Wer findet bei Putin ein Ohr? Europa schaut zu Merkel
Seit ihrem Ausscheiden aus der Politik vor fünf Jahren hat sich Angela Merkel mit öffentlichen Wortmeldungen zurückgehalten. Erst im vergangenen Jahr ist Deutschlands Langzeit-Kanzlerin im Zuge des Erscheinens ihrer Memoiren «Freiheit» wieder regelmässiger aufgetreten.
Spätestens jetzt ist Merkel aber wieder im Gespräch. Erstens, weil sie am Dienstag im EU-Parlament mit dem höchsten Verdienstorden der Europäischen Union ausgezeichnet wurde.
Und zweitens, weil Europa händeringend nach einer Persönlichkeit sucht, die direkt mit Russlands Präsidenten Wladimir Putin verhandeln kann.
Dass jemand mit Putin reden muss, ist mittlerweile Konsens in Europa. Dies, weil US-Präsident Donald Trump das Interesse verloren hat. Seine beiden Sondergesandten, Schwiegersohn Jared Kushner und Golf-Kumpel Steve Witkoff, haben die Russen zum letzten Mal im Februar in Genf getroffen. Seitdem hat Trump zwar mehrere Male mit Putin telefoniert. Darin ging es aber eher um das grössere Bild der amerikanisch-russischen Beziehungen und den Krieg gegen den Iran.
Merkel bringt sich selbst ins Spiel
Nun will Trump den Stab an die Europäer weiterreichen. Intern läuft bereits der Prozess zur Ernennung eines europäischen Sondergesandten, und auch der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski fordert einen solchen vehement. Die Bewerbungskriterien lauten: Eine gestandene europäische Persönlichkeit, weitum respektiert und von allen als Verhandlungsführer akzeptiert.
Das letzte Kriterium ist der Knackpunkt: Von allen akzeptiert, heisst nämlich nicht nur von den 27 EU-Mitgliedstaaten. Sondern auch von den Ukrainern und vor allem: Von Putin selbst. Wen dieser als angemessen erachtet, wäre zum Beispiel Gerhard Schröder, so Putin unlängst. Für Europa ist der frühere SPD-Kanzler jedoch verbrannt: zu eng seine Nähe zu Putin, zu belastet seine Rollen bei russischen Energiekonzernen und Nord-Stream-Projekten.
Die 71-jährige Merkel kennt Putin seit vielen Jahren. Obwohl er sie, die Angst vor Hunden hat, einst mit seinem Labrador Koni einzuschüchtern versuchte, gilt ihre Beziehung als intakt. Merkel spricht zudem fliessend Russisch und hat schon nach der Annexion der Krim direkt mit Putin verhandelt. Der Russe würde die deutsche Alt-Kanzlerin nicht als Leichtgewicht abtun.
Merkel selbst hatte Anfang Woche gefordert, dass Europa direkte Gespräche mit Putin aufnehmen müsse. Sie befürwortet zwar die Militärhilfe an die Ukraine als «absolut richtig». Doch seien diplomatische Anstrengungen «immer die Kehrseite der Medaille», so Merkel auf dem Europaforum des «Westdeutschen Rundfunks». Europa müsse sich einbringen und könne das Feld nicht den USA überlassen. Es sei ein Fehler, «sich selbst nichts zuzutrauen». Gleichzeitig warnt sie, Putin dürfe auch jetzt nicht unterschätzt werden.
Merkel, die Putin-Expertin. Warum nicht? Das Problem: Eine aktive Rolle für sich selbst lehnt sie entschieden ab. Das müsse schon ein amtierender Staats- und Regierungschef übernehmen. In Bezug auf ihre Gespräche mit Putin ab 2014 sagt sie: «Ich wäre jetzt nicht auf die Idee gekommen, jemanden zu fragen, ob er für mich nach Minsk fährt und dort mit Putin spricht.»
Und auch wenn Merkel viel Respekt geniesst – unumstritten ist sie beileibe nicht. Gerade in östlichen EU-Staaten und im Baltikum ist man auf Merkel mittlerweile schlecht zu sprechen. In Polen und im Baltikum gilt ihre Russlandpolitik heute vielen als fataler Irrweg. Der Widerstand gegen einen Nato-Pfad für die Ukraine 2008, das Festhalten an Nord Stream 2 nach der Krim-Annexion und der lange Glaube an Wandel durch Annäherung haben ihr Vertrauen im Osten Europas schwer beschädigt.
Viele Namen, keiner passt
Die amtierende EU-Aussenbeauftragte Kaja Kallas würde sich den Job zutrauen. Sie würde nicht in die Fallgruben von Putin tappen, sagte sie kürzlich. Doch sie hat das umgekehrte Problem von Merkel: In den östlichen EU-Staaten wird sie für ihre klare Haltung bezüglich Russland geschätzt. Im Westen polarisiert sie. Ausserdem ist klar, dass Putin sie nie akzeptieren würde: Seit 2024 steht sie sogar auf der Fahndungsliste des Kremls, weil sie als estnische Premierministerin sowjetische Kriegsdenkmäler entfernen liess.
Ein weiterer Name, der in der EU-Hauptstadt Brüssel herumgeistert, ist Mario Draghi. Der ehemalige Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) und Vorgänger von Giorgia Meloni als Italiens Premierminister hätte sicher das Format. Aber wie ernst gemeint der Vorschlag ist, ist unklar. Draghi ist Wirtschafts- und Finanzexperte und kein Friedensstifter.
So bleibt Europas Suche nach dem Putin-Gespräch vorerst ein Paradox: Am ehesten geeignet scheint ausgerechnet jene Frau, die nicht will – und deren Erbe dort am umstrittensten ist, wo Europas Angst vor Russland am grössten ist.
