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Narva: In Estland fordert plötzlich eine russische Minderheit Autonomie

Warnzeichen: In Estland fordert plötzlich eine russische Minderheit Autonomie

Eine mutmasslich russische Drohne stürzt auf Kraftwerk – und nun sind auch noch Autonomie-Forderungen aufgetaucht. Im Baltikum werden Erinnerungen an die Krim und den Donbass wach.
26.03.2026, 21:0926.03.2026, 21:09
Paul Flückiger, Warschau / ch media

Auf den ersten Blick sind es nur zwei Schrammen, die eine Drohne auf einem roten Kamin der Elektrizitätswerke Narva hinterlassen hat. Die Drohne sei von Osten her aus dem russischen Luftraum gekommen, hiess es bei der Kraftwerksleitung, sie habe keine Schäden angerichtet und niemanden verletzt. Doch sollte es sich dabei tatsächlich um eine russische Drohne gehandelt haben, ist Alarm angesagt.

A woman waves Estonian flag and bouquet of flowers during the song festival, part of the "Iseoma" Song and Dance Celebration, at the Song Festival Grounds in Tallinn, Estonia, Sunday, July 6 ...
In Estland fürchtet man sich seit Jahren von möglicher russischer Aggression.Bild: keystone

«Laut allem was wir bisher wissen, war die Drohne nicht gegen Estland gerichtet», sagte die oberste Staatsanwältin des Landes, Astrid Asi, am Mittwoch. Es würden aber weitere Untersuchungen angestellt, sagte sie. Die estnische Regierung berief dennoch sofort eine Krisensitzung in der 200 Kilometer westlich gelegenen Hauptstadt Tallinn ein.

Dies ist bestimmt angesagt, da erst vor mehreren Tagen eine bisher unbekannte pro-russische Autonomie-Gruppe mit dem Namen «Von Narva bis Püssi» in Estland von sich reden gemacht hat. Die Gruppe hatte auf den drei besonders bei der russisch-stämmigen Bevölkerung Estlands, immerhin jeder Vierte der 1,3 Millionen Einwohner, sozialen Medienkanälen Telegram, vKontakte und TikTok die Autonomie der Grenzregion Idu-Vira gefordert. Die Identität der russisch-sprachigen Bevölkerungsmehrheit in diesem Gebiet sei gefährdet, behauptete die bisher unbekannte Gruppe.

Narva ist die direkt an der russischen Grenze am gleichnamigen Fluss gelegene Gebietshauptstadt mit etwas mehr als 50'000 Einwohnern. 85 bis 95 Prozent von ihnen sind russisch-stämmig.

Die Konten auf den drei sozialen Medien wären nichts besonderes, hätte nicht genauso der russische Krieg gegen die Ukraine begonnen. Nach der siegreichen Maidan-Revolution tauchten ähnliche Konten im Donbass und der ukrainischen Halbinsel Krim auf. Niemand hatte diese damals ernst genommen, bis im März 2014 plötzlich «grüne Männchen», russische Spezialeinheiten ohne Uniformabzeichen auf der Krim und auch im Donbass auftauchten.

A man makes a selfie on the street in the Old Town in Tallinn, Estonia, Saturday, March 21, 2026. (AP Photo/Sergei Grits)
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Die Altstadt der estnischen Hauptstadt Tallinn.Bild: keystone

Die ukrainische Krim wurde daraufhin ohne einen Schuss von Russland übernommen und im April 2014 annektiert und an Russland angeschlossen. Im Donbass wurde zur praktisch gleichen Zeit eine pro-russische autonome «Volksrepublik Donezk» (DNR) und eine «Volksrepublik Luhansk» (LNR) ausgerufen.

Die beiden pro-russischen Volksrepubliken wurden bald von Russen geführt. Sie besetzten Rathäuser und Regierungsgebäude, bildeten eine eigene Armee und begannen, gegen die aus Kiew dorthin entsandten ukrainischen Truppen zu kämpfen. So begann die russische Invasion in der Ukraine nicht erst am 24. Februar 2022 sondern im April 2014, eine Tatsache die im Westen allzuoft vergessen wird.

Bekannte Taktik

Wie in der Ostukraine behaupten nun auch in der estnischen Verwaltungseinheit Idu-Vira die pro-russischen Autonomisten, die russische Sprache und Identität sei gefährdet. Die Gruppe «Von Narva bis Püssi» fordert deswegen eine Autonomie für das Gebiet Idu-Vira.

«Solche Taktiken werden oft angewandt, um Verwirrung zu stiften und den sozialen Zusammenhalt infrage zu stellen», warnt Marta Tuul, eine Vertreterin des estnischen Inlandgeheimdienstes (ISS). «Es handelt sich dabei um eine billige Methode, die Gesellschaft zu provozieren und in Angst zu versetzen», erklärte Tuul dem baltischen Onlineportsal Delfi. Tuul kündigte eine strafrechtliche Untersuchung an.

Auch die Politik ist alarmiert. Der liberale Premierminister Kristen Michal warnte vor einer Spaltung der Gesellschaft. Aussenminister Margus Tsachna tweete: «Bleibt ruhig und wachsam!». Damit könne solchen Umtrieben am besten etwas entgegen gehalten werden. (aargauerzeitung.ch)

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