Gesellschaft & Politik
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Das Beweisfoto von Jarl Riskjell Gjerde auf Reddit. Bild: Imgur

3 Jahre nach dem Massaker auf Utøya

«Ich wollte, dass er mich so rasch als möglich umbringt, ich wurde fast ungeduldig»

Heute vor drei Jahren eröffnete Anders Behring Breivik auf der norwegischen Insel Utøya das Feuer und erschoss 69 junge Menschen. Jarl Riskjell Gjerde überlebte. Als Lordofseagulls beantwortete er auf Reddit die Fragen der User.

Er war auf der Insel, als Breivik vor drei Jahren zuschlug: Der damals 16-jährige Jarl Riskjell Gjerde. Wie durch ein Wunder überlebte der Junge die tödlichen Schüsse des durchgedrehten Neonazis auf der Ferieninsel Utøya. Für ein AMA (Ask Me Anything) auf Reddit nahm er sich über zehn Stunden Zeit, sich zu erinnern, was damals geschah und wie er die Zeit nach dem schrecklichen Attentat bewältigte. 

Es ist das Protokoll eines jungen Mannes, der krampfhaft versucht, sein Leben normal fortzuführen, und dem schrecklichen Erlebnis etwas Gutes abzugewinnen. Nach zehn Stunden musste Lordofseagulls, wie er sich auf Reddit nennt, eine Pause einlegen. 

Was haben deine Eltern gesagt, als sie dich nach dem Attentat lebend wiedergesehen haben?
Lordofseagulls: Hi :). Meine Mutter brach sofort in einen Weinkrampf aus.

«Ein Mann starb in meinen Armen und ich bin froh, dass er nicht alleine sterben musste.»

Fühlst du dich manchmal schuldig, dass du überlebt hast?
Viele Überlebenden fühlen sich schuldig. Mir ging es nie so. Ich war sehr froh, dass ich mithelfen konnte, Leben zu retten. Ein Mann starb in meinen Armen und ich bin froh, dass er nicht alleine sterben musste. Das war irgendwie eine Ehre für mich. Ich sagte mir immer, dass die Dinge noch schlimmer hätten kommen können, wenn ich nicht da gewesen wäre. Das hat mir geholfen, das Ganze besser zu verarbeiten.

Welches war dein erster Gedanke, als du realisiert hast, was gerade passiert?
 «Oh shit.» Ich glaube, ich sagte das sogar laut, als ich begriff, was los war. Zuerst dachte ich, ein paar Teenager spielen mit einer AK47 rum. Dann wurden plötzlich Menschen im Raum neben mir erschossen und die Panik griff um sich. Als ich hörte, dass die Schiesserei so nahe an mir dran war, realisierte ich, dass es kein Witz war. Die Leute starben im Raum neben mir. «Oh Shit!»

Opfer des Brevik-Attentats liegen am Ufer der Insel Utøya am 22. Juli 2011. Bild: EPA

Wie hat sich dein Leben seit dem Attentat verändert?
Es hat sich tatsächlich zum Guten verändert. Ich konnte helfen, ein Leben zu retten (...). Aber ich bin natürlich auch sehr viel mehr verunsichert. Ich habe gemerkt, dass die Menschen mich meiden, weil ich dort war, und ich habe seither sehr viel Angst, dass Freunde mich verlassen. Ich habe Angst, mit anderen über meine Probleme zu reden, weil sie das abstossend finden könnten. Ich versuche, die Story vor neuen Freunden zu verbergen, weil sie denken könnten, ich sei gestört. Niemand will mit einem traumatisierten Typ rumhängen, oder? Aber ich bin nicht (mehr) traumatisiert! Und ich denke nie über den Vorfall nach, ausser, wenn Leute mich darauf ansprechen.



«Niemand will mit einem traumatisierten Typ rumhängen, oder? Aber ich bin nicht (mehr) traumatisiert!»

Was ist genau passiert?
Ich ging in ein Gebäude mit vielen anderen Menschen. Wir hörten Schüsse draussen, aber ich sah nichts, weil wir nicht an die Fenster durften. Ich habe nicht kapiert, dass es Gewehrschüsse sind, bis Breivik im Raum neben uns war und schoss. Dann rannte ich in den Essraum, während die Menschen sich gegenseitig von den Fenstern wegdrückten, um rauszukommen. Auch ich sprang dann aus dem Fenster und rannte den Hügel hinunter, aber ich blieb mit meiner Hose an einem Eisenhaken hängen. Vielleicht war es das Adrenalin und die Panik, aber ich schaffte es nicht, mich selbst zu befreien. Ich fragte die Jugendlichen, die an mir vorbeirannten, ob sie mir helfen könnten, aber keiner stoppte. Natürlich nicht – alle waren in Panik. Alle rannten an mir vorbei und ich hörte nur die Schüsse aus dem Gebäude über mir. Irgendwann kam ein Mädchen und fragte, ob ich Hilfe brauchte. Ich lachte und sagte ja. Wir hielten uns an den Händen und liefen durch den Wald zum Ufer. (...)

«Ich war mir sicher, dass er mich sieht, und deshalb dachte ich ‹Also, das wars. Bring mich schon um.› Ich wollte, dass er mich so rasch als möglich umbringt, ich wurde fast ungeduldig. Aber er sah uns nicht und lief an uns vorbei.»

(...) Ich machte mich so klein als möglich, damit er mich nicht sieht. Aber ich war mir sicher, dass er mich sieht und dachte «Also, das wars. Bring mich schon um». Ich wollte, dass er mich so rasch als möglich umbringt, ich wurde fast ungeduldig. Aber er sah uns nicht und lief an uns vorbei. Nach einer halben Ewigkeit hörten wir Boote ankommen. Ich trug ein (verletztes, Anm. d. Red.) Mädchen runter zu den Booten und ich sah als erstes direkt in die Augen eines Toten. 

(...) Ich wurde in ein Boot geschubst und dachte, jetzt ist alles vorbei. Aber mir wurde ein verwundeter Mann in den Schoss gelegt. Er wurde in den Hinterkopf geschossen und ich musste auf seine Wunde pressen. Aber ich hatte nur meine Hände und das Blut rann mir zwischen den Fingern hindurch. Das Boot startete und der Mann begann zu röcheln. Er röchelte etwa eine halbe Minute und starb, bevor wir an Land kamen. (...)

Welches Erlebnis wird dich ewig begleiten?
Ich habe ein Mädchen kennengelernt. Sie erzählte mir am Tag davor, dass ihre ältere Schwester kurz vor der Geburt starb. Sie sagte mir, ihr Lebensinhalt sei es, zu für sie zu leben. Sie starb am nächsten Tag.

Hast du Breivik auf der Insel je gesehen? Was für einen Gesichtsausdruck hatte er?
Ich hab ihn nicht gesehen. Aber einer meiner Freunde erzählte mir, dass Breivik ihm ins Gesicht geschaut, gelächelt und dann weitergeschossen habe. Mein Freund hatte unglaubliches Glück.

«Wir bekamen Pizza und sprachen über unsere Gefühle.»

Glaubst du, Breivik hätte irgendwie gestoppt werden können?
Ich habe mir das hundertmal überlegt und mich gefragt: Was wäre gewesen, wenn ich mich in diesem Baum versteckt hätte und dann auf ihn gesprungen wäre? Wenn ich ihn von den Beinen geholt hätte auf diesem unebenen felsigen Untergrund? Wenn ich ihm das Keyboard entgegengeworfen hätte, als er die Treppe hochkam? Doch mir kam es gar nie in den Sinn, den Helden zu spielen. Diese Gedanken kamen mir erst im Nachhinein. Eine Weile lang war ich untröstlich, dass ich ihn nicht angriff und tötete, als ich alle diese Chancen hatte. Aber das sind wohl nur traumatische Gedanken, die an einem nagen. Er hätte gestoppt werden können, aber das wäre sehr schwierig gewesen. Einige meiner Kollegen warfen Steine nach ihm, aber das hat nichts genützt. Ich hasse die Kommentare von Leuten, die sagen, was sie gemacht hätten, wenn sie dort gewesen wären.

Retter auf dem Weg zur Insel Utøya nach dem Attentat am 22. Juli 2011. Bild: EPA

Was hat dich am meisten gestört an der Berichterstattung in den Medien?
Dass der News-Heli 45 Minuten vor der Polizei eintraf. Ich war wirklich angepisst, als ich rausgefunden habe, dass Kameras am Heli waren und von denen da oben keine Hilfe zu erwarten war. Die Polizei versteckte sich auf dem Festland hinter Containern, weil sie Angst hatte, abgeknallt zu werden. Viele der Polizisten getrauten sich nicht, etwas zu tun.

«Ich und meine zwei Freunde, die dort gewesen waren, wurden jeweils gewarnt, wenn wir in der Schule einen Film anschauten, dass darin gewalttätige Szenen wie Schiessereien oder tote Menschen zu sehen sind.»

Wie wurden die Überlebenden betreut?
Es ist erstaunlich, wie schlecht wir betreut wurden. Wir konnten zwar alle zwei bis drei Wochen an ein Meeting gehen, ein halbes Jahr lang. Wir bekamen Pizza und sprachen über unsere Gefühle. Aber sechs Monate sind nicht genug und die Meetings fanden nicht oft genug statt. Meine Schule hatte zudem keine Ahnung, wie sie mit uns umgehen sollte. Ich und meine zwei Freunde, die dort gewesen waren, wurden jeweils gewarnt, wenn wir einen Film anschauten, dass darin gewalttätige Szenen wie Schiessereien oder tote Menschen zu sehen sind. Aber das brauchte ich nicht. Ich brauchte Hilfe, um das zu lernen, was ich lernen musste und ich brauchte Leute, die keine Angst vor mir hatten. (...) Ich habe keine Ahnung, wie ich das verarbeiten konnte. (...)

Suche nach weiteren Opfern an den Ufern von Utøya am 22. Juli 2011. Bild: AP

«Irgendwie ist es schön, an den Tag zu denken, weil ich es sonst nie mehr mache. Ich will es nicht vergessen, weil es mir auch so viele wichtige Lektionen erteilte.»

Welche Gedanken hast du angesichts des dreijährigen Gedenktages des Massakers?
Ich hab mir den ganzen Tag vorgenommen, keine grosse Sache daraus zu machen. Aber ich will auch nicht allein sein damit ... Vielleicht sollte ich an einem Gedenktag teilnehmen, oder vielleicht sollte ich einfach hier sitzen. Aber ich finde es nicht angebracht, einfach hier zu sitzen. Deshalb habe ich mich entschieden, dieses AMA zu machen. (...) Irgendwie ist es schön, an den Tag zu denken, weil ich es sonst nie mehr mache. Ich will es nicht vergessen, weil es mir auch so viele wichtige Lektionen erteilte.

Wie geht es dir heute?
Mir geht es gut! Dieses AMA hat mir sicherlich einen Teil des Schreckens vor dem heutigen Tag genommen. Als ich den Beweis auf ein Blatt Papier schrieb, zitterten meine Hände, ich konnte fast nicht schreiben. Aber ich glaube, das war ein guter Tag. (...)

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