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Junge Frauen feiern den neuen Bundesfeiertag «Juneteenth».
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Bild: keystone
Analyse

Was ist eigentlich die «kritische Rassentheorie»?

In den USA tobt ein Glaubenskrieg um eine Theorie, die gar keine ist.
21.06.2021, 16:5621.06.2021, 20:55

In den prüden 60-er Jahren musste das Oberste Gericht der USA darüber entscheiden, ob ein bestimmter Film obszön sei oder nicht. Das Urteil ist längst vergessen, doch ein Spruch des damaligen Richters Potter Stewart ist in die Geschichte eingegangen. Er könne zwar Pornografie nicht definieren, führte der honorige Richter aus, «aber ich weiss, was es ist, wenn ich sie sehe».

In der Pornografie ist heute fast alles erlaubt. Steht jedoch die Rassenfrage zur Diskussion, dann reagieren die Amerikanerinnen und Amerikaner noch hysterischer als einst beim Anblick von primären Geschlechtsteilen. Derzeit bringt ein neuer Begriff das Land in Wallung: die kritische Rassentheorie.

Wie bei der Pornografie gibt es für sie ebenfalls keine exakte Definition. Progressive und Konservative verstehen darunter deshalb etwas völlig anderes. Die «Washington Post» fasst die Standpunkte wie folgt zusammen:

«Progressive sehen in dieser Theorie durch Rassismus verursachte Nachteile im Bildungswesen, bei der Polizei und in der Wirtschaft. Konservative entgegnen, gerade diese Sichtweise sei rassistisch. Die einen wollen, dass die Sünden der Vergangenheit und der Gegenwart endlich anerkannt werden. Die anderen sehen darin den Versuch, die Kinder dazu zu bringen, die Vereinigten Staaten zu hassen.»

Das Thema aufs Tapet gebracht hat ein junger konservativer Aktivist namens Christopher Rufo. Auf dem Sender Fox News hatte er im Sommer 2020 davor gewarnt, die kritische Rassentheorie habe «jede Institution der Verwaltung durchdrungen». «Kritische Rassentheorie», so Rufo, «ist im Wesentlichen die Grund-Ideologie der Bürokratie geworden und wird nun gegen das amerikanische Volk gerichtet.»

Einer, der diese Ausführungen aufmerksam verfolgte und ihr demagogisches Potenzial sofort erkannte, war der damalige Präsident. Umgehend erliess Donald Trump einen Ukas, wonach das Verbreiten dieser Theorie in der Verwaltung sofort einzustellen sei. Ein präsidialer Erlass folgte wenig später und Rufo wurde ins Weisse Haus eingeladen.

Will linken Mythos beseitigen: Mike Pence.
Will linken Mythos beseitigen: Mike Pence.
Bild: keystone

Kein Wunder. Schon allein der Begriff kritische Rassentheorie lässt die Trump-Basis ausflippen. «Wir haben diesen Begriff in die öffentliche Diskussion eingebracht und verstärken Schritt für Schritt die negativen Untertöne», so Rufo in der «Washington Post». «Unser Ziel besteht darin, dass die Menschen jedes Mal, wenn sie etwas Verrücktes in der Zeitung lesen, automatisch an die kritische Rassentheorie denken.»

Inzwischen sind auch die Strategen der Grand Old Party (GOP) auf den Kritische-Rassentheorie-Zug aufgesprungen. So erklärte etwa Mike Pence jüngst an einem Auftritt in New Hampshire: «Es ist längst überfällig, dass der linke Mythos des systemischen Rassismus beiseitegelegt wird. Amerika ist kein rassistisches Land.»

In Florida bringt Gouverneur Ron DeSantis – ein möglicher Präsidentschaftskandidat – das Thema regelmässig zur Sprache. Es soll auch ein zentrales Element der Kampagne in den Zwischenwahlen 2022 werden. Die Republikaner hoffen, damit die Mehrheit in Abgeordnetenhaus und Senat zurückzugewinnen.

Selbstverständlich mischt auch Fox News kräftig mit. Es vergeht kein Tag, an dem Trumps Haussender nicht über angeblich neue Gräueltaten der Woke-Akvitisten in Sachen kritischer Rassentheorie berichtet. Im Vordergrund stehen dabei die Schulen.

Hetzen täglich gegen die kritische Rassentheorie: Die Fox-News-Moderatoren Tucker Carlson, Laura Ingraham und Sean Hannity (von links).
Hetzen täglich gegen die kritische Rassentheorie: Die Fox-News-Moderatoren Tucker Carlson, Laura Ingraham und Sean Hannity (von links).
Bild: AP

Typisch der Konflikt an einer öffentlichen Schule in Loundoun County, einem wohlhabenden Distrikt in Northern Virginia. Die Schulleitung wollte ein Programm aufgleisen, das zu einem besseren Verständnis der Rassenfrage hätte führen müssen. Das rief die vorwiegend weissen Eltern auf den Plan. Tagelang berichtete Fox News über deren wütender Protest. Der Ausgang dieses Streits ist derzeit noch ungewiss.

Dabei zeigt sich der systemische Rassismus gerade exemplarisch im Bildungswesen. Weil die Weissen kein Interesse an gut geschulten Schwarzen hatten, wurden die Volksschulen in überwiegend schwarzen Gegenden während Jahrzehnten sträflich vernachlässigt. Die Folgen sind bis heute spürbar. Rund die Hälfte aller schwarzen Schüler können nach ihrem Austritt aus der Schule kaum lesen und schreiben. Bei den Weissen sind es bloss rund 20 Prozent.

Offiziell sind die Vereinigten Staaten mit der Ausrufung der Unabhängigkeit im Jahr 1776 gegründet worden. Das Projekt 1619 des «New York Times Magazine» verlegt diesen Akt jedoch zurück ins Jahr 1619, ins Jahr, in dem das erste Sklavenschiff an den Küsten von Virginia angelegt hat. Auch davon wollen die Republikaner nichts wissen. Mitch McConnell, der Führer der GOP im Senat, hat jüngst erklärt, 1619 hätte keine Bedeutung für die amerikanische Geschichte, und Präsident Joe Biden aufgefordert, dafür zu sorgen, dass dieses Thema nicht in Schulbücher gelange.

War keine gute Idee: Der Slogan «Defund the police».
War keine gute Idee: Der Slogan «Defund the police».
Bild: keystone

Bei den Demonstrationen nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd im vergangenen Sommer war der Slogan «defund the police» (dreht der Polizei den Geldhahn zu) allgegenwärtig. Das ist Wasser auf die Mühlen der Konservativen. Derzeit rollt nämlich eine neue Kriminalitätswelle über die USA. Die Konservativen ergreifen die Gelegenheit beim Schopf und werfen die kritische Rassentheorie in den gleichen Topf wie die ansteigende Kriminalität.

Wissenschaftlich lässt sich die kritische Rassentheorie nicht fassen. Sie ist ein Phänomen des sich verschärfenden Rassenkonflikts in den USA; und dieser Konflikt wiederum ist die Folge der demografischen Entwicklung. Es zeichnet sich ab, dass die Weissen noch vor 2050 ihre Mehrheit verlieren werden – und damit tun sich viele von ihnen sehr schwer.

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