Trump geht in Venezuela eine gewagte Öl-Wette ein
Die USA haben den venezolanischen Machthaber Nicolás Maduro aus dem eigenen Land heraus entführt. Soweit so spektakulär. Aber was nun? Was will Donald Trump von Venezuela?
Der US-Präsident hat dazu schon alles Mögliche gesagt. Beispielsweise, dass es ihm um Fentanyl gehe, das aus dem Ausland in die USA gelangt und dort Tausende von Menschenleben fordert. Doch Fentanyl kommt nicht via Venezuela in die USA, sondern via Mexiko und wird in China hergestellt. Venezuela ist ein Transitland für Kokain – aber kein wichtiges und nicht für die USA, sondern für Europa.
Nach der Entführung von Maduro hat Trump jetzt überraschend offen gesagt, es gehe ums Erdöl. Er will an die immensen Erdölreserven Venezuelas ran. Es sind die grössten der Welt, grösser noch als jene Saudi-Arabiens. An einer Pressekonferenz sagte Trump, sein Land werde nun Venezuela regieren. «Das wird uns nichts kosten, weil das Geld, das aus dem Boden kommt, sehr beträchtlich sein wird.»
«Wir werden die Ölinfrastruktur wieder aufbauen, was Milliarden von Dollar kosten wird», sagte Trump. «Unsere Ölkonzerne werden für diese Ausgaben direkt aufkommen. Und sie werden für das, was sie tun, entschädigt.»
Erst geschossen, dann überlegt
Kann dieses Kalkül aufgehen? Ein von langer Hand vorbereiteter Plan steckt anscheinend nicht dahinter. «Ich habe in den vergangenen Tagen nicht mit US-Ölkonzernen gesprochen», sagte der US-Aussenminister Marco Rubio laut der Nachrichtenagentur «Bloomberg». «Aber wir sind ziemlich sicher, dass das Interesse enorm sein wird.» Ziemlich sicher. Das klingt nach viel Improvisation.
Nach Improvisation klingt auch, was das Magazin «Politico» von einem mit den Gesprächen vertrauten Branchenvertreter erfahren hat. Es habe «sporadische» Kontakte gegeben, die von der Branche «relativ zurückhaltend aufgenommen wurden». Insgesamt seien die Bemühungen «bestenfalls noch in den Kinderschuhen» und fühlen sich «sehr nach einer Übung an, bei der erst geschossen, dann überlegt wird.»
Es ist jedoch keine Aufgabe, die Trump so locker nebenbei wird bewältigen können. Der britische «Economist» spricht von «Trumps grosser venezolanischer Öl-Wette». Das Land verfüge zwar über die grössten Ölreserven der Welt. «Ihre Förderung wird jedoch eine Qual sein.»
Es wird teuer, richtig teuer. Experten gehen von über 100 Milliarden Dollar aus. So viel Geld ist nötig, um die Produktion wieder dorthin zu bringen, wo sie vor ungefähr 15 Jahren einmal war. Damals wurden die US-Förderanlagen in Venezuela durch den früheren Präsidenten Hugo Chávez verstaatlicht und danach heruntergewirtschaftet. Nun bräuchte es also über 100 Milliarden – doppelt so viel, wie alle grossen US-Ölkonzerne im Jahr 2024 weltweit investiert haben.
Das ist viel Geld – vor allem, wenn man es in einem politisch labilen Land ausgeben soll. «Bloomberg» zitiert dazu einen früheren Top-Manager aus der venezolanischen Ölindustrie, der aus dem Land geflohen ist: «Damit Ölkonzerne ernsthaft über solche Investitionen nachdenken, braucht es ein neues Parlament. Das ist nicht, was derzeit geschieht. Definitiv nicht.» Aktuell rollt in Venezuela eine neue Welle der Repression an.
Es wäre nicht das erste Mal, dass die USA scheitern
Wenn die US-Konzerne in Venezuela dann Öl fördern können, ist die Frage, wer es kauft. Die Welt wird gerade mit Öl überflutet, die globalen Preise stehen nahe am Fünfjahrestief (s. Grafik). Bis zum Ende des Jahrzehnts rechnet die Internationale Energieagentur (IEA) weiter mit einem Überangebot.
Sollten die USA scheitern, wäre es nicht das erste Mal. In der Vergangenheit sind sie mit ähnlichen Vorhaben erfolglos geblieben, wie ein Ölexperte bei «Bloomberg» erklärt. In Libyen wurde 2011 der Diktator Muammar al-Gaddafi gestürzt, auch mit Unterstützung von Nato-Luftangriffen. Das ist 14 Jahre her, doch die Erdölproduktion liegt noch immer 25 Prozent tiefer als damals. Bitter verlief es aus amerikanischer Sicht auch im Irak.
Die USA stürzten 2003 den Machthaber Saddam Hussein und beteiligten sich danach stark an der Führung des Landes. Dennoch dauerte es zwölf Jahre, bis die Ölproduktion wieder zurück auf dem Vorkriegsniveau war. Und die neue Produktion stammt mehrheitlich nicht von US-Konzernen – sondern von chinesischen.
«Die venezolanische Erdölproduktion wird sich wohl nicht so rasch erholen – auch wenn sich die USA nun stark beteiligen», sagt der Öl-Experte zusammenfassend. «Gewaltsame Umstürze von Regierungen sind selten förderlich für Investitionen.»
In den USA wird derweil munter über Trumps Beweggründe spekuliert. Einige vermuten, er wolle mit aussenpolitischen Abenteuern von seiner innenpolitischen Schwäche ablenken. Tatsächlich sind seine Beliebtheitswerte derzeit miserabel. Doch wenn das seine Überlegungen sein sollten, wäre er schlecht beraten.
Eine militärische Intervention in Venezuela sei noch unbeliebter als Trumps schon sehr unbeliebten Zölle und Kürzungen im Gesundheitswesen, schreibt ein Meinungsforscher. Dabei stützt er sich auf verschiedene Umfragen, unter anderem auf eine, die zeigt: Nur 25 Prozent der registrierten Wähler befürworten US-Militäraktionen in Venezuela, 63 Prozent sind dagegen. Trump selbst hat sich eigentlich lange als «Friedens-Präsident» bezeichnet.
Mitarbeiterinnen zum Sexstraftäter nach Hause geschickt
Nochmals andere glauben, dass Trump zumindest froh ist, wenn nun Venezuela die Schlagzeilen dominiert. Über die Festtage kamen neue Fakten ans Licht über Trumps Beziehung zum verstorbenen Investmentbanker und verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein.
Das «Wall Street Journal» veröffentlichte am 30. Dezember eine Recherche, wonach Epstein in den späten 1990er- und frühen 2000er-Jahren ein häufiger Gast in Trumps Mar-a-Lago-Club war. Er war kein zahlendes Clubmitglied; Trump hatte die Weisung erteilt, ihn wie ein solches zu behandeln.
Wenn Epstein wollte, musste er nicht selbst nach Mar-a-Lago gehen. Der Club schickte junge Mitarbeiterinnen zu seiner nahe gelegenen Villa für Massagen oder Maniküren. Die Frauen warnten einander, Epstein entblösse sich manchmal bei solchen Terminen.
Es endete erst 2003, nachdem Mar-a-Lago eine 18-jährige Spa-Mitarbeiterin zu Epstein geschickt hatte und diese sich bei ihren Vorgesetzten beschwerte. Epstein habe sie zu Sex gedrängt. 2006 wurde er verhaftet. Minderjährige Teenager hatten der Polizei berichtet, Epstein habe sie für Sex bezahlt.
Schliesslich glauben nochmals andere Kritiker, dass es Trump am Ende nur um Macht und Geld für sich selbst geht. Alles andere muss sich dem unterordnen. In Venezuela hat Trump bereits Macht demonstriert, ob seine Öl-Wette aufgeht, wird sich zeigen.
(aargauerzeitung.ch)
