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Assad allein zu Hause: Was in Syrien gerade passiert

An image of Syrian President Bashar Assad, riddled with bullets, is seen on the facade of the provincial government office in the aftermath of the opposition's takeover of Hama, Syria, Friday, De ...
Ein von Rebellen mit Kugeln durchsiebtes Porträt von Baschar al-Assad in Hama. Bild: keystone
Analyse

«Assad ist ganz allein»: Wie Syriens Diktator in Rücklage geriet

In Syrien sind die Rebellen auf dem Vormarsch. Sie haben Aleppo und Hama erobert und profitieren davon, dass die Verbündeten von Diktator Baschar al-Assad geschwächt sind.
06.12.2024, 16:4006.12.2024, 17:33
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Man hatte diesen Konflikt schon fast vergessen. Doch jetzt überschlagen sich in Syrien die Ereignisse. Innerhalb weniger Tage haben Rebellen der islamistischen Gruppe Haiat Tahrir al-Scham (HTS) Aleppo eingenommen, die zweitgrösste Stadt des Landes. Am Donnerstag folgte Hama. Noch am Vortag hatte die syrische Armee eine Gegenoffensive angekündigt.

Am Ende fiel die Stadt offenbar ohne grossen Widerstand. Nun nehmen die Aufständischen Homs ins Visier, die drittgrösste Stadt. Ihr Fall wäre für das Regime von Diktator Baschar al-Assad gravierend, denn damit wären die Gebiete am Mittelmeer vom Rest des Landes abgeschnitten. Dort leben viele Alawiten, denen der Assad-Clan angehört.

Rasanter Vormarsch
Die islamistischen Kämpfer in Syrien rücken offenbar weiter rasant vor. Nach ihrer Einnahme der Grossstädte Aleppo und Hama im Nordwesten des Landes befänden sich die Gruppe Hajat Tahrir al-Scham (HTS) und ihre Verbündeten nur noch fünf Kilometer von der Stadt Homs entfernt, erklärte am Freitag die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Es ist allerdings laut Berichten unklar, ob die Rebellen über genügend Kämpfer verfügen, um Homs mit etwa 1,4 Millionen Einwohnern einzunehmen.

HTS-Anführer Abu Mohammed al-Dscholani bekräftigte das Ziel, Machthaber Baschar al-Assad zu stürzen. Syrische Quellen berichten ausserdem von ersten Kämpfen in der Hauptstadt Damaskus. Es soll Schüsse in der Nähe von Assads Präsidentenpalast und Explosionen am Verteidigungsministerium gegeben haben.

Ist ein vermeintlich überwundener Konflikt neu entbrannt? Wirklich beigelegt wurde der vor 13 Jahren ausgebrochene, durch den «arabischen Frühling» inspirierte Bürgerkrieg nie. Faktisch herrschte in Syrien eine Friedhofsruhe. Denn das Assad-Regime konnte oder wollte der erschöpften und verarmten Bevölkerung keine Perspektive bieten.

Syrian opposition fighters stand atop a seized military armored vehicle on the outskirts of Hama, Syria, Dec. 3, 2024. (AP Photo/Ghaith Alsayed)
HTS-Kämpfer auf einem erbeuteten Panzer bei Hama. Auf ihrem Vormarsch sollen ganze Waffenlager in ihre Hände gefallen sein. Bild: keystone

Von Russland und Iran gerettet

Der mit Protesten in der Stadt Daraa im März 2011 entfachte Aufstand wurde mit beispielloser Brutalität bekämpft. Dennoch hätte Assad den Bürgerkrieg wohl verloren, wenn ihm nicht Russland und Iran zu Hilfe geeilt wären. Wladimir Putin schickte Kampfjets, und Teheran beorderte Tausende Hisbollah-Kämpfer aus dem Libanon ins Nachbarland.

Gemeinsam drängten sie die Rebellen in deren Hochburg Idlib im Nordwesten zurück, wo sie sich halten konnten. Und von wo aus sie ihre Offensive begannen, die ihnen spektakuläre Erfolge bescherte. Allerdings gibt es in der syrischen Opposition verschiedene Gruppen, die gegensätzliche Interessen verfolgen. Entsprechend unübersichtlich ist die Lage.

Im Stich gelassen

Klar ist aber, dass der Vormarsch kaum möglich wäre, wenn Baschar al-Assad nach wie vor auf seine Verbündeten zählen könnte. Doch Putin ist mit der Ukraine beschäftigt und Iran durch den Konflikt mit Israel geschwächt. «Assad ist jetzt ganz allein», sagte Joshua Landis, ein Syrien-Experte und Leiter des Nahost-Programms an der University of Oklahoma, der «New York Times».

Das mag ein wenig zugespitzt sein, doch die Fakten sprechen eine klare Sprache. Obwohl sich Assad intensiv um Unterstützung bemüht, lässt diese offenbar auf sich warten.

Russland

FILE - Russian President Vladimir Putin, center, shakes hand with Syrian President Bashar Assad as Russian Foreign Minister Sergey Lavrov, right, looks on in the Kremlin in Moscow, Russia on Oct. 20,  ...
Beim Besuch in Moskau im Oktober 2015 vereinbarten Baschar al-Assad und Wladimir Putin den Einsatz der russischen Luftwaffe.Bild: keystone

Als das Assad-Regime 2015 am Ende schien, schaltete sich Wladimir Putin ein. Seine Luftwaffe bombardierte die Aufständischen und schreckte nicht vor Angriffen auf Spitäler zurück. Als Dank erhielt er von Assad in der Hafenstadt Tartus einen Marinestützpunkt, den einzigen im Mittelmeer. In Syrien befindet sich auch eine wichtige Luftwaffenbasis.

Nach der Eroberung Aleppos griffen russische Kampfjets an, doch den HTS-Vormarsch konnten sie nicht stoppen. Während Putin gleichzeitig die Ukraine zerbomben lässt. Seine Ressourcen sind offenbar nicht unendlich. Als Reaktion soll er seinen kommandierenden General in Syrien gefeuert und Kriegsschiffe aus Tartus abgezogen haben.

Iran

Für Iran ist Syrien ein unverzichtbares Bindeglied in der «Achse des Widerstands» gegen Israel, vor allem für den Nachschub an die libanesische Hisbollah-Miliz. Diese schickte im Bürgerkrieg Tausende Kämpfer, die die syrische Armee unterstützten. Doch der durch einen fragilen Waffenstillstand beigelegte Kampf gegen Israel hat die Hisbollah stark geschwächt.

Sie hat gemäss der «Washington Post» erneut Kämpfer nach Syrien entsandt. Unterstützung gibt es auch durch proiranische Milizen aus dem Irak. Diese sind jedoch nach Ansicht von Analysten ungenügend ausgebildet und bewaffnet. Es scheint fraglich, dass sie Assad retten können. Bereits gibt es Forderungen, irakische Soldaten nach Syrien zu verlegen.

Letztlich ist das Regime in Teheran angeschlagen. Sein Netzwerk soll sich nicht vom Verlust des charismatischen, für Auslandseinsätze zuständigen Generals Ghassem Soleimani erholt haben, so die «Washington Post». Er war Anfang 2020 auf Befehl des damaligen US-Präsidenten Donald Trump durch eine Drohne in Bagdad getötet worden.

Israel

Israel hat in den letzten Jahren wiederholt das Nachbarland angegriffen. Betroffen waren Waffenlieferungen an die Hisbollah, aber auch Offiziere der iranischen Revolutionsgarde. Das Verhältnis zum Regime aber ist ambivalent. Die Assads – Baschar und zuvor sein Vater Hafis – waren für die Israelis «der Teufel, den wir kennen». Man arrangierte sich mit ihnen.

Ihr Sturz und die Einrichtung eines dschihadistischen Regimes sind für Israel eine unbequeme Vorstellung. Allerdings könnte Erzfeind Iran erheblich geschwächt werden. Gleichzeitig sind die Israelis durch den Krieg gegen die Hamas in Gaza absorbiert. Viel mehr als eine Zuschauerrolle bleibt ihnen in der aktuellen Lage kaum.

Türkei

epa11753233 Iranian students hold a placard reading in Persian 'Erdogan, stop supporting terrorism' during a protest against the Turkish government in front of the Turkish embassy in Tehran, ...
Iranische Studenten protestieren in Teheran gegen die angebliche Unterstützung von Präsident Erdogan für die syrischen Rebellen.Bild: keystone

Die Türkei und ihr Präsident Recep Tayyip Erdogan spielen eine zwiespältige Rolle. Faktisch ermöglichten sie den Rebellen das Überleben in Idlib, vor allem bei der Abwehr syrischer und russischer Angriffe. Gleichzeitig wollen sie die kurdischen Milizen in Schach halten, die im Nordosten Syriens ein halbstaatliches Gebilde namens Rojava errichtet haben.

Die Errichtung eines kurdischen Staats ist für Erdogan ein Albtraum. Die türkische Armee hat grosse Teile des syrischen Grenzgebiets besetzt. Mit dem Vormarsch der HTS hat er angeblich nichts zu tun. Er fürchtete eine Eskalation, doch eine Schwächung Assads käme ihm nicht ungelegen, auch wegen der rund drei Millionen syrischen Flüchtlinge in der Türkei.

Es ist eine konfuse Gemengelage. «In kaum einem anderen Konflikt mischen so viele internationale Akteure mit wie in dem Kampf um Syrien», schreibt der «Spiegel». Man könnte auch die arabischen Nachbarn erwähnen, die Assad lange als «Paria» behandelten. In den letzten Jahren kam es zu einer Annäherung, doch das Verhältnis bleibt angespannt.

Hauptgrund ist die synthetische Droge Captagon, mit der der Assad-Clan die Nachbarn «überschwemmt», weil er sein ausgelaugtes Land nicht mehr ausplündern kann. Baschar al-Assad hat sein Versprechen, den Drogenhandel zu stoppen, nie eingehalten. Für die Araber bleibt Syrien ein heikler Fall, auch wegen der Rivalität mit Iran und der Türkei.

Wie es weitergeht, ist offen. Die Schwäche von Assad und seinen Verbündeten aber scheint die Rebellen zu beflügeln. Ihr Anführer Abu Mohammed al-Dschulani bemühte sich im Interview mit CNN sichtlich um ein gemässigtes, fast staatsmännisches Image. Dazu passt, dass er zuletzt meist seinen richtigen Namen verwendete: Ahmed al-Sharaa.

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94 Kommentare
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bitzliz'alt
06.12.2024 17:53registriert Dezember 2020
Anscheinend wurde grad eine weitere Front eröffnet. Und beim russischen Mittelmeerstützpunkt sind ja einige Schiffe schon abgehauen ... Nachdem Putin im Berg-Karabach Konflikt Armenien schon im Stich gelassen hat, wird er nun Assad fallen lassen (müssen). Wenn sich das rumspricht, dass der Putinklan nur "grosse Klappe nix dahinter" darstellt, könnte noh bis Jahresende noch einiges in Bewegung geraten....
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stronghelga
06.12.2024 17:58registriert März 2021
Assad hat ausgedient. Seine Menschenverachtung ist legendär. Möglicherweise ist dies sein Ende auch. Unglücklicherweise für das syrische Volk ist die voraussichtliche Nachfolge nicht viel besser. Ein Desaster.
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Frictoin the second
06.12.2024 18:47registriert Juni 2022
Diese Rebellen sind genauso gefährlich wie das Assad-Regime.
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