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Wie Syrien zum Narcos-Staat wurde

Wie Syrien zum Narcos-Staat wurde

Bild: imago/keystone/watson
In Syrien wird Captagon in riesigen Mengen hergestellt. Die illegale Droge finanziert auch das Regime von Bashar al-Assad.
18.06.2023, 05:2318.12.2023, 15:59
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In dieser Geschichte geht es um Pillen – Unmengen an Pillen. Und es geht darum, wie diese illegalen Pillen zum lukrativsten Exportgut Syriens wurden.

Captagon – vom Medikament zur illegalen Droge

Der Protagonist dieser Geschichte heisst Captagon – ein Medikament, das in kürzester Zeit psychisch abhängig macht. Captagon enthält den Arzneistoff Fenetyllin Hydrochlorid, der als Aufputschmittel wirkt.

Ursprünglich war Captagon ein Medikament, das von der deutschen Degussa Pharma Gruppe ab den 1960ern produziert und bei ADHS-Patienten eingesetzt wurde. Doch bereits in den 80er-Jahren geriet Captagon in die Kritik. Zu stark sind die Nebenwirkungen wie Depressionen, Halluzinationen und Angstzustände.

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Captagon-Pillen. Die zwei ineinander verschlungenen C's sind das Logo des Medikaments.Bild: www.imago-images.de

Schliesslich wurde der Arzneistoff Fenetyllin 1986 unter internationale Kontrolle gestellt. In der Folge schränkten die meisten Länder die Verwendung von Captagon ein oder verboten das Medikament sogar ganz. Seit 1987 wurde das Medikament von keinem Land mehr hergestellt, lediglich mit den Restbeständen wurde noch gehandelt. Eine kleine Ausnahme bildet hier die Schweiz, die 2009 die Herstellung von 6 Gramm Fenetyllin meldete, wie das International Narcotics Controll Board (INCB) schreibt.

Zumindest für die offiziellen Bestände mag das gelten. Denn Captagon ist seit den 80ern nicht etwa in der Versenkung verschwunden. Notabene wird Captagon heute illegal produziert. Inzwischen gelten die kleinen Pillen, mit den zwei ineinander verschlungenen C’s, als eine der weltweit beliebtesten synthetischen Drogen überhaupt und werden häufig unter den Spitznamen «zwei Monde» oder «Lexus» vertickt.

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Die Guardia di Finanza von Neapel findet im Juli 2020 14 Tonnen Captagon-Tabletten für den europäischen Markt, die in Syrien hergestellt wurden. Der Wert allein dieser Ladung wird auf über 1 Milliarde Schweizer Franken geschätzt.Bild: www.imago-images.de
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Die Guardia di Finanza von Neapel findet im Juli 2020 14 Tonnen Captagon-Tabletten für den europäischen Markt, die in Syrien hergestellt wurden.Bild: www.imago-images.de

Besonders in Saudi-Arabien wird die Droge im grossen Stil als Amphetamin missbraucht, wie der Internationale Suchtstoffkontrollrat (INCB) seit Jahren vermeldet. Dort ist die Droge vorwiegend bei jungen Männern beliebt – es wird geschätzt, dass etwa 40 Prozent aller saudi-arabischen Männer unter 25 Jahren Captagon konsumieren.

Die aufputschende Droge wird von Partygängern im Nahen Osten und Europa ebenso geschluckt wie von Wanderarbeitern in den arabischen Staaten oder Afrika sowie Terrorkämpfern, Milizionären und Soldaten.

Die Pille ist billig zu erwerben: 5 bis zu 25 Dollar pro Pille kosten sie, schreibt «Al-Jazeera». Billiger als der Erwerb der Pille ist nur noch deren Produktion: Wenige Cent pro Stück soll sie kosten. Davon profitieren die Produzenten und Schmuggler, die vorwiegend in Syrien zu Hause sind.

Der Schauplatz: Syrien

Seit einigen Jahren wird die Droge fast ausschliesslich in Syrien hergestellt. Captagon gilt mittlerweile sogar als wichtigstes Exportgut des heruntergewirtschafteten Staates. «Die hauen eine Ladung nach der anderen raus», sagte ein deutscher Ermittler dem «Spiegel»-Magazin.

Seit 2011 wütet in Syrien ein Bürgerkrieg zwischen dem Präsidenten Bashar al-Assad und seinen Verbündeten sowie verschiedenen Oppositions- und Rebellengruppierungen. Internationale Sanktionen und die Kämpfe stürzten das Land in eine tiefe wirtschaftliche Krise. Doch die Einnahmen aus dem Drogenhandel füllen finanzielle Lücken. Ein ehemaliger syrischer Regierungsberater sagte der Nachrichtenagentur Agence France-Presse (AFP):

«Syrien braucht dringend Devisen, und diese Industrie ist in der Lage, die Staatskasse durch eine Schattenwirtschaft zu füllen.»
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Eine verletzte Frau wird aus einem Gebäude evakuiert, in das eine Rakete eingeschlagen ist, Aleppo, Juni 2016.Bild: AP/Civil Defense Directorate in Liberated Province of Aleppo
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Ein Gebäude in Damaskus, das vom Bürgerkrieg zerstört wurde, November 2022.Bild: keystone

Ab 2013 wurden in vielen kleinen Drogenküchen rund um die Ortschaften Kusair in Westsyrien Captagon-Fälschungen hergestellt. Mittlerweile dominieren regelrechte Fabriken die Produktion von Captagon in Syrien. Jährlich werden von dort aus Millionen der Pillen exportiert – rund ein Drittel davon nach Saudi-Arabien.

Insgesamt kostet die Händler eine Lieferung etwa 10 Millionen US-Dollar, weshalb sich zuweilen mehrere Produzenten und Händler zusammenschliessen würden. Der Betrag setze sich dabei aus dem Rohmaterial, dem Transport und den Bestechungsgeldern zusammen. Doch obwohl die Kosten auf den ersten Blick so hoch scheinen – die Gewinne sind noch höher.

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Die Küste bei Latakia.Bild: www.imago-images.de

Ein Einblick in die enorme Gewinnspanne, die mit der Droge zu erzielen ist, bietet eine Captagon-Lieferung, die im Jahr 2020 in Neapel aufgeflogen war: Die Guardia di Finanza stellte 84 Millionen Tabletten im Wert von über 1 Milliarde Dollar fest – verpackt in nur einer Lieferung. Mit dem Einsatz von einem Cent erzielen die Hersteller also einen Erlös von einem Dollar.

Verschifft werden die Pillen fast immer von Latakia aus – einer Hafen-Stadt im Norden Syriens, die seit den Achtzigerjahren unter der Kontrolle der Assad-Familie steht.

Da es besonders Saudi-Arabien ein Dorn im Auge ist, dass Syrien das Land im grossen Stil mit Drogen versorgt, leisten sich die Schmuggler häufig den Umweg über europäische Häfen, um die Drogen an den saudischen Zöllnern vorbeizuschleusen. Ein Fahnder der Guardia di Finanza erklärte dazu, dass europäische Schiffe von den Behörden der Golfstaaten normalerweise «nicht bis auf die letzte Schraube auseinandergenommen» würden.

Die Rolle der Assad-Familie

Dass das syrische Regime von Bashar al-Assad an den Geschäften der Drogenkartelle mitverdiene, recherchierte unter anderem das arabische Nachrichtenportal «Al-Jazeera». So spüle die Produktion und der Schmuggel von Captagon mindestens 5,7 Milliarden Dollar in die Kriegskassen des Despoten al-Assad und seiner Verbündeten, wie der deutsche «Spiegel» recherchierte. Andere Thinktanks und Geheimdienste schätzen die Profite auf einen zweistelligen Milliardenbetrag – pro Jahr.

Zur Einordnung: Offiziell hatte Syrien im Jahr 2017 Staatseinnahmen von 1 Milliarde Dollar und Staatsausgaben von 3 Milliarden Dollar.

Dies sei auch der Grund, weshalb seitens der Regierung keine Bestrebungen unternommen würden, der Drogenproduktion Einhalt zu gebieten. Die syrische Führung steckt mutmasslich also knietief in den Drogengeschäften mit drin. Der Syrien-Sonderbeauftragte der US-Regierung, Joel Rayburn, sagt sogar: «Sie selbst sind das Kartell.» Und er fügt an:

«Ich glaube, ohne die Captagon-Einnahmen wird Assads Regime nicht überleben.»
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Der syrische Präsident Bashar al-Assad.Bild: AP/SANA

Wie stark die Assad-Familie in den Captagon-Handel involviert ist, beleuchtete ein Prozess, der vergangenen Sommer im deutschen Essen geführt wurde. Dort ist im Jahr 2020 eine Captagon-Ladung von 2,1 Millionen Tabletten mit dem Wert von umgerechnet 47 Millionen Dollar aufgeflogen. Ermittlern gelang es im Anschluss, den Cheflogistiker der Fuhre ausfindig zu machen, der für die sichergestellten Drogen verantwortlich war. Sein Name: Iyad C.

Früher war C. in Import-Export-Geschäften im Hafen der syrischen Stadt Latakia tätig. Spätestens ab 2020 schmuggelte er von Latakia aus Drogen. Im September 2022 wurde er vom Gericht in Essen zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.

Bei der Gerichtsverhandlung kam zur Sprache, dass für jeden Container mit Captagon, den C. verschiffte, rund 360'000 Dollar Bestechungsgelder an das syrische Heer gezahlt werden mussten. Genauer gesagt an die 4. Armeedivision, die vom Bruder des Präsidenten, Maher al-Assad, befehligt wird.

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Der syrische Präsident Bashar al-Assad (rechts) mit seinem Bruder Maher al-Assad (Mitte).Bild: AP via keystone

Maher scheint ohnehin eine Schlüsselfigur im Captagon-Schmuggel zu sein, wie monatelange Recherchen des «Spiegels» und der italienischen Zeitung «La Repubblica» ergeben haben. Denn die 4. Armeedivision sei «eine Art Mafia-Konglomerat mit militärischem Flügel geworden». Sie überwache Transporte und Fabriken, kontrolliere die Häfen – und kassiere ab, wie Quellen verraten hatten. Auch die deutschen Ermittler haben Belege dafür gefunden, dass der Bruder des Präsidenten an den Transporten von Captagon mitverdiene.

Doch nicht nur beim Transport, sondern auch bei der Herstellung von Captagon ist die Assad-Familie federführend. So würden die fabrikartigen Produktionshallen rund um Latakia, Kardaha und Homs von verschiedenen Cousins Assads und anderen Günstlingen des Regimes betrieben, so der «Spiegel». Ein geflohener Geschäftsmann sagte gegenüber dem deutschen Magazin: «Die produzierten da im industriellen Massstab.» Die Angaben des Geschäftsmannes wurden durch einen ehemaligen syrischen Drogenfahnder, einen Milizkommandeur des Regimes sowie einen Wachmann aus der Fabrik verifiziert.

Auch der AFP wurde die Rolle von Maher von einem Dutzend Quellen bestätigt. Zudem sprachen die Menschen da auch davon, dass ehemalige syrische Geheimdienstoffiziere und Insider der Pharmaindustrie in die Produktion und den Handel von Captagon verwickelt seien.

Der «Spiegel» resümiert:

«Syrien ist zum Narcos-Staat am Mittelmeer geworden.»

Präsident al-Assad bestreitet jegliche Vorwürfe, seine Regierung oder seine Familie würden von der Droge profitieren.

Captagon als diplomatisches Druckmittel

Im Mai 2023 wurde bekannt: Syrien kehrt in die arabische Liga zurück – demjenigen Zusammenschluss, in dem arabische Länder Beziehungen festigen oder ihre Politik koordinieren. Die Aussenminister der Mitgliedstaaten stellten allerdings mehrere Auflagen – und einer davon dreht sich um Captagon: Syrien müsse den Drogenschmuggel in benachbarte Länder und andere arabische Staaten eindämmen. Dafür würde die Arabische Liga Syrien beim Wiederaufbau unterstützen.

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Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman schüttelt Bashar al-Assad die Hand. Der syrische Despot ist wieder willkommen in der arabischen Familie – unter Bedingungen.Bild: keystone

In der Zwischenzeit hat das syrische Regime zwar ein paar «kosmetische Beschlagnahmungen» durchgeführt, wie Caroline Rose, eine Captagon-Forscherin am US New Lines Institute, die medienwirksam durchgeführten Aktionen Syriens gegenüber Al-Jazeera nannte. Doch sie glaube nicht, dass die Behörden die grossen Köpfe hinter dem lukrativen Geschäft anfassen würden, so Rose.

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Eine «kosmetische Beschlagnahmung»: Captagon-Pillen in Damaskus.Bild: keystone

Aktuell gibt es keine tatsächlichen Lösungspläne, wie die Captagon-Produktion in Syrien unterbunden werden könnte. Joshua Landis von der University of Oklahoma sagt «Al-Jazeera», dass für Assad einzig die Wiederherstellung des legitimen Handels und das Aufheben der Sanktionen einen Anreiz böten, den einträglichen Handel mit Captagon zurückzufahren. Doch der Westen hat mehrfach erklärt, dass dies aufgrund der momentanen Situation im Land alsbald nicht der Fall sein werde.

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67 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Rivka
18.06.2023 09:07registriert April 2021
Wow, was für ein spannender Artikel. Danke!
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