«Deutschland schaltet ab – Ist der Atom-Ausstieg die richtige Entscheidung?» hatte die Moderatorin ihre Sendung überschrieben – und startete mit einem Einspielfilm, der noch einmal kurz in Erinnerung rief, dass es die schwarz-gelbe Bundesregierung der Kanzlerin Angela Merkel war, die unter dem Eindruck der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima 2011 den Ausstieg beschlossen hatte, nachdem sie den ersten rot-grünen Ausstieg von 2002 zunächst gestoppt und die Laufzeiten noch einmal verlängert hatte.
Zur Diskussionseröffnung warf Anne Will ein Zitat des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder in die Runde, der die Abschaltung der letzten drei Atomkraftwerke in Deutschland jüngst als «energiepolitische Geisterfahrt» der Ampelkoalition bezeichnete. «Das Gegenteil ist der Fall», antwortete erwartungsgemäss die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt, «wir haben jetzt alle deutlich mehr Sicherheit.»
Zurückhaltender äusserte sich Reiner Haseloff. «Der Ausstieg ist ja immer Konsens gewesen», erklärte der CDU-Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, «es ging immer um die Zeittaktung.»
Und da würde er, hätte er die «persönliche Verantwortung für diese Entscheidung», angesichts des Ukraine-Kriegs «derzeit etwas warten, um dann mit Blick auf den nächsten Winter zu schauen, wie wir die Versorgungssicherheit und auch die Preisentwicklung in Deutschland in den Griff bekommen».
.@reinerhaseloff hätte mit dem #Atomausstieg noch gewartet. @AnneWillTalk @annewill pic.twitter.com/BJZNbwWGJI
— ANNE WILL Talkshow (@AnneWillTalk) April 16, 2023
Ähnlich sah es Johannes Vogel – nicht ohne zuvor noch gegen Zitatgeber Söder auszuteilen: «Söder wechselt seine Positionen ja wie Unterhosen», so der FDP-Vize. Er erinnerte daran, dass der heutige Ministerpräsident im Jahr 2011, damals noch als bayerischer Umweltminister, mit Rücktritt gedroht hatte, sollte seine Landesregierung nicht spätestens 2022 aus der Kernenergie aussteigen.
«So jemand Erratischem würde ich ungern Verantwortung für Energiepolitik anvertrauen», sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion mit Blick auf Söders Forderung, den Ländern die Möglichkeit zu geben, Kraftwerke in Eigenregie weiterzubetreiben.
In Sachen Rückbau sprach er sich ebenfalls dafür aus, die Kernkraftwerke jetzt zumindest noch nicht «unbrauchbar zu machen». Das halte er «für eine Frage der Vernunft». In der Übergangszeit zu den Erneuerbaren Energien erst die Atom- und dann die Kohlekraftwerke abzuschalten, sei die falsche Reihenfolge.
.@johannesvogel fordert mit Blick auf den nächsten Winter, Kernkraftwerke zumindest jetzt nicht zurückzubauen @AnneWillTalk @annewill pic.twitter.com/iFepop3pl6
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«Welt»-Journalistin Dorothea Siems dagegen erweckte den Eindruck, als wolle sie den Ausstieg am liebsten komplett revidieren: Sie äusserte Befremden über den durch Fukushima ausgelösten Lernprozess der Physikerin Angela Merkel, argumentierte, dass sich «die Verhältnisse» seitdem «fundamental geändert» hätten, und dass ja nicht mal das betroffene Japan selbst aus der Kernenergie aussteige.
Da wir nun «kohlelastiger» seien, sei überdies «unsere CO2-Bilanz verheerend»: «Wir sind so dreckig wie sonst nur Polen und Tschechien», so die Wirtschaftsjournalistin. Zudem äusserte sie Sorge über die Preisentwicklung: «Ein Kernkraftwerk, was schon steht», liefere billigere Energie als Kohle und Gas.
So war es dem Astrophysiker Harald Lesch vorbehalten, noch einmal Grundsätzliches zu der Hochrisikotechnologie in Erinnerung zu rufen. Allein die Tatsache, dass es weltweit keine Rückversicherer für Kernkraftwerke gebe, sollte uns sagen: «Finger weg, never again!», forderte der Wissenschaftsjournalist. Den zukünftigen Generationen hinterliessen wir «1900 Castorenbehälter, die irgendwann mal unter Tage müssen». Letzten Endes sei die Atomkraft eine «Sackgassentechnologie».
Und mit Blick auf das kernkraftfreundliche Frankreich mit seinen fast 60 Reaktoren prophezeite Lesch, dass der Klimawandel dort wie schon im vergangenen Jahr auch im nächsten Sommer dazu führen werde, dass manche Meiler wegen Wasserknappheit abgeschaltet werden müssten.
Reiner Haseloff betätigte sich dennoch noch einmal als Mahner: «Man sollte sich die Möglichkeit eines Puffers erhalten», so der Ministerpräsident. Schliesslich müsse die Grundlast des Stromnetzes auch in «Dunkelflauten» erhalten werden, wenn also kein Solarstrom eingespeist werde.
«Man steigt erst aus, wenn man irgendwo anders eingestiegen ist», fand der CDU-Mann – die Rechnung von Bundeskanzler Olaf Scholz, es müssten eben jetzt pro Tag vier bis fünf Windräder aufgestellt werden, sei «in den jetzigen Rahmenbedingungen nicht realistisch».
Dass die Herausforderungen gewaltig sind, wollten auch Johannes Vogel und Harald Lesch nicht leugnen. Der FDP-Mann fand, es gelte nun, «drei Hebel umzulegen»: alle Register zu ziehen beim Ausbau der Erneuerbaren, «die Brücke Gas breiter» zu machen, also auch heimische Gasreserven zu nutzen, und sich schliesslich für «neue Formen von Reaktoren zu öffnen, die inhärent sicher sein können».
Wissenschaftler Lesch, der das Setzen auf solche Reaktoren schon vorher als «Unsinn» bezeichnet hatte, verwies stattdessen auf den herrschenden Fachkräftemangel auch im Windräderbereich: «We’re running out of Kranführer», so der Astrophysiker.
Dass wir allenfalls in einen Versorgungsengpass laufen, hat damit zu tun, dass in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zu sehr auf Atomkraft gesetzt wurde und die Entwicklung der Alternativen dazu nicht wirklich forciert wurden.