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Essener Volksschule Mai 1933

Gleichgeschaltet: Essener Klassenzimmer im Mai 1933. Bild: www.jugend1918-1945.de

lehrerpranger der JSVP

Der Denunziant im Klassenzimmer weckt ungute Erinnerungen

Die JSVP will eine Online-Meldestelle einrichten, damit Schüler linke Lehrer «verpfeifen» können. Diese Förderung des Denunziantentums erinnert an totalitäre Systeme. 



«Petzen» ist ein in Klassenzimmern häufig verwendeter Begriff. Schüler bezeichnen damit eine Tätigkeit, die nicht als fein gilt: Wer einer Autoritätsperson das unerwünschte Verhalten eines Mitschülers meldet, macht sich nicht beliebt. Der grosse Bruder der Petze ist der Denunziant, von dem das geflügelte Wort geht: «Der grösste Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant.» 

Kein Wunder, dass sich das böse Wort «Denunziation» auf der von der Jungen SVP lancierten Seite «Freie Schulen – Stopp der politischen Indoktrination!» nicht findet. Die JSVP will mit der Online-Meldestelle nach eigenen Angaben der «politisch einseitigen Beeinflussung an Schweizer Schulen» den Riegel schieben. Gemeint dürften dabei vor allem linke Pädagogen sein. 

Wenn Schüler die politische Korrektheit ihrer Lehrpersonen im Unterricht – und womöglich auch ausserhalb des Klassenzimmers – überwachen und vermeintliche Abweichungen der SVP-Meldestelle hinterbringen sollen, erinnert dies unweigerlich an die Verhältnisse in totalitären Staaten. Besonders verheerend wirkte sich das Denunziantentum – nicht nur im Bereich der Schule – im «Dritten Reich» und in der SED-Diktatur aus. 

Die Gestapo arbeitete hauptsächlich mit Denunzianten

Bild

Karikatur im Nazi-Hetzblatt «Stürmer» (1934) zur Entfernung der jüdischen Lehrkräfte aus den Schulen. Bild: PD

Vor allem der NS-Staat baute nicht so sehr auf seinen Repressions- und Spitzelapparat, um Gegner und Kritiker des Regimes aufzuspüren, sondern vertraute in hohem Masse auf das Denunziantenwesen. Bereits im März 1933 erliess er die sogenannte «Heimtücke-Verordnung»; im Dezember 1934 folgte das «Heimtücke-Gesetz», das unter anderem gehässige Äusserungen «über leitende Persönlichkeiten des Staates oder der NSDAP» mit Gefängnis bedrohte. Damit war dem Denunziantentum Tür und Tor geöffnet. Allerdings gab es – ausser bei Hoch- und Landesverrat – keine Pflicht zur Denunziation.  

Dennoch «avancierte die Denunziation zum zentralen Bindeglied zwischen Staatsapparat und Bevölkerung». Die Gestapo war mitnichten die allmächtige, omnipräsente Organisation, als die sie heute oft erscheint – sie war in hohem Masse abhängig von der Denunziationsbereitschaft in der Bevölkerung. Schätzungsweise bis zu achtzig Prozent aller Verhaftungen beruhten auf Denunziationen und nicht auf eigenen Ermittlungen der Gestapo oder Meldungen ihrer V-Leute.  

Gleichschaltung der Lehrerschaft

Obwohl nur eine Minderheit der Deutschen sich als Denunziant betätigte, genügte die von ihr ausgehende Gefahr, um die gesamte Bevölkerung zu terrorisieren. Dies galt auch für den Bereich der Schule, wo Jugendliche, sogar Kinder, ihre Lehrer anzeigen konnten, um missliebige Autoritätspersonen loszuwerden. 

«Denunziation ist ein Zeichen antifaschistischer Wachsamkeit.» 

Erich Mielke, 1957-1989, Stasi-Chef (1948)

Zugleich wurde die Lehrerschaft im Dritten Reich von oben her gleichgeschaltet. Das «Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums» vom April 1933 bot Handhabe zur Entlassung missliebiger Lehrpersonen. Alle jüdischen Lehrerinnen und Lehrer mussten die Schulen verlassen, dazu ein Drittel aller Lehrerinnen. Aber auch pazifistisch eingestellte, sozialistische oder kommunistische Lehrkräfte wurden entlassen. Wer bleiben durfte, musste sich der Nazi-Ideologie fügen. 97 Prozent aller Lehrer wurden Mitglieder des NS-Lehrerbunds. 

Die Schler stehen in Pionierkleidung (weiáes Hemd, blaues Halstuch) vor ihren Pl„tzen<BR>Aufnahmedatum: 1979<BR>Aufnahmeort: Berlin<BR>Systematik: <BR>Geschichte / Deutschland / 20. Jh. / DDR / Bildung und Wissenschaft / Schulen / Unterricht / im Klassenraum

DDR-Pioniere im Klassenzimmer.  Bild: Bildarchiv preussischer Kulturbesitz

Das Spitzelsystem der DDR

In der DDR dagegen konnte das nicht allzu populäre Regime weniger stark auf die Denunziationsbereitschaft der Bevölkerung vertrauen. Der SED-Staat baute deshalb ein beeindruckendes Spitzelsystem auf: 1989 gab es in der DDR rund 180'000 sogenannte «Informelle Mitarbeiter» (IM) – mehr als ein Prozent der Bevölkerung. Auf 90 Einwohner kam ein Spitzel

Das Ergebnis war ein umfassendes Klima des Misstrauens, das sich auch in den Schulen auswirkte. Lehrer schauten vorsichtshalber im Klassenbuch nach, welche Eltern SED-Mitglieder waren, da sie bei deren Kindern vorsichtig sein mussten. Schulen und Kindergärten, so gab ein Stasi-Offizier der Abteilung Kader und Schulung zu, waren «die Drehbänke, auf denen unsere IMs gefräst» wurden. So war denn auch ein Grossteil der DDR-Lehrer linientreu

Pikant: Unlängst hat SVP-Präsident Toni Brunner sich empört gegen die Unterstellung von «braunen Tendenzen» zur Wehr gesetzt. Bei den Von-Wattenwyl-Gesprächen verweigerte er seinem BDP-Amtskollegen Martin Landolt den Handschlag. Landolt hatte der SVP wegen ihrer Initiativpläne zum Asylrecht «braune Tendenzen» vorgeworfen. 

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    Alle Leser-Kommentare
  • MRK 20.09.2014 02:08
    Highlight Highlight die JuSo sollte, rechte Polizisten fichieren!
  • Tain 04.09.2014 20:39
    Highlight Highlight Analysieren wir einmal die andere Seite: Ich bewundere jede soziale SVP-Lehrkraft, die trotz ihrer Gesinnung Kindern mit Migrationshintergrund die gleiche Unterstützung zukommen lässt wie allen andern und sich mit vollen Einsatz im Berufswahlunterricht dafür einsetzt, dass alle aus der Klasse eine Lehrstelle finden. Dass lernschwache Kinder die entsprechende Unterstützung bekommen, Elterngespräche mit Dometschern durchzuführen, ... was das alles den Staat kostet! Ich kann mir die innere Zerrissenheit kaum vorstellen, dauernd gegen die eigenen Prinzipien arbeiten zu müssen. Da ist mir ein gegebenfalls linkslastiger Mathematikunterricht oder Turnunterricht lieber :-D
  • Miguel Deantoniymaura 04.09.2014 09:35
    Highlight Highlight Etwas Hoffnung gibt mir die Tatsache, dass uns die Geschichte zeigt, was mit totalitären Systemen und deren Köpfe geschehen kann:
    - Hitler beging (anscheinend) Selbstmord
    - Mussolini wurde kopfüber aufgehängt
    - Mielke, ein verurteilter Mörder, starb kurz nach seiner Haftentlassung
    - Ceaușescu wurde hingerichtet

    So gesehen, wird alles gut, und braun wird zu grün, rot wird zu gelb, bunt ist schöner als schwarz-weiss.
  • Fulehung1950 03.09.2014 11:57
    Highlight Highlight Es gibt Leute, die können nicht oder wollen nicht verstehen. Das Thema ist nicht, wie viele Lehrer Links- und wie viele Rechtsdrall haben. Es geht auch nicht darum -im vorliegenden Artikel- ob politische Indoktrination gut oder schlecht bzw. statthaft sei (ich bin klar der Meinung: nein). Was die JSVP macht ist aber definitiv ein Aufruf zum Denunziantentum. Darum geht es. Mag sie noch so stümperhaft aufgezogen sein. Und der Artikel erinnert nur daran, was Denunziantentum in der Vergangenheit für Konsequenzen mit sich brachte. Und das hier ist ein (womöglich untauglicher) Anfang, gegen den man sich zur Wehr setzen muss, bevor Denunziantentum wie andere Erscheinungen, an die wir uns mit Grauen erinnern sollten, salonfähig wird.

    Wenn ich auf der besagten Website das Kapitel "Alternatives Wissen" anklicke wird mir jedenfalls allein bei der Vorstellung, mit was die Unterkapitel gefüllt werden könnten, übel.
    • goschi 03.09.2014 17:51
      Highlight Highlight danke für die klaren Worte!
  • Kari Metzger 02.09.2014 14:37
    Highlight Highlight Ich bin in den von 1950-1959 in einem Thurgauischen Dorf in die Schule gegangen. Damals hiess die SVP noch Bauern- Gewerbe und Bürgerpartei, die CVP hiess bei uns noch Katholisch- Konservative Volkspartei. Was glauben Sie, was unsere Lehrer für Gedankengut verbreiteten? Es herrschte auch noch Prügelstrafe. Aus mir ist trotzdem, oder gerade deswegen ein Sozialdemokrat und Gewerkschafter geworden. Gefährlich sind nur die sozialen Medien, die man heute verwenden kann, sonst wissen sich junge Leute schon selber eine Meinung zu bilden.
  • richierichrich 02.09.2014 14:15
    Highlight Highlight Warum gebt ihr der JSVG überhaupt eine Plattform? Nicht nur ist der Vorwurf der systematischen Indoktrination an Schulen einfach hanebüchen, die ganze Kampagne ist anfängerhaft aufgezogen und die Webseite schrecklich. Es würde sich wahrscheinlich niemand ernsthaft dafür interessieren, wenn nicht sofort das Nazivergleichsgeschrei losginge. Dass die SVP und die JSVP mit brauner Rhetorik & Symbolik kokettieren ist reines Kalkül. Leider gehen ihnen die Medien immer wieder auf den Leim. Kein Wunder versuchen alle Parteien auf Sensationspolitik zu machen, es funktioniert.
  • Negan 02.09.2014 09:36
    Highlight Highlight Also ich muss da mal was loswerden.... Es wird ja schon alles etwas aufgebauscht. Aber das braucht es auch in der Politik. Ich kann nur sagen, dass meine Frau Primarlehrerin ist im Kanton Zürich. Da Sie auch noch häufig vikarisiert kann ich von mehreren Schulen sprechen. Fakt ist, dass Sie IMMER in den Lehrerzimmern bei politischen Themen alleine steht und teilweise sogar geächtet wurde nur weil Sie halt eher SVP wählt. Konkret; Wir haben etwa 8 Lehrer in unserer Familie und jeder sagt das selbe; Die Schule und 85% der Lehrer sind absolut rigoros links eingestellt und kommunizieren dies auch!
    • goschi 02.09.2014 10:16
      Highlight Highlight Eine konservatives Weltbild korreliert nunmal nur gering mit dem Wunsch, sich neues Wissen anzueignen und dies möglichst weltoffen weiterzugeben.
      Nicht umsonst sind Stadtbewohner (die offener für neues sind) politisch weiter links angesiedelt als Dorfbewohner
      Lehrer ist ein Beruf der mit dem linken Weltbild mehr gemeinsamkeiten hat als mit dem rechten.

      Aber das ist im Endeffekt egal, denn die relevante Frage ist doch wirklich die, wurde die Gesellschaft denn trotz linker Lehrer linker oder hat der Interviewpartner vielleicht doch recht, wenn er sagt, dass es keinen relevanten Einfluss hat?
    • kurt3 02.09.2014 10:37
      Highlight Highlight Für mich stellt sich Frage, was ist links ? Alles was nicht SVP oder rechts davon angesiedelt ist ?Eine Frage hätte ich noch . Die JSVP will im Fanshop Blocher T-Shirts anbieten. Darf man dann die Träger derselben als Blocherjugend bezeichnen ?
    • Kastigator 02.09.2014 11:20
      Highlight Highlight Aha. Und wie viel davon dringt im Unterricht durch? Was geht uns das Lehrerzimmer, also das private Sein der LehrerInnen an? Und deine Frau unterrichtet natürlich gänzlich ideologiefrei, gell ...
    Weitere Antworten anzeigen
  • MediaEye 02.09.2014 08:18
    Highlight Highlight drehen wir den Spiess doch einfach um; jeder, der die Umtriebe eines Sektenmitglieds der Folchspartei rund um ihrem Guru vom Herrliberg meldet, erhält eine Prämie aus einem Fonds
    • Miguel Deantoniymaura 04.09.2014 09:40
      Highlight Highlight Das Gold aus Fort Knox würde nicht ausreichen...
  • Zeit_Genosse 02.09.2014 07:58
    Highlight Highlight Gegen gut geführte Schulen ist nichts einzuwenden. Wenn die meist Miliz-Schulpflegen fachlich und führungsfähig gut besetzt sind (nicht nur politischmotivierte), die Schulleitung ihre Führungsrolle konsequent und kompetent wahrnimmt und bei der Lehrpersonen Rekrutierung und Qualifikation seriös arbeitet, kommt es nicht zu der beschriebenen Situation. Dann kann die JSVP die Stiefel wieder abziehen.
  • MM 02.09.2014 01:07
    Highlight Highlight Übrigens: ganz gross haben das die jungen grünen gelöst. Die JSVP hat wohl nicht so weit gedacht, auch freieschulen.ch (ohne Bindestrich) zu registrieren...
  • MM 02.09.2014 00:58
    Highlight Highlight Dass das Wort Denunziation nicht vorkommt, ist falsch. Sogar auf der Hauptseite distanzieren sie sich vom Denunziantentum.

    Nicht dass ich das Projekt rechtfertigen will, im Gegenteil. Aber wir wollen ja fair bleiben.
  • smoe 01.09.2014 23:21
    Highlight Highlight Mittlerweile haben sie den Text auf der Website geändert. Vor Kurzem ging es bei dem Projekt noch explizit um die Indoktrination linker Lehrer. Schon praktisch dieses Internet, wenn man seine Meinung schnell ändern kann, sobald der mediale Gegenwind etwas zu stark bläst. Etwas naiv jedoch zu glauben, dass so was unbemerkt bleibt.
  • Ridcully 01.09.2014 21:27
    Highlight Highlight ... und nachher soll blos KEINER sagen man hätte von Nichts gewusst...

In Deutschland waren die Flüchtlinge nicht mal willkommen, als es Deutsche waren

Wer glaubt, für Fremdenfeindlichkeit brauche es Menschen aus fremden Ländern, irrt. Nach dem verlorenen Krieg drängten sich Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten in Rest-Deutschland. Heute gilt ihre Aufnahme als vorbildlich – doch in Wahrheit schlugen ihnen damals Hass und Verachtung entgegen und der offen ausgesprochene Gedanke, nicht nach Westdeutschland, sondern nach Auschwitz zu gehören.

Der Volkszorn kocht, und der Redner weiss genau, was die Leute hören wollen: «Die Flücht­lin­ge müs­sen hin­aus­ge­wor­fen wer­den, und die Bau­ern müs­sen da­bei tat­kräf­tig mit­hel­fen», ruft Josef Fischbacher. Der Kreisdirektor des bayerischen Bauernverbandes giesst kräftig Öl ins Feuer und nimmt sogar das Nazi-Wort «Blutschande» in den Mund.

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