Gesellschaft & Politik
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epa04338480 A picture made available 02 August 2014 shows Liberian nurses in protective clothing being spray with disinfectant after preparing several bodies of victims of Ebola for burial in the isolation unit of the ELWA Hospital in Monrovia, Liberia 01 August 2014. The World Health Organization warned of possibly 'catastrophic' consequences from the Ebola outbreak in West Africa. The WHO has announced a 100-million-dollar programme to fight the virus. Over 729 people have died of Ebola in West Africa in 2014, making it the world's deadliest outbreak to date according to statistics from the United Nations.  EPA/AHMED JALLANZO

Desinfektion von Mitarbeitern des Roten Kreuzes: Dorfbewohner sind völlig ungeschützt. Bild: EPA

Seuche bremst Wirtschaftswachstum

Ebola verschärft Armut in Westafrika

Ganze Stadtviertel sind leer, viele Menschen trauen sich nicht mehr vor die Tür: Wegen Ebola könnte das Wirtschaftswachstum in Westafrika um vier Prozent einbrechen. Sierra Leone reagiert jetzt auf die Seuche mit einem drastischen Schritt.



Ein Artikel von

Spiegel Online

Die Zahl der Menschen, die an einer Infektion mit dem Ebola-Virus gestorben sind, ist laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) allein in den drei am schwersten betroffenen Ländern auf 2097 gestiegen. Aus Guinea, Liberia und Sierra Leone seien insgesamt 3944 Fälle von wahrscheinlichen oder bestätigten Ebola-Infektionen gemeldet worden, teilte die WHO am Freitagabend in Genf mit. Hinzu kämen 23 Fälle mit acht Toten in Nigeria, wo der Ausbruch zwar bislang noch besser unter Kontrolle ist, die Angst im Land aber umgeht.

Die Epidemie wird Sierra Leone, Liberia und Guinea bis zu 1,5 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts kosten, schätzt die Afrikanische Entwicklungsbank (AfDB). Das Wirtschaftswachstum könnte sich um bis zu 4 Prozent verringern. Denn viele Menschen trauen sich nicht mehr auf die Strasse. Belebte Stadtviertel bleiben leer, viele Läden geschlossen. Bereits im August hatte Sierra Leones Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf die Bewegungsfreiheit im Land wegen der Seuche zudem eingeschränkt und die Grenzen geschlossen.

Karte

Bild

Westafrika: Ausbreitung der bisher grössten Ebola-Epidemie. bild: Spiegel Online

Jetzt soll eine viertägige landesweite Ausgangssperre in Sierra Leone die Verbreitung der tödlichen Seuche eindämmen. Die Bürger des westafrikanischen Landes dürften ihre Häuser vom 18. bis zum 21. September nicht verlassen, erklärte Präsidentenberater Ibrahim Ben Kargbo am Freitag. Der radikale Schritt solle es Ärzten ermöglichen, Infizierte in einem frühen Stadium der Krankheit zu identifizieren. «Diese aggressive Herangehensweise ist nötig, um die Ausbreitung von Ebola endgültig in den Griff zu bekommen.» Um die Ausgangssperre durchzusetzen, sollen 21'000 Menschen angestellt werden. Schon jetzt sind Tausende Polizisten und Soldaten im Einsatz, um die Quarantäne von besonders hart getroffenen Siedlungen zu überwachen.

WHO hofft auf raschen Einsatz von Impfstoffen

Die WHO rechnet damit, dass bis zu einer wirkungsvollen Eindämmung der Ebola-Epidemie noch sechs bis neun Monate vergehen können. Die Vereinten Nationen wollen bald ein Krisenzentrum zur Bekämpfung der Ebola-Epidemie einrichten. Mit diesem Schritt solle die Ausbreitung der Seuche gestoppt werden, sagte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon am Freitag. Er appellierte zudem an die internationale Gemeinschaft, die von der WHO benötigten 600 Millionen Dollar (rund 460 Millionen Euro) für die Unterstützung der betroffenen westafrikanischen Länder aufzubringen.

Die Europäische Union stockt ihre Hilfe für die westafrikanischen Länder im Kampf gegen die Ebola-Epidemie jetzt deutlich auf. Den vier betroffenen Staaten Liberia, Guinea, Sierra Leone und Nigeria sollten insgesamt 140 Millionen Euro zukommen, teilte die EU-Kommission am Freitag mit. Davon seien allein 97,5 Millionen Euro als Budgethilfe für die Regierungen in Liberia und Sierra Leone vorgesehen.

Deutschland hat die internationalen Hilfsbemühungen bislang mit 2,4 Millionen Euro unterstützt. Die Bundesregierung will zudem nun deutsche Experten für Infektionsschutz nach Afrika schicken. Gesundheitsminister Hermann Gröhe kündigte ein Trainingsprogramm für das medizinische Personal in den Krisengebieten an.

Potenzielle Mittel gegen Ebola

Zmap

Bei dem Serum namens ZMapp handelt es sich um einen Cocktail aus drei verschiedenen sogenannten monoklonalen Antikörpern. ZMapp, in Studien auch MB-003 genannt, wird von der US-Firma Mapp Biopharmaceutical Inc. aus San Diego hergestellt. Dazu werden gentechnisch veränderte Tabakpflanzen genutzt, aus denen die Antikörper isoliert und aufgereinigt werden. Doch die Herstellung dauert Monate. 2012 erschien erstmals eine Studie in den «Proceedings of the National Academy of Sciences», die die Wirkung des Serums beschreibt. Spätere Versuche bei Affen zeigten, dass die Antikörper dem Immunsystem helfen, infizierte Zellen zu eliminieren –auch wenn man das Serum verabreicht, nachdem die ersten Anzeichen des Ebola-Fiebers ausgebrochen sind. Bei dem Ebola-Ausbruch in Westafrika wurden bis Mitte August drei Menschen mit ZMapp behandelt: Eine Missionarin und ein Arzt aus den USA sowie ein Geistlicher aus Spanien, der inzwischen verstorben ist. Ob ZMapp den US-Amerikanern geholfen hat, ist völlig unklar. Ebenso, welche Nebenwirkungen es im Menschen haben kann. 

TKM Ebola

TKM-Ebola ist ein gentechnisch hergestelltes Mittel, das von der kanadischen Firma Tekmira Pharmaceuticals in Burnaby produziert wird. Es handelt sich dabei um kleine Erbgut-Schnipsel, sogenannte siRNA-Moleküle, die die Vermehrung des Virus bremsen sollen. Im Januar hatte die Tekmira mit ersten Versuchen an Menschen begonnen. Doch die US-Zulassungsbehörde FDA hatte die Versuche aus Mangel an Daten darüber wie die Therapie wirkt und aus Mangel an Daten zur Sicherheit des Medikaments, zunächst unterbrochen. Inzwischen hat die FDA die Studie wieder unter Auflagen freigegeben. Auch TKM-Ebola hatte bei Versuchen an Primaten Wirkung gezeigt. Im Gegenteil zu ZMapp aber könnte es sein, dass sich TKM-Ebola nur für eine rasche Behandlung sofort nach der Ansteckung mit dem Virus eignet. Vorteil: Das Mittel lässt sich schneller produzieren als ZMapp.

VSV-Vakzine

Neben den Mitteln, die Erkrankten helfen sollen, das Ebola-Virus zu besiegen, gibt es auch Impfstoffe in der Entwicklung. Sie sollen vor einer Infektion mit Ebola schützen. Einer der Impfstoffe stammt ursprünglich aus dem Labor von Geisberts Forscherteam. 2005 veröffentlichten die Wissenschaftler erstmals eine Studie über die sogenannte VSV-Vakzine. Diese besteht aus dem Vesicular stomatitis Virus, ein Virus, das eng mit dem Tollwutvirus verwandt ist und dessen Erbgut gentechnisch verändert ist, sodass es zwar keine Krankheit mehr im Menschen verursachen kann, aber dennoch die Immunabwehr dazu anregt, Antikörper dagegen zu produzieren. Auch in Kanada forschen Wissenschaftler an einer solchen VSV-Vakzine namens VSV-EBOV, die bisher nur an Affen und nicht an Menschen getestet wurde. Am 13. August erklärte die kanadische Gesundheitsbehörde, dass man der WHO 800 bis 1000 Dosen VSV-EBOV zur Verfügung stellen werde. Die Firma NewLink Genetics Corp hält die Lizenz für den Impfstoff. Sie kündigte an, die VSV-Vakzine in Zusammenarbeit mit US-Sondereinheit Defense Threat Reduction Agency (DTRA) bald in einer ersten humanen klinischen Studie zu testen. Dazu sollen in den nächsten Wochen weitere Dosen des Impfstoffs produziert werden. Der Imfpstoff könnte nach Angaben des Virologen Stephan Becker von der Universität in Marburg ab Herbst auch vom Deutschen Zentrum für Infektionsforschung an Menschen getestet werden, falls genügend Impfdosen zur Verfügung stehen – und sich Geldgeber finden.

Auf einer Ebola-Konferenz in Genf mit fast 200 Experten sprach sich die WHO für den Einsatz von Therapien aus, bei denen das Blut und Serum von Überlebenden einer Ebola-Infektion genutzt wird. «Es gibt die reale Chance, dass aus Blut gewonnene Produkte jetzt verwendet werden können», sagte die WHO-Vizedirektorin Marie-Paule Kieny am Freitag in Genf. «Diese könnten sehr wirksam bei der Behandlung von Patienten sein.»

Kieny zeigte sich zudem optimistisch, dass zwei Impfstoffe rasch zum Einsatz kommen dürften. Ergebnisse von klinischen Studien in den USA, Europa und Afrika könnten bereits im November vorliegen. Die Impfstoffe stammten von den beiden Konzernen GlaxoSmithKline und NewLinkGenetics. hei/Reuters/dpa

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