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Medienpädagoge ist gegen ein Social Media-Verbot für unter 16-Jährige

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TikTok und ähnliches können Kinder süchtig machen. Braucht es Verbote für Jugendliche?Bild: IMAGO / Jochen Tack

Darum ist ein Medienpädagoge gegen ein Social Media-Verbot für unter 16-Jährige

Australien hat Social Media für unter 16-Jährige verboten. Tatsächlich lauern Gefahren von TikTok & Co. Der Medienpädagoge Mirco Manetsch hält Verbote aber für den falschen Weg.
28.03.2026, 22:1228.03.2026, 22:43
Bruno Knellwolf
Bruno Knellwolf

Seit dem 10. Dezember 2025 dürfen in Australien unter 16-Jährige keine Accounts auf Plattformen wie TikTok, Instagram, Snapchat und YouTube haben. Die Verantwortung liegt dabei bei den Plattformen, die den Zugang verhindern müssen – sonst drohen hohe Strafen. Australien ist das weltweit erste und einzige Land mit einem so strikten Verbot. Diskutiert wird das auch in der Schweiz. Mirco Manetsch, Medienpädagoge bei Art Computer, hält das für keine gute Idee.

Welche Gefahren gehen von Instagram, TikTok und Co. aus?
Mirco Manetsch: Es gibt drei Hauptgefahren, die nicht nur Jugendliche betreffen, sondern auch Erwachsene: Zum ersten sind da die Fake News. Wegen fehlender Medienkompetenz können Jugendliche nicht einordnen, was real ist, woher die Informationen kommen und welche Quellen dahinter stecken. Zum Zweiten die KI-Bilder und KI-Videos, die Plattformen wie Instagram und TikTok zurzeit überschwemmen. Da gibt es viele harmlose Videos, aber auch brutale oder solche, die bewusst produziert werden, um Desinformation zu verbreiten.

Und drittens?
Es gibt immer mehr Radikalisierung. Da steht TikTok im Vordergrund. Zum Beispiel wird dort die Manosphere immer stärker. Die Fokussierung auf radikale Männerperspektiven mit frauenfeindlichen Inhalten. Zudem gibt es die religiöse Radikalisierung.

Mirco Manetsch, Medienpädagoge und Schulberater bei Art Computer.
Mirco Manetsch, Medienpädagoge und Schulberater bei Art Computer.bild: zvg

Wie funktioniert das?
Mit gewissen Algorithmen können Jugendliche innerhalb von Monaten über Bilder und Likes radikalisiert werden.

Trotzdem sind sie kritisch gegenüber Verboten von Social-Media-Plattformen wie in Australien. Warum ist das keine gute Idee?
Zum einen verloren in Australien diskriminierte Minderheiten deswegen ihre Kommunikationsmittel. Diese Jugendlichen suchen technische Lösungen wie VPN und brauchen diese im Alltag weiterhin. Social Media verschwindet damit in den Untergrund, weil es technische Möglichkeiten gibt, das Verbot zu umgehen. Das ist aber nicht der Hauptpunkt.

Sondern?
Verbote schützen für einen Moment, Kompetenz schützt das Leben lang. Das Verbot gilt nur bis 16 Jahre. Haben die Jugendlichen bis in dieses Alter nicht gelernt, damit umzugehen, wird es schwierig, diesen im Umgang mit Social Media noch etwas beizubringen. Der Zugang ist in diesem Alter viel schwieriger, wenn die Grundlage des Medienverständnisses fehlt. Deshalb muss man viel früher über Medienkompetenz sprechen – bevor Kinder ein Smartphone erhalten.

Wie soll man das anstellen?
Die Eltern sind die wichtigsten Bezugspersonen, auch bei der Mediennutzung. Das beginnt sehr früh, wenn Kinder etwas hören oder fernsehen. Sie müssen lernen, dass die in Medien gezeigten Bilder nicht ihrer realen Welt entsprechen. Mediennutzung sollte immer Teil des Dialogs zu Hause sein. So wie man über das letzte Fussballspiel spricht, muss man das auch über das Gamen tun.

Was bedeutet das konkret?
Wenn Kinder erstmals einen Medienaccount erhalten, sollte man mit ihnen wertfrei darüber reden. Und dann Schritt für Schritt mehr Freiraum geben, so erlernen sie Medienkompetenz. Einfach zu sagen, jetzt mach mal, ist nicht die richtige Lösung. Dann lauern zu viele Gefahren. Begleitet man die Kinder, wächst die Medienkompetenz. Und die schützt viel mehr als Verbote.

Eltern sagen, ihnen fehle dafür die Zeit oder auch das Wissen. Was halten Sie davon?
Keine Zeit für die Kinder ist keine gute Ausrede, weil es die Hauptaufgabe von Eltern ist, Kinder stark zu machen fürs Leben. Im Informationszeitalter gehören Medien dazu. Die Überforderung kann ich aber verstehen. Medien entwickeln sich schnell und vieles ist neu. Da empfehle ich, gemeinsam digitale Erfahrungen zu machen. Eröffnet zusammen ein Social-Media-Konto, probiert etwas aus. Es gibt gute Angebote, etwa von «Jugend und Medien» oder Pro Juventute.

Was lernt das Kind dann?
Wichtig ist, dass das Kind früh lernt, dass es damit immer zu den Eltern kommen darf. Dann, wenn das Kind etwas Verstörendes gesehen hat, das ihm Sorgen macht. Auch bei pornografischen Inhalten. Dann geht es darum, dem Kind zu erklären, dass das keine reale Sexualität ist, sondern Porno. Offen mit den Kindern darüber reden, nicht predigen und verbieten, sondern den richtigen Umgang vorleben.

Social-Media-Angebote können süchtig machen. Wie kann man Abhängigkeit verhindern?
Zuerst muss man verstehen, wie diese Mechanismen im Hintergrund funktionieren. Viele Apps sind wie ein Casino aufgebaut. Sie arbeiten mit Belohnungseffekten, bei denen Dopamin ausgeschüttet wird, mit kleinen Tricks und Anreizen, die dazu führen, dass die Nutzerinnen und Nutzer immer mehr konsumieren. Deshalb sollte man beim Suchtthema nicht über Zeitverschwendung diskutieren. Wichtiger ist, mit dem Kind zu hinterfragen, warum es nicht vom Bildschirm wegkommt. Wenn das zu nichts führt, muss irgendwann eine Beschränkung kommen.

Gibt es ein Alter, in dem ein Social-Media-Verbot doch Sinn macht?
Ein Smartphone im Kindergarten ist viel zu früh, aber auch in der ersten und zweiten Primarklasse, weil die Apps so gebaut sind, dass Kinder in diesem Alter keine Chance haben. Aber man sieht Kinder Anfangs der Primarschule mit Snapchat und TikTok, gerade bei Snapchat wird aber ein falsches Sicherheitsgefühl vermittelt, weil die Inhalte scheinbar verschwinden. Auch die dritte und vierte Primarklasse halte ich noch für grenzwertig. Ab der fünften und sechsten Klasse vor dem Übertritt in die Oberstufe sollte der Zugang möglich werden, aber nur in Begleitung der Eltern.

Es gibt Schulen, die Handys im Schulhaus verbieten oder während des Unterrichts einsammeln. Ist das sinnvoll?
Ja, wenn man das im Gespräch mit den Schülerinnen und Schülern macht. Wenn man ein teilweises Verbot einführen will, muss man argumentieren, warum. Erklären, dass es zu ihrem Wohle ist, dass es für sie eine Chance ist, im Hier und Jetzt zu sein, zusammen mit ihren Kolleginnen und Kollegen. Smartphones dann während des Unterrichts wegzusperren, halte ich für eine gute Lösung.

Die grossen Plattformanbieter haben ein monetäres Interesse an der Sucht, muss deshalb der Staat regulieren?
Jugendliche sollten zuerst verstehen, wie diese Plattformen funktionieren: Welche Suchttricks eingesetzt werden, welche Daten gesammelt und verkauft werden und wie daraus ein Geschäftsmodell entsteht. So sehen sie, wie sie manipuliert werden und deswegen eher etwas online kaufen. Wenn sie merken, dass mit ihren Daten Milliarden verdient werden, verstehen sie auch: Diese Plattform ist nicht mein Freund. Ich sage oft: Wenn etwas gratis ist, bist nicht du der Kunde, sondern du bist das Produkt. Das können wir als Gesellschaft machen.

Und was sollte die Politik unternehmen?
Die fünf grossen Hightech-Firmen sind übermächtig. Da braucht es von Politik, sei es von der Schweiz und weltweit, Massnahmen gegenüber diesen Medienplattformen. Androhungen können etwas bewirken, was man aktuell gerade bei Whatsapp gesehen hat. Angesagt wurde eine neue Version mit eingeschränkten Möglichkeiten für 10- bis 12-jährige. Das machen sie nicht, weil sie nette Menschen sind, sondern weil sie sehen, dass sie sonst mit Verboten ausgeschlossen werden. Es braucht deshalb klare Regeln und Einschränkungen. Für mich ist das ein Dreieck: Eltern, Schule und Politik müssen zusammenarbeiten, damit Kinder profitieren. (aargauerzeitung.ch)

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