Man hatte diesen Konflikt schon fast vergessen. Doch jetzt überschlagen sich in Syrien die Ereignisse. Innerhalb weniger Tage haben Rebellen der islamistischen Gruppe Haiat Tahrir al-Scham (HTS) Aleppo eingenommen, die zweitgrösste Stadt des Landes. Am Donnerstag folgte Hama. Noch am Vortag hatte die syrische Armee eine Gegenoffensive angekündigt.
Am Ende fiel die Stadt offenbar ohne grossen Widerstand. Nun nehmen die Aufständischen Homs ins Visier, die drittgrösste Stadt. Ihr Fall wäre für das Regime von Diktator Baschar al-Assad gravierend, denn damit wären die Gebiete am Mittelmeer vom Rest des Landes abgeschnitten. Dort leben viele Alawiten, denen der Assad-Clan angehört.
Ist ein vermeintlich überwundener Konflikt neu entbrannt? Wirklich beigelegt wurde der vor 13 Jahren ausgebrochene, durch den «arabischen Frühling» inspirierte Bürgerkrieg nie. Faktisch herrschte in Syrien eine Friedhofsruhe. Denn das Assad-Regime konnte oder wollte der erschöpften und verarmten Bevölkerung keine Perspektive bieten.
Der mit Protesten in der Stadt Daraa im März 2011 entfachte Aufstand wurde mit beispielloser Brutalität bekämpft. Dennoch hätte Assad den Bürgerkrieg wohl verloren, wenn ihm nicht Russland und Iran zu Hilfe geeilt wären. Wladimir Putin schickte Kampfjets, und Teheran beorderte Tausende Hisbollah-Kämpfer aus dem Libanon ins Nachbarland.
Gemeinsam drängten sie die Rebellen in deren Hochburg Idlib im Nordwesten zurück, wo sie sich halten konnten. Und von wo aus sie ihre Offensive begannen, die ihnen spektakuläre Erfolge bescherte. Allerdings gibt es in der syrischen Opposition verschiedene Gruppen, die gegensätzliche Interessen verfolgen. Entsprechend unübersichtlich ist die Lage.
Klar ist aber, dass der Vormarsch kaum möglich wäre, wenn Baschar al-Assad nach wie vor auf seine Verbündeten zählen könnte. Doch Putin ist mit der Ukraine beschäftigt und Iran durch den Konflikt mit Israel geschwächt. «Assad ist jetzt ganz allein», sagte Joshua Landis, ein Syrien-Experte und Leiter des Nahost-Programms an der University of Oklahoma, der «New York Times».
Das mag ein wenig zugespitzt sein, doch die Fakten sprechen eine klare Sprache. Obwohl sich Assad intensiv um Unterstützung bemüht, lässt diese offenbar auf sich warten.
Als das Assad-Regime 2015 am Ende schien, schaltete sich Wladimir Putin ein. Seine Luftwaffe bombardierte die Aufständischen und schreckte nicht vor Angriffen auf Spitäler zurück. Als Dank erhielt er von Assad in der Hafenstadt Tartus einen Marinestützpunkt, den einzigen im Mittelmeer. In Syrien befindet sich auch eine wichtige Luftwaffenbasis.
Nach der Eroberung Aleppos griffen russische Kampfjets an, doch den HTS-Vormarsch konnten sie nicht stoppen. Während Putin gleichzeitig die Ukraine zerbomben lässt. Seine Ressourcen sind offenbar nicht unendlich. Als Reaktion soll er seinen kommandierenden General in Syrien gefeuert und Kriegsschiffe aus Tartus abgezogen haben.
Für Iran ist Syrien ein unverzichtbares Bindeglied in der «Achse des Widerstands» gegen Israel, vor allem für den Nachschub an die libanesische Hisbollah-Miliz. Diese schickte im Bürgerkrieg Tausende Kämpfer, die die syrische Armee unterstützten. Doch der durch einen fragilen Waffenstillstand beigelegte Kampf gegen Israel hat die Hisbollah stark geschwächt.
Sie hat gemäss der «Washington Post» erneut Kämpfer nach Syrien entsandt. Unterstützung gibt es auch durch proiranische Milizen aus dem Irak. Diese sind jedoch nach Ansicht von Analysten ungenügend ausgebildet und bewaffnet. Es scheint fraglich, dass sie Assad retten können. Bereits gibt es Forderungen, irakische Soldaten nach Syrien zu verlegen.
Letztlich ist das Regime in Teheran angeschlagen. Sein Netzwerk soll sich nicht vom Verlust des charismatischen, für Auslandseinsätze zuständigen Generals Ghassem Soleimani erholt haben, so die «Washington Post». Er war Anfang 2020 auf Befehl des damaligen US-Präsidenten Donald Trump durch eine Drohne in Bagdad getötet worden.
Israel hat in den letzten Jahren wiederholt das Nachbarland angegriffen. Betroffen waren Waffenlieferungen an die Hisbollah, aber auch Offiziere der iranischen Revolutionsgarde. Das Verhältnis zum Regime aber ist ambivalent. Die Assads – Baschar und zuvor sein Vater Hafis – waren für die Israelis «der Teufel, den wir kennen». Man arrangierte sich mit ihnen.
Ihr Sturz und die Einrichtung eines dschihadistischen Regimes sind für Israel eine unbequeme Vorstellung. Allerdings könnte Erzfeind Iran erheblich geschwächt werden. Gleichzeitig sind die Israelis durch den Krieg gegen die Hamas in Gaza absorbiert. Viel mehr als eine Zuschauerrolle bleibt ihnen in der aktuellen Lage kaum.
Die Türkei und ihr Präsident Recep Tayyip Erdogan spielen eine zwiespältige Rolle. Faktisch ermöglichten sie den Rebellen das Überleben in Idlib, vor allem bei der Abwehr syrischer und russischer Angriffe. Gleichzeitig wollen sie die kurdischen Milizen in Schach halten, die im Nordosten Syriens ein halbstaatliches Gebilde namens Rojava errichtet haben.
Die Errichtung eines kurdischen Staats ist für Erdogan ein Albtraum. Die türkische Armee hat grosse Teile des syrischen Grenzgebiets besetzt. Mit dem Vormarsch der HTS hat er angeblich nichts zu tun. Er fürchtete eine Eskalation, doch eine Schwächung Assads käme ihm nicht ungelegen, auch wegen der rund drei Millionen syrischen Flüchtlinge in der Türkei.
Es ist eine konfuse Gemengelage. «In kaum einem anderen Konflikt mischen so viele internationale Akteure mit wie in dem Kampf um Syrien», schreibt der «Spiegel». Man könnte auch die arabischen Nachbarn erwähnen, die Assad lange als «Paria» behandelten. In den letzten Jahren kam es zu einer Annäherung, doch das Verhältnis bleibt angespannt.
Hauptgrund ist die synthetische Droge Captagon, mit der der Assad-Clan die Nachbarn «überschwemmt», weil er sein ausgelaugtes Land nicht mehr ausplündern kann. Baschar al-Assad hat sein Versprechen, den Drogenhandel zu stoppen, nie eingehalten. Für die Araber bleibt Syrien ein heikler Fall, auch wegen der Rivalität mit Iran und der Türkei.
Wie es weitergeht, ist offen. Die Schwäche von Assad und seinen Verbündeten aber scheint die Rebellen zu beflügeln. Ihr Anführer Abu Mohammed al-Dschulani bemühte sich im Interview mit CNN sichtlich um ein gemässigtes, fast staatsmännisches Image. Dazu passt, dass er zuletzt meist seinen richtigen Namen verwendete: Ahmed al-Sharaa.