Gesundheit
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Kailahun. Sierra Leone. Médecins Sans Frontières (MSF) Ebola Treatment Centre. Portrait of Anja Wolz, emergency coordinator for the Ebola project in Kailahun, Sierra Leone.

Einsatzleiterin Anja Wolz von Médecins Sans Frontières vor dem Ebola-Behandlungszentrum in Kailahun, Sierra Leone. Bild: MSF/Sylvain Cherkaoui/Cosmos

Interview mit Ebola-Spezialistin

«Das Ausmass dieser Ebola-Epidemie ist erschreckend» 

Krankenschwester Anja Wolz von Médecins Sans Frontières kämpft in Kailahun an vorderster Front gegen die Verbreitung des Ebola-Virus und sagt: «Ich fürchte, wir sehen erst die Spitze des Eisbergs.»

Das hochansteckende Ebola-Virus forderte laut dem letzten Bulletin der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vom 23. Juli 672 Todesopfer – die meisten in Guinea. Die gelernte Krankenschwester Anja Wolz aus Würzburg koordiniert für Médecins Sans Frontières in Sierra Leone den Kampf gegen Ebola. watson erreicht die Spezialistin im Behandlungszentrum in Kailahun. Das Virus forderte in Sierra Leone bereits über 224 Todesopfer.

Frau Wolz, Sie rennen von Notfall zu Notfall. Gerade am Dienstag mussten wir unser Telefonat unterbrechen. Was ist passiert?
Anja Wolz: 
Der renommierte Arzt und Kämpfer gegen das Ebola-Virus Scheik Umar Kahn ist am Dienstag in unserem Behandlungszentrum verstorben. Er hatte sich bei der Behandlung von erkrankten Patienten selbst infiziert. Mehr kann ich zu diesem Zeitpunkt nicht sagen. Kahns Tod ist ein sehr grosser Verlust für Sierra Leone.

Bei der kleinsten Unachtsamkeit könnte das Virus auch Sie töten. Wie schützen Sie sich?
Wenn wir im Behandlungszentrum arbeiten, tragen wir Mundschutz, lange Kleidung, Handschuhe, eine spezielle Kopfbedeckung und Schutzbrillen. Wir bewegen uns immer zu zweit, und jeder ist für die Einhaltung der Sicherheitsregeln durch den anderen mitverantwortlich. Wir passen aufeinander auf, fast besser als auf uns selbst. Keiner von uns ist bisher erkrankt, und darauf sind wir sehr stolz.

Anja Wolz: «Wir passen aufeinander auf, fast besser als auf uns selbst. Keiner von uns ist bisher erkrankt, und darauf sind wir sehr stolz.» Bild: MSF

«Wir wissen bis dato immer noch nicht, wie viele Dörfer von der Epidemie betroffen sind.» 

Wie ist die Lage? 
Sehr unübersichtlich. Wir stehen zwar täglich in Kontakt mit dem hiesigen Gesundheitsministerium, doch Informationen, wie sich das Virus verbreitet, fliessen nur spärlich. Es mangelt an Spezialisten, an Epidemiologen, die die Lage einschätzen und den Herd des Virus eruieren können. Die Weltgesundheitsorganisation hat das erkannt und intensiviert ihre Arbeit im Ausbreitungsgebiet. Wir wissen bis dato immer noch nicht, wie viele Dörfer von der Epidemie betroffen sind. Ich fürchte, wir sehen erst die Spitze des Eisbergs.

Wie viele Patienten behandeln Sie und ihr Team derzeit in Kailahun? 
55. 44 davon sind mit dem Ebola-Virus infiziert – bei 11 Patienten sind die Labortests noch ausstehend. In den kommenden Stunden werden wir Gewissheit haben, ob auch sie erkrankt sind. Über die Hälfte der Infizierten stirbt an inneren und äusseren Blutungen und an Organversagen. 

«Wir stehen unter einem enormen Zeitdruck.»

Wie kommen die Patienten zu Ihnen? 
Ein Team arbeitet auf dem Feld und besucht verschiedene Dörfer im Distrikt. Wir suchen quasi gezielt nach Personen, die sich mit dem Virus infiziert haben oder infiziert haben könnten und bringen sie – wenn möglich – ins Behandlungszentrum. Das Personal dafür reicht jedoch bei weitem nicht aus. Zusätzlich werden Kranke via Gesundheitsministerium an uns überwiesen. 

Ankunft im Behandlungszentrum in Kailahun. Bild: MSF

Dabei spielt das Timing eine wichtige Rolle.
Wir stehen unter einem enormen Zeitdruck: Je länger es dauert, Kontaktpersonen von Erkrankten zu finden und sie über Wochen hinweg zu untersuchen, desto schwieriger wird es, die Epidemie in den Griff zu bekommen. Viele Patienten warten schlicht zu lang, bis sie sich untersuchen lassen. Sie sterben dann nicht einmal 24 Stunden nach der Einlieferung.

Was passiert mit den Patienten, wenn sie eingeliefert werden? 
Wir teilen die Patienten in drei Kategorien ein. Die erste Gruppe, die vom Gesundheitsministerium vorbehandelt und bereits positiv auf das Virus getestet wurde, wird mit der Ambulanz eingeliefert und sofort isoliert. Bei der zweiten Gruppe handelt es sich um Personen, von denen wir annehmen, dass sie in Kontakt mit dem Virus gekommen sind.

Anja Wolz: «Die Verdachtsfälle werden sofort isoliert und getestet - danach drei Wochen permanent überwacht.» Bild: MSF



«Das Ausmass dieser Epidemie hier, in Guinea und Liberia ist erschreckend. Auch für mich.»

Die dritte Gruppe?
Sie zeigt bereits verschiedenen Symptome wie Durchfall, Übelkeit oder Fieber. Die Verdachtsfälle werden ebenso wie die zweite Gruppe sofort isoliert und getestet – danach drei Wochen permanent überwacht. So lange brauchen wir, um sicher zu sein, dass sich die Person nicht mit dem Ebola-Virus infiziert hat.

Kommen auch andere Personen zu Ihnen?
Ja, es gibt auch solche, die sich freiwillig testen lassen wollen, weil sie Angst haben, sich mit dem Virus infiziert zu haben. Ihnen müssen wir leider sagen, dass ein Test erst dann aussagekräftig ist, wenn sie bereits seit drei Tagen Symptome wie Fieber, Durchfall oder Übelkeit aufweisen. Das ist eine sehr schwierige Situation, viele verstehen unser Verhalten in solchen Fällen nicht. 

Es gibt keine Impfung gegen das Virus. Wie werden die Patienten behandelt?
Zuerst versuchen wir, das Immunsystem mit Antibiotika zu stabilisieren. Parallel dazu behandeln wir die Symptome wie Durchfall, Übelkeit und Fieber. Wir verabreichen den Patienten spezielles Essen mit einem hohen Anteil an Kohlenhydraten wie eine sehr kalorienhaltige Milch. Darüber hinaus legen wir Infusionen mit Schmerzmitteln. Und wir betreuen Patienten und Angehörige psychologisch. In einem Fall hat ein Vater acht Familienmitglieder verloren. Diesen Mann haben wir psychologisch betreut.

Anja Wolz: «Wir verabreichen den Patienten spezielles Essen mit einem hohen Anteil an Kohlenhydraten, zudem eine sehr kalorienhaltige Milch.» Bild: MSF

«Eine Ausbreitung nach Europa ist meiner Meinung nach so gut wie ausgeschlossen.» 

Wagen Sie bereits eine Prognose, wie es weitergeht?
Nein, dafür verfüge ich nicht über genügend Informationen. Ich kann nur sagen: Bei der Weltgesundheitsorganisation herrscht höchste Alarmstufe. Das Ausmass dieser Epidemie hier, in Guinea und Liberia, ist erschreckend. Auch für mich. Und ich bin seit sieben Jahren bei der Behandlung von Ebola-Kranken im Einsatz. Wir brauchen dringend mehr Personal, um der Lage Herr zu werden. 

Neben der Behandlung der Patienten betreibt Médecins Sans Frontières auch Aufklärung. Wie muss man sich das vorstellen?
Wir gehen in die Dörfer, zu den Menschen, klären sie über das Virus auf. Versuchen, der Bevölkerung zu erklären, wo die Gefahren liegen, wie man sich schützen kann. Viele Menschen verneinen die Existenz des Virus. Es braucht – zumindest teilweise – sehr grosse Überzeugungskraft. 

Epidemiologe Michel Van Herp leistet Aufklärungsarbeit im Ort Gbando. Bild: MSF

Ein grosses Problem sind die Beerdigungsrituale, bei denen die Verstorbenen noch einmal umarmt werden.
Viele Angehörige haben sich dadurch mit dem Virus infiziert. Wir müssen Beerdigungsteams in Dörfer schicken, wo wir von Ebola-Toten wissen oder sie vermuten. Für die Leichen benutzen wir einen speziellen Plastiksack. Wir desinfizieren das Haus des Verstorbenen und die Latrinen mit Chlor und verbrennen Bettlaken und andere Gegenstände, die zu einer Ausbreitung führen könnten. Doch leider müssen wir davon ausgehen, dass es Dörfer gibt, in denen das Virus grassiert, wir aber nichts davon wissen. Hinzu kommt die Angst; viele erkrankte Menschen schämen sich und tauchen ab.

Zwei Tage nachdem Finda Marie Kamano positiv auf das Virus getestet wurde, stirbt sie. Im Bild ihre trauernde Schwester Fatou. Bild: MSF

Wie gross ist die Gefahr, dass sich das Virus auf weitere Länder ausbreitet?
Das Virus kennt keine Grenzen. Das hat der Fall in Nigeria gezeigt. Dass das Virus weiterverschleppt wird, ist offensichtlich. Hinzu kommt: Die Grenzen zwischen Sierra Leone, Guinea und Liberia sind faktisch offen. Es wurden zwar Checkpoints eingerichtet, um Grenzübertritte besser zu kontrollieren, das hindert die Menschen aber nicht daran, zwischen den Ländern zu pendeln.  

Besteht eine Gefahr für Europa?
Eine Ausbreitung nach Europa ist meiner Meinung nach so gut wie ausgeschlossen. Hier konnte sich die Krankheit nur wegen des schwachen Gesundheitssystems verbreiten. Bei uns wäre das nicht möglich. Alle unsere Anstrengungen müssen der Eindämmung von Ebola in Westafrika gelten.

Anja Wolz: «Wenn wir im Behandlungszentrum arbeiten, tragen wir Mundschutz, lange Kleidung, Handschuhe, eine spezielle Kopfbedeckung und Schutzbrillen.» Bild: MSF

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    Alle Leser-Kommentare
  • AndréBerger 01.08.2014 10:27
    Highlight Highlight Schon mal darüber nach gedacht?
    Wie vernichtet man am einfachsten Menschen,wenn es zu viele werden? In Afrika ist es seit Jahrzehnten Aids.Aktuell Ebola,damit schnell Viele dem zum Opfer fallen.Im "Nahen Osten" ist es Krieg!
    Die Ukraine hat schon Krieg! In Europa könnte es einen Krieg "aus Versehen" geben! Jetzt fehlt nur noch eine Vogelgrippe in Asien, der wieder tausende zum Opfer fallen. Und wer profitiert davon? Denkt mal bitte nach! Und vor allem, wer profitiert davon?
    Mensch, wacht endlich auf!
    Geht auf die Straße und zeigt der Politik, dass wir das Volk sind!
    • Tux 01.08.2014 10:42
      Highlight Highlight -.....meine Worte....- leider verklingen solche Worte oft ungehört und dann folgt ein grosses Geschrei....
  • Zeit_Genosse 31.07.2014 20:29
    Highlight Highlight Grosses Kompliment an die Helfer von MSF. Sie leisten viel und manchmal gegen die Zeit und die Bräuche der Menschen dort. Wenn man den Betroffenen in den Zentren nicht helfen kann, sie also trotzdem sterben, spricht sich das herum und die Betroffenen in den Dörfern tauchen ab oder lassen sich nicht helfen. Ich hoffe, dass eine Eindämmung gelingt und Epedemie wirklich lokal bleibt. Zudem hoffen wir auch, dass wir nicht Viren über "Selbsmordattentäter" als gesteuerte und entsandte Infizierte eingeschleppt erhalten. Potenzielle Terror-Gruppierungen gibt es genug. Deshalb ist auch diese noch vage "Bedrohungslage" im Auge zu behalten.

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