EU-Gesetz bringt italienische Strandbad-Betreiber auf die Strasse
An Italiens Stränden herrscht kurz nach Ostern die typische Vorsaison-Stimmung: Nur wenige Gäste sind bisher angereist, vor allem Rentner, die eher für einen Kaffee oder einen kleinen Imbiss vorbeikommen als zum Baden. Das Meer ist noch keine 20 Grad warm.
«Wir haben keine Eile mit dem Baden, im Unterschied zu den Touristen haben wir das Meer ja das ganze Jahr, und so können wir warten, bis die Temperaturen angenehmer sind», sagt Francesco, ein derzeit wenig beschäftigter Kellner im Lido Selvaggio von Sperlonga südlich von Rom.
Doch die ruhige Szenerie täuscht – und könnte auch den Sommerurlaub vieler Italien-Reisender aus der Schweiz betreffen. Über Italiens Stränden braut sich im übertragenen Sinn ein Sturm zusammen. Spätestens bis Juni 2027 müssen sämtliche bisherigen Strand-Konzessionen neu ausgeschrieben werden. Das bedeutet: Der gewohnte Lido könnte künftig von einem anderen Betreiber geführt werden.
Grundlage dafür ist die sogenannte Bolkestein-Direktive der EU aus dem Jahr 2006, die mehr Wettbewerb schaffen soll. Strände gelten als knappes öffentliches Gut, dessen Nutzung grundsätzlich ausgeschrieben werden muss. In Italien betrifft das rund 30’000 Lido-Betreiber – und sorgt für grosse Verunsicherung.
Grossdemo heute in Rom erwartet
Diese Unsicherheit macht sich bereits bemerkbar. Für heute Dienstag haben die Betreiber eine Grosskundgebung in Rom angekündigt, an der tausende Teilnehmer erwartet werden. Bereits im Februar protestierten die «Balneari incazzati» («wütende Lido-Betreiber») medienwirksam in Sanremo. Ihre Forderung: die Ausschreibungen stoppen. Aus ihrer Sicht seien Strände kein knappes Gut, weshalb die EU-Regeln hier nicht gelten sollten. Brüssel sieht das anders und bleibt hart.
Für viele Italien-Reisende aus der Schweiz gehören die Bezahlstrände mit ihren bunten Sonnenschirmen und Liegen fest zum Ferienerlebnis. Genau deshalb ist das Thema politisch so brisant. Die Lidos beschäftigen in der Saison rund 300'000 Menschen und setzen jährlich etwa 15 Milliarden Euro um.
Bisher haben sich alle Regierungen dagegen gewehrt, die EU-Vorgaben umzusetzen – auch, weil viele Badegäste ihren vertrauten Lido nicht verlieren möchten. Die Sorge: Statt eines familiengeführten Betriebs könnte plötzlich ein internationaler Anbieter übernehmen, nur weil dieser dem Staat ein lukrativeres Angebot machen kann.
Zwanzig Jahre lang wurde die Reform hinausgeschoben. Auch die Regierung von Giorgia Meloni hat 2023 nochmals eine «allerletzte» Verlängerung um drei Jahre erreicht. Doch der Druck aus Brüssel wächst: Ein Vertragsverletzungsverfahren läuft bereits. Werden die Konzessionen nicht bis Juni 2027 neu vergeben, drohen Italien hohe Strafzahlungen – im schlimmsten Fall sogar Kürzungen bei EU-Geldern.
Der Lido-Konflikt kommt zur Unzeit
Für Meloni und ihren Koalitionspartner Matteo Salvini kommt der Konflikt zur Unzeit. In gut einem Jahr stehen Parlamentswahlen an, und beide hatten sich lange als Beschützer der Lidos inszeniert. Meloni versprach einst im Wahlkampf, einen «Ausverkauf der Lidos» werde es «nur über meine Leiche» geben. Nun treiben sie genau diese Reform voran: Die Regierung hat kürzlich ein Reglement mit landesweiten Kriterien für die Ausschreibungen verabschiedet.
Entsprechend gross ist der Frust bei den Betreibern – mit möglichen Folgen auch für Feriengäste aus der Schweiz. Sergio Pallazzo vom Lido Selvaggio in Sperlonga fühlt sich verraten. Für ihn wäre der Verlust der Konzession fast wie eine Enteignung: «Als ich vor 22 Jahren die Konzession erhielt, war hier nichts als Sand und Dünen. Im Laufe der Jahre habe praktisch jeden Cent, der mir Ende der Saison übrig blieb, wieder in den Lido gesteckt, um ihn für die Gäste noch etwas komfortabler zu machen.»
Und er warnt vor möglichen Konsequenzen. So sei die Hoffnung auf günstigere Preise völlig verfehlt: «Das Gegenteil wird passieren: Die Konzessionsgebühr wird höher sein als früher, und die neuen Betreiber werden sie an die Kunden weitergeben.» Für Italien-Reisende aus der Schweiz könnte das künftig teurere Badeferien bedeuten – und möglicherweise weniger vertraute Strände. (aargauerzeitung.ch)
