Gesellschaft & Politik
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Aufgewachsen im Aargau

Çendrim R.: Wie aus dem Sanitärstift ein Terrorist wurde

Çendrim R. hat mutmasslich drei Türken getötet. Weil sie ihn auf der Autobahn gestoppt hatten, bevor er in Istanbul ein Attentat verüben konnte. Jetzt sitzt er im Hochsicherheitsgefängnis.

mario Fuchs

Ein Artikel der

Nicht der Feierabend, sondern der Tod wartete an diesem Donnerstag auf sie. Der 20. März 2014 endet für Militäröffizier Adil Kozanoğlu, Polizist Adem Çoban und Lastwagenfahrer Turan Yaşar tragisch. In Niğde, Zentralanatolien, werden sie erschossen. Im Namen Allahs. Ein Mitangeklagter im Prozess sagt: Auf Befehl eines jungen Aargauers. Sein Name: Çendrim R. Würde seine Geschichte verfilmt, dürfte man sie erst ab 18 sehen.

Die zweite Chance

Sie beginnt im Spätsommer 1991. Çendrim kommt in Gjilan zur Welt. Damals lag die Stadt in Serbien, heute im Kosovo. Çendrim ist ein Jahr alt, als der Krieg ausbricht. 1998 flieht die Familie in die Schweiz, Verwandte leben bereits im Aargau. Familiennachzug, Niederlassungsbewilligung. In Brugg geht der Siebenjährige in die Primarschule, später dann in die Realschule. Hier fällt er zum ersten Mal auf. Ein Bekannter erzählt dem «Tages-Anzeiger»: Immer wieder sei Çendrim in Schlägereien verwickelt gewesen, oft habe er ein Messer auf sich getragen. Er greift auch einen Lehrer an, muss die Schule verlassen.

cendrim r

Çendrim R. wird am 20. März 2014 auf einer anatolischen Krankenstation verhaftet.

Doch Çendrim erhält eine zweite Chance. Ein Sanitär- und Spenglereigeschäft gibt ihm einen Lehrvertrag. 2.8.2008 bis 1.8.2011. Sanitärinstallateur EFZ. Ein damaliger Kollege erinnert sich: «Gearbeitet hat er gut. Aber diese Stimmungsschwankungen!» Çendrim tut sich schwer mit Regeln. Er raucht im Bus zur Berufsschule. Ist gewaltbereit. Am 20. November 2009, einem Freitag, verspielt er die zweite Chance. Die Schulleitung schreibt: «Sie belästigten mit unflätigen und abstössig sexistischen Attacken berufslernende Schülerinnen einer Hauswirtschaftsklasse.»

Einen Tag später steht eine Zwischenprüfung an – Çendrim kommt nicht. Der Lehrmeister kündigt den Lehrvertrag per sofort. «Ihre Verfehlungen an der Berufsschule und auch andernorts sind auf gar keinen Fall zu entschuldigen.» Im Arbeitszeugnis steht: «Herr R. war stets bemüht, die ihm übertragenen Arbeiten zu unserer Zufriedenheit zu erledigen. Sein Verhalten gegenüber Vorgesetzten und Arbeitskollegen war korrekt.»

Wer sich die Zukunft verbaut, braucht einen Ausweg. Çendrim glaubt, einen gefunden zu haben. Sein Plan: Ein bewaffneter Raubüberfall. Doch der junge Brugger stellt sich «einfältig und stümperhaft» an, wie sein Anwalt einem «Rundschau»-Reporter erzählt. Der Ausweg wird zur Sackgasse: Verhaftung, Untersuchungshaft. Am 22. September 2010 wird Çendrim R. vom Jugendgericht Brugg verurteilt. Versuchter bewaffneter Raub, Raufhandel, mehrfache einfache Körperverletzung und Nötigung, Drohung, Beschimpfung, Ungehorsam gegen amtliche Verfügungen, mehrfache Hinderung einer Amtshandlung, mehrfache Sachbeschädigung, mehrfache Vergehen gegen das Waffengesetz. 24 Monate Freiheitsstrafe, 400 Franken Busse.

Am 12. April 2012 sollte er eigentlich entlassen werden. Doch zwei Tage vorher beantragt die Aargauer Jugendanwaltschaft beim Jugendgericht nachträglich eine stationäre Massnahme. Artikel 59 Strafgesetzbuch: Hohes Rückfallrisiko, Sicherheitshaft. Was jetzt folgt, ist ein juristisches Pingpongturnier. Die Mitpieler: Çendrim R., Jugendanwaltschaft, Obergericht, Jugendgericht Brugg, Bundesgericht. Die Spielzeit: Zehn Monate. Der Sieger: Çendrim R. Zwar verbringt er bis zum 26. Februar 2013 ein weiteres Jahr in Haft, doch das Bundesgericht entscheidet im Sommer 2014: Die Sicherheitshaft sei unrechtmässig erfolgt. Der Kanton Aargau muss jetzt Çendrim R. 32'200 Franken Genugtuung zahlen.

Das letzte Gefecht

Kaum ist er freigelassen, entzieht die Schweiz dem heute 23-Jährigen die Niederlassungsbewilligung. Er wird in den Kosovo ausgeschafft. In seiner Heimat bleibt er nicht lange, es zieht ihn Richtung Dschihad. Mutmasslich via Saudi-Arabien reist er nach Syrien. Schliesst sich einer Al-Kaida-nahen Truppe um den Tschetschenen Muslim Margoshvili an. Lässt sich für den Heiligen Krieg ausbilden. Nach zehn Monaten flieht Çendrim mit zwei Lagerkollegen im Auto zurück nach Mazedonien. Vorher wollen sie in Istanbul einen Anschlag verüben.

Doch sie kommen nur 500 Kilometer weit: In der Türkei werden sie an einem Checkpoint gestoppt. Für Militäroffizier Adil Kozanoğlu, Polizist Adem Çoban und Lastwagenfahrer Turan Yaşar ist es der letzte Tag im Leben. Für Çendrim R. vermutlich der letzte Tag in Freiheit. Für immer. 

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