Schweizer Kerosinreserven kleiner als gedacht – die wichtigsten Fragen und Antworten
Warum droht eine Kerosinknappheit?
Der von den USA und Israel entfachte Iran-Krieg hat womöglich Folgen, die sich erst in einigen Wochen bis Monaten bemerkbar machen. So könnte etwa Kerosin in Teilen Europas wegen der Lage in der Strasse von Hormus bald knapp werden. Davor warnt unter anderem die Internationale Energieagentur (IEA).
Die andauernde Blockade der Strasse von Hormus, über welche gewöhnlich die Öllieferungen aus der Region transportiert werden, sorgt daher für Alarmstimmung in der Aviatikbranche – besonders in Europa. Denn auf keinem anderen Kontinent sind Fluggesellschaften so abhängig von der Situation im Nahen Osten wie auf dem europäischen. Drei Viertel des verbrauchten Kerosins in Europa kommen über diesen Weg, schreibt Tamedia. Zwar gibt es Alternativlieferungen aus den USA, doch sie reichen nicht aus.
Eine Entspannung der Situation wäre vor allem dann zu erwarten, wenn der Krieg im Iran zeitnah beendet wird. In diesem Fall könnten Öltanker die Strasse von Hormus wieder ohne grössere Einschränkungen passieren. Doch auch strategische Kerosinreserven können – zumindest kurzfristig – Abhilfe schaffen.
Wie ist die Lage in der Schweiz?
Laut Gesetz muss das gelagerte Kerosin in Pflichtlagern für Mineralöle den Bedarf der Schweiz für drei Monate decken können. Wie Tamedia herausfand, ist das nicht der Fall: Die Schweizer Kerosinreserven seien kleiner als bisher bekannt.
Der Pflichtlagerbestand von Flugpetrol liegt zurzeit bei 0,4 Millionen Kubikmetern, wie das Medienhaus schreibt. Das könne laut des Bundesamtes für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) den Bedarf für 72 Tage decken.
Das BWL wagt keine klare Prognose, ab wann das Kerosin tatsächlich knapp wird. «Eine Einschätzung längerfristig als April ist aktuell nicht möglich», sagt Roland Pfister, Delegierter für Wirtschaftliche Landesversorgung, in der «Tagesschau». «Ab Mai werden die Lieferungen nach Europa reduziert sein», was im Endeffekt auch Auswirkungen auf die Schweiz habe. So «akzentuiert» wie etwa in Asien sei die Situation hierzulande aber noch nicht.
Warum sind die Schweizer Reserven kleiner als gedacht?
Das BWL begründet die aktuelle Situation mit der Corona-Pandemie. Dass das Soll von 90 Tagen nicht erreicht werde, liege an der damals gesunkenen Nachfrage nach Flugpetrol, sagt ein BWL-Sprecher gegenüber Tamedia. Der Aufbau der Lagerbestände erfolge grundsätzlich zeitverzögert. Die aktuellen Abweichungen lägen innerhalb des üblichen Streubereichs.
Wie gehen die Airlines damit um?
Bereits vor einer Woche verlangte der Verband Airlines for Europe (A4E) von der EU Unterstützung. Zum Verband gehören unter anderem die Air France-KLM-Gruppe, Ryanair, Easyjet, British Airways, Iberia und die Lufthansa-Gruppe, zu der auch Swiss und Edelweiss gehören. Der Verband brachte unter anderem einen gemeinsamen Kerosineinkauf auf EU-Ebene ins Spiel.
Eine weitere Massnahme, die zahlreiche Airlines derzeit umsetzen, ist die Erhöhung der Treibstoffzuschläge. Seit Beginn des Iran-Kriegs haben sich die Kerosinpreise laut Tamedia mehr als verdoppelt. Swiss und Edelweiss haben bereits im März ihre Treibstoffzuschläge erhöht.
Welche Flugstrecken könnten betroffen sein?
Am gefährdetsten sind aktuell wohl Langstreckenflüge. In Teilen Asiens oder Afrikas ist das Kerosin bereits jetzt knapp, welches für den Rückflug in die Schweiz benötigt wird. Aufgrund der zu geringen Tankkapazität der Flugzeuge sei es keine Option, mehr Kerosin aus der Schweiz für den Rückflug mitzunehmen, schreiben die Tamedia-Zeitungen.
Flugreisen innerhalb von Europa seien vorerst nicht betroffen, schreibt «20 Minuten». «Ich glaube nicht, dass bekannte Badeferien in Europa gefährdet sind», sagt Tourismusexperte Andreas Zgraggen gegenüber dem Online-Portal.
Die Swiss plane aktuell keine Anpassungen des Flugangebots, schreibt «20 Minuten» ausserdem. Engpässe könne es derzeit vor allem in asiatischen Regionen geben. (hkl)
