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RTS: Krawall in Zürich
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Die Krawallmacher von Zürich

Diese Gruppierungen waren bei «Reclaim the Streets» dabei

Innerhalb kürzester Zeit rollte am Freitagabend ein zerstörerischer Umzug durch Zürich. Die Schäden, die der «Saubannerzug» hinterliess, gehen in die Hunderttausende. Wer sind die Leute, die nicht vor blinder Zerstörung zurückschrecken und die Polizei angreifen? Eine Einordnung. 



«Wir nehmen uns, was uns gehört», mit dieser Botschaft marschierten am vergangenen Freitagabend hunderte Demonstranten in Zürich vom Sihlhölzlipark zur Europa-Allee. Sie wollten sich gemäss ihrem Motto «Reclaim the Streets» die «Strassen zurückholen» und ein Zeichen setzen, gegen die Gentrifizierung und Kommerzialisierung des öffentlichen Raumes.

Das Resultat nach nicht einmal zwei Stunden: Dutzende zerschlagene Schaufenster, mindestens fünf brennende Autos, sieben verletzte Polizisten und viele, die sich diese eine Frage stellen: Wer ist dafür verantwortlich? Hier die sechs Gruppen, die sich bis jetzt identifizieren liessen – die Grenzen zwischen ihnen verlaufen fliessend. 

Familie Schoch / Besetzerszene

Die Zuercher Stadtpolizei kontrolliert am Dienstag, 5. Maerz 2013, das besetzte Binz-Areal an der Uetlibergstrasse in Zuerich. Sie sucht im Zusammenhang mit den Krawallen vom letzten Samstag nach Beweismitteln. KEYSTONE/Walter Bieri)

Die «Familie Schoch» trat als Besetzer des Zürcher Binz-Areals auf. Bild: KEYSTONE

Am Anfang der Zürcher «Reclaim the Street»-Umzüge standen Aktivisten der Besetzerszene. Zur letzten «Tanzparty» rief unter anderen die «Familie Schoch» auf. Unter diesem Namen traten die Besetzer des Zürcher Binz-Areals, eines ehemaligen Fabrikgebäudes in Zürich auf, die das Areal im letzten Frühling nach sieben Jahren auf Druck der Stadt verlassen mussten. 

Die Hausbesetzer-Szene setzt sich für autonome Freiräume, alternative Kulturprojekte und «gegen Profitdenken, Sicherheits- und Sauberkeitswahn» in Zürich ein. Wüste Betonlandschaften wie die Europaallee würden im Dienste des Kapitals wuchern, während alternative Projekte wie die ehemalige Binz und das Labitzke-Areal zerstört würden, schreiben sie in ihrer an der Aktion verteilten Erklärung. 

Die Besetzerszene ist allerdings nicht per se gewalttätig, obwohl es an von ihnen organisierten Demonstrationen immer wieder zu Ausschreitungen kommt. Nichts desto trotz war ihr Flyer mit dem Spruch «ACAB», was so viel heisst wie «All Cops Are Bastards» gezeichnet. 

FCZ-Ultras

20.07.2014; Zuerich; Fussball Super League - FC Zuerich - Grasshopper Club; Pyro in der FCZ Suedkurve (Andreas Meier/freshfocus)

Ultras des FC Zürich sprayten auf der Demonstrationsstrecke mehrmals «FCZ». Bild: Andreas Meier/freshfocus

Es gibt deutliche Anzeichen dafür, dass sich auch Zürcher FCZ-Ultras den Krawallen angeschlossen haben. Nicht nur waren die Fassaden in der Zürcher Innenstadt am Samstagmorgen mit nachweislich frischen «FCZ»-Graffitis besprüht. Ein Szene-Kenner bestätigt gegenüber watson: «FCZ-Ultras haben sich an den Krawallen beteiligt.»

Der oben genannte Spurch «All Cops Are Bastards», als Ausdruck des Hasses gegen die Polizei, ist gerade in der gewaltbereiten Punk- und Fussballszene ebenfalls weit verbreitet.

Frustrierte Jugendliche

Demonstranten der ''Reclaim the Streets'' Bewegung sind in der Innenstadt von Zuerich mit Spruchbaendern und Leuchtfackeln unterwegs in der Nacht auf Samstag, 13. Dezember 2014. Mehrere hundert Personen haben am Freitagabend und Samstagmorgen in der Zuercher Innenstadt randaliert. Sie griffen Polizisten an, schlugen Schaufenster ein und zuendeten Autos an. Die Polizei ging mit Wasserwerfern gegen sie vor. (KEYSTONE/Jan Mueller)

Die Gewalt an «Reclaim the Streets» war auch Ausdruck einer frustrierten Jugend. Bild: KEYSTONE

Ein in der Stadt Zürich tätiger Sozialarbeiter beschreibt gegenüber watson ein weitere an den Protesten beteiligte Gruppe. Er arbeitet mit Jugendlichen zusammen, die am «Reclaim the Streets»-Umzug teilgenommen haben. «Es handelt sich dabei um Jugendliche, oftmals mit Migrationshintergrund, die sich starker polizeilicher Repression ausgesetzt sehen», sagt er. Sie würden sich von der Polizei unfair und wie Kriminelle behandelt fühlen: «Praktisch jedes Mal, wenn sie sich im öffentlichen Raum treffen, werden sie kontrolliert», sagt der Sozialarbeiter. 

Schlimmer als dies sei, dass sich diese Jugendlichen mit ihren Anliegen nicht politisch repräsentiert fühlen. «Viele von ihnen können aufgrund ihrer Aufenthaltsbewilligungen nicht abstimmen, obwohl sie hier geboren sind. Sie haben schlicht keine Stimme», erklärt der Sozialarbeiter. Deshalb hätten sie viel Frust aufgebaut, der sich in solch einer Aktion entladen könne. «Sie finden, dass Zürich den Reichen gehört aber bestimmt nicht ihnen, die vielleicht arbeitslos oder in schlecht bezahlten Jobs tätig sind.»

Revolutionärer Aufbau

Andrea Stauffacher vor dem Bundesstrafgericht anlaesslich der Urteilsverkuendigung am Dienstag 8. November 2011, in Bellinzona. Das Bundesstrafgericht hat die 61-jaehrige Zuercher Linksaktivistin Andrea Stauffacher zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von 17 Monaten verurteilt. Laut Gericht hat sie sich in zwei Faellen der Gefaehrdung durch Sprengstoffe schuldig gemacht. (KEYSTONE/Karl Mathis)

Kernfigur des «Zürcher Aufbaus» ist die 64-jährige Andrea Stauffacher. Bild: KEYSTONE

Der Revolutionäre Aufbau Schweiz (RAS) wurde 1992 als Zusammenschluss «verschiedener revolutionärer Gruppierungen» gegründet. Die lokalen Sektionen in den Städten Basel, Bern, Winterthur und Zürich haben sich als Ziel die «proletarische Revolution» gesetzt, die sie auch «mit Gewalt» umsetzen wollen. Kernfigur des «Zürcher Aufbaus» ist Mitgründerin Andrea Stauffacher. Kurz nach ihrer Haftentlassung gab die 64-Jährige ein Interview gegenüber Radio SRF, in dem sie weitere militante Aktionen ankündigte. Ob Stauffacher selber am Umzug am Freitagabend dabei war, ist unklar.

«Wie an allen radikalen Demos galt auch am Freitag die Reihenfolge: An der Spitze des Zuges ist der Aufbau, danach kommen die Anständigen», sagt S.J., der am Freitagabend mit dabei war. Wie Insider aus der Szene bestätigten, würden sich Mitglieder des Aufbaus auf die Demonstrationen minutiös vorbereiten. «Sie wissen, wo man sich versteckt und wo die Hauptleitungen für die Strassenbeleuchtung sind», sagt er. Die Strassenbeleuchtung in der Langstrasse sei innerhalb kürzester Zeit lahmgelegt worden.  

Revolutionäre Jugend Zürich (RJZ)

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Die «Racheaktion» des RJZ an der JUSO. gif: rjz/youtube

Wie Insider aus der autonomen Szene berichten, handelt es sich bei der Revolutionäre Jugend Zürich (RJZ) vor allem um Jugendliche zwischen 15 und 25 Jahren, die mehrheitlich noch am Gymnasium sind oder bereits die Matura abgeschlossen haben. Die Jungrevolutionäre haben sich auf ihrer Website zu «Reclaim the Streets» geäussert. Sie kritisieren darin «wüste Betonlandschaften» wie die Europa-Allee und fordern eine Stadt, «die leben darf, die laut, chaotisch und aufregend sein kann». Die RJZ steht dem Aufbau nahe, gilt aber nicht als gewaltbereit. 

Mit den Jungsozialisten, der JUSO, stehen die Jungrevolutionäre seit Jahren auf Kriegsfuss. Grund für das Scharmützel am linken Flügel ist das Lob, das die Juso gegenüber der Stadtzürcher Polizei nach der (friedlich verlaufenen) 1.-Maidemonstration im Jahr 2012 aussprach. Die Reaktion der RJZ war die Beschädigung von Juso-Fahnen. 

Besorgte junge Bürger

JAHRESRUECKBLICK 2013 - MAI - Maskierte Teilnehmer der Tanzdemo

symbolbild: KEYSTONE

Am Freitagabend waren nicht nur Mitglieder organisierter Gruppen dabei. Der 23-jährige Schreiner P.K. aus dem Zürcher Kreis 4 erhielt ebenfalls den Aufruf per SMS. Dass er sich mit drei Freunden ebenfalls dem «Reclaim the Streets»-Umzug anschloss, habe politische Gründe: «Ich bin in keiner Partei, mich stört aber die Entwicklung von Zürich», so P.K. Es gehe ihm insbesondere um die «Wohnpolitik», die heute «vor allem teure Luxuswohnungen fördere».  

Er und seine Freunde verstanden «Reclaim the Streets» als politische Demonstration, «die Spass machen sollte». Er verliess den Demonstrationszug, als er die Langstrasse erreichte: «Ich hatte keine Lust als Teil der Masse die Gewalt zu schützen», sagt er. 

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