Grosses Kino beim SCB – «Nullnummern» auf dem Eis und dealen mit Lausanne
Zuerst die Sünden der Vergangenheit, die bei der 0:1-Penalty-Schmach gegen Ambri gnadenlos aufgerechnet worden sind. Der SCB hat sich in eine absurde Situation manövriert: Vier (!) Ausländerlizenzen werden verschwendet, um Tore zu verhindern: für Goalie Adam Reideborn sowie für die drei Verteidiger Anton Lindholm, Hardy Häman Aktell und Aleksandr Iakovenko.
Um es etwas polemisch auf den Punkt zu bringen: Lindholm hat offensiv nicht einmal so viel Einfluss wie einst Colin Gerber und hat in 31 Partien noch kein einziges Tor und bloss 5 Assists beigesteuert. Häman und Iakovenko tragen inzwischen nicht viel mehr zur Spielentwicklung bei als einst Beat Gerber (gegen Ambri war Iakovenko überzählig). Nie zuvor in der Geschichte der Playoffs (seit 1986) hat ein Klub seine Ausländerlizenzen so gedankenlos verschwendet.
Die Folge: Der SCB hat soeben zweimal hintereinander bei Heimspielen kein Tor erzielt: 0:3 gegen Servette, 0:1 nach Penaltys (ohne einen einzigen verwerteten Penalty) gegen Ambri. Es sind die Heim-Nuller Nummer fünf und sechs in dieser Saison. Bereits gegen die ZSC Lions (0:3), Davos (0:3), Kloten (0:1) und Lausanne (0:2) gelang dem SCB kein Tor auf eigenem Eis. Der SCB ist inzwischen offensiv das zweitschlechteste Team der Liga. Tabellenführer Davos hat 60 Treffer mehr erzielt.
Am Anfang dieser schon beinahe kabarettreifen Entwicklung steht eine Sünde, die den Bernern am Freitag gnadenlos auf dem Eis vorgeführt worden ist: Sie wussten den Wert ihres Torhüters Philip Wüthrich nie richtig zu schätzen. Deshalb hat er Bern im letzten Sommer verlassen und steht nun eben bei Ambri im Tor. So ergeht es halt oft Talenten, die im eigenen Klub ausgebildet worden sind. Soeben hat Philip Wüthrich 2 Partien hintereinander (4:0 gegen Zug, 1:0 in Bern) keinen Gegentreffer zugelassen, insgesamt 72 Schüsse pariert und erst noch in Bern alle Penaltys gestoppt. Und natürlich ist er am Freitag als bester Spieler seines Teams ausgezeichnet worden. Tja, wo wäre der SCB heute, wenn sich die Sportabteilung richtig um Philip Wüthrich gekümmert hätte? Wir wollen nicht grübeln.
Ganz hoffnungslos ist die Sache allerdings nicht. Fehler gehören zur Natur des Sportes. Entscheidend ist, ob Fehler erkannt und korrigiert werden. Auch während des Spiels gegen Ambri ist neben dem Eis erneut an einer interessanten Lösungsmöglichkeit weitergearbeitet worden. Vor allem der neue Untersportchef Diego Piceci hat erkannt, dass es so nicht weitergehen kann – er und mit ihm etwas zögerlich Obersportchef Martin Plüss arbeiten an einem Plan.
Lausannes smarter Sportchef John Fust sagt: «Can’t tell you all my secrets.» Muss er auch nicht. Sein Problem: Er hat zwei Torhüter und vor allem einer ist unzufrieden: Kevin Pasche (22) und Connor Hughes (29). 2024 hat Lausanne mit Hughes als Nummer 1 den Final erreicht und 2025 mit Pasche, der auch in der Qualifikation 41 Partien bestritt. Nach einem missglückten einjährigen Nordamerika-Abenteuer (kein NHL-Spiel in der Organisation der Montréal Canadiens) ist Hughes diese Saison wieder zurück in Lausanne.
Zwei Finalhelden, aber nur einer kann jeweils spielen. Pasche hat bisher 22, Hughes 19 Partien bestritten. Beide haben beinahe identische Statistiken: Pasche hat 91,41 und Hughes 91,45 Prozent der Schüsse pariert.
Und nun kommt der SCB ins Spiel. Kevin Pasche steht noch bis 2027 bei Lausanne in Lohn und Brot. Connor Hughes bis 2031. Pasches Agent hat John Fust bereits erklärt, dass er damit rechnen muss, dass sein Klient Lausanne 2027 unter den aktuellen Voraussetzungen verlassen könnte. Pasche ist also wegen der Arbeitsteilung mit Hughes unzufrieden. Zugs Sportchef Reto Kläy hat sich schon bei Gaëtan Voisard erkundigt. Er muss im Sommer 2027 Leonardo Genoni ersetzen, verfügt über randvolle Geldspeicher und kann jede Offerte für Pasche – auch eine vom SCB Bern oder von Lausanne – kontern.
Der SCB braucht nicht erst 2027, sondern schon im Sommer eine Lösung und hat für die nächste Saison erst Christof von Burg (25) unter Vertrag. Connor Hughes könnte das SCB-Goalieproblem lösen. Also verhandelt Untersportchef Diego Piceci schon seit einer Weile mit John Fust über einen möglichen Spielertausch. Während die Chronisten auf der Medientribüne die Partie gegen Ambri verfolgten, setzte er sich im verlassenen Medienraum mit Gaëtan Voisard an den Tisch. Ein zentrales Thema: ein möglicher Spielertausch mit … Lausanne.
John Fust ist nämlich bereit, Connor Hughes aus dem Vertrag freizugeben. Aber er will einen Gegenwert. Offensivverteidiger Romain Loeffel (34) und, wenn möglich, noch einen etwas weniger prominenten, aber valablen Stürmer. Gaëtan Voisard ist der Agent von Romain Loeffel … und Kevin Pasche. Er hat also durchaus ein Interesse daran, dass der Deal über die Bühne geht.
Die SCB-Strategie: mindestens zwei der drei überforderten ausländischen Verteidiger loswerden. Aleksandr Iakovenkos Vertrag läuft sowieso aus und es müsste möglich sein, Anton Lindholm oder/und Hardy Häman Aktell aus den noch eine weitere Saison laufenden Verträgen heraus irgendwohin zu transferieren. Ohne allzu hohen Aufpreis. Im Idealfall nächste Saison nur noch ein ausländischer Verteidiger. Aber einen offensiv dominanten «Blueliner», der ein Powerplay zu managen versteht und den Verlust von Romain Loeffel wettmacht. Dazu fünf ausländische Stürmer. So müsste es möglich sein, endlich wieder Dynamik, Schwung, Energie, Drive, Wumms und Karacho in die Offensive zu bringen und das grösste Hockey-Publikum im Land endlich, endlich, endlich wieder dauerhaft zu erfreuen und zu bespassen.
Kommt der Deal mit Lausanne zustande? Das ist absolut offen. Immerhin bestätigen Obersportchef Martin Plüss, Untersportchef Diego Piceci und Gaëtan Voisard auf Anfrage Gespräche in dieser Sache – das letzte hat ja während der Partie gegen Ambri stattgefunden. Wobei Plüss einwendet, es gebe auch noch andere Möglichkeiten.
Und was meint eigentlich Romain Loeffel, der ja dann auch einverstanden sein müsste? Er ist durch und durch Musterprofi und sagt: «Ich habe noch für nächste Saison einen Vertrag mit dem SCB und ich konzentriere mich darauf, mein Bestes zu geben, und beschäftige mich nicht mit solchen Spekulationen.»
Auf den Einwand, er kenne sich ja mit Tauschgeschäften aus, vor zwölf Jahren habe ihn ja Chris McSorley bei Gottéron gegen Jeremy Kamerzin eingetauscht, muss er denn doch ein wenig schmunzeln: «Ja, dieser Transfer hat meine Karriere erst richtig lanciert …» Da bleibt als Schlussfolgerung eigentlich nur: Affaire à suivre. Wenn schon keine Unterhaltung auf, so gibt es doch beim SCB immer Kurzweil neben dem Eis.
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