesundheitliche Folgen haben kann als die Droge selbst.

      Wenn man wirklich etwas gegen Drogen unternehmen wollte, müsste man ganz anders vorgehen. Es kann doch z.B. nicht sein, dass ein peruanischer Bauer mit dem Anbau von Koka 2-3 Mal mehr verdient als mit "Fair Trade" Kaffee.
  • smoe 15.11.2014 14:13
    Highlight Highlight Die Betreiber des Shops scheinen ja selbst ziemlich zugedröhnt zu sein, falls sie wirklich glauben, sie seien im Besitz von Kiloweise «mindestens 95% reinem Kokain».

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